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Gießens bewegte 80er

  • vonOliver Schepp
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"Wer sich an die 80er erinnert, hat sie nicht miterlebt", hat Sänger Falco mal gesagt. Eventuelle Wissenslücken kann man nun im Alten Schloss schließen, denn dort widmet sich die neue Ausstellung eben jenem Jahrzehnt - und das mit starkem Gießen-Bezug.

Nur ein einziges Ausstellungsstück der neuen Schau "Feuer und Flamme für die Stadt: Das bewegte Gießen der 80er Jahre" konnte das Oberhessische Museum aus seinem Fundus beisteuern: den Neuerwerb einer "Stern"-Originalausgabe aus dem Jahr 1986, in der über Gießens "schwarz gekleidete Frauen" und ihren Anti-Atomkraft-Protest berichtet wurde. Alle anderen Exponate haben Privatpersonen oder Initiativen als Leihgaben zur Verfügung gestellt.

Kern der Schau, die am morgigen Donnerstag im Alten Schloss eröffnet wird, sind Plakate aus den 80ern, die Gießens Frauenbeauftragte Friederike Stibane aufbewahrt hatte. Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch und die Kuratorinnen Linn Mertgen und Dr. Julia Schopferer haben aus der "irren Fülle des Materials" und anhand von unzähligen Gesprächen mit Zeitzeugen eine Ausstellung zusammengestellt, die Schlaglichter zu Themen der Zeit bietet. Sie alle haben auch heute noch Relevanz. Die Schau lädt im ersten Stock des Museums zur Zeitreise ein - überwiegend mit Plakaten, aber auch mit Filmausschnitten und Fotos sowie jeder Menge Lesestoff, darunter auch eine eigens gedruckte Ausstellungszeitung.

Schon am Eingang werden die Besucher auf die 80er in der BRD eingestimmt - mit Fotos, die im Gedächtnis haften geblieben sind wie Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen oder ein RAF-Fahndungsplakat. Dazu gibt es via Kopfhörer Songs der Zeit.

Weil Gießen eben "Großstadt im Kleinstadtformat ist", wie Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz beim Vorabrundgang treffend bemerkte, spiegeln sich bundesweite Themen in der "bewegten" Geschichte der Stadt. Wo genau die dafür relevanten Orte waren, erkennt man auf einem großen Stadtplan auf dem Boden. Fotografien von besetzten Häusern, etwa der Südanlage 20, oder von einer Räumung in der Gutenbergstraße, erinnern daran, dass auch in Gießen gegen den Leerstand von Wohnraum protestiert wurde.

Die erste autonome Frauengruppe gründete sich in Gießen schon 1973. Auch die Frauenforschung an der Universität gab Impulse. Daran wird in einem anderen Teil der Ausstellung erinnert. Und natürlich dürfen Demo-Plakate gegen den Paragraph 218, und aus dem aktuellen Kampf der Gießener Ärztin Kristina Hähnel gegen den Paragraph 219a nicht fehlen.

Eine Ausstellung über die 80er Jahre ohne Beispiele für Demonstrationen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, gegen Atomkraft und Aufrüstung wäre undenkbar. In Gießen, wo zudem Atomwaffen im US-Depot gelagert wurden, verband sich die Bewegung im Widerstand gegen die atomare Aufrüstung mit der Friedensbewegung: Fotos von Mahnwachen der schwarz gekleideten Frauen oder Aufnahmen von Demos auf dem Anlagenring dokumentieren dies.

Nicht jedem Ausstellungsbesucher dürfte noch in Erinnerung sein, dass schon in den 80er Jahren die "Radlerinitiative" oder der Gießener Kreisverband des Verkehrsclubs den Ausbau des Radwegenetzes in der Stadt gefordert hatten und bereits in den 80er-Jahren gegen den geplanten Bau eines Parkhauses am Oswaldsgarten protestiert wurde. Und auch, dass die Schwulen- und Lesbenbewegung in Gießen stark vertreten war, wie weitere Plakate belegen.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Plakaten, weniger auf einzelnen Protagonisten der jeweiligen Bewegungen. Ein "kommunikatives Rahmenprogramm", so Weick-Joch, wird daher die Schau mit Leben füllen. Und im "Freiraum" können Besucher aufschreiben, wofür sie heute auf die Straße gehen würden oder Erscheinungsjahre von "Spiegel"-Titelblättern erraten.

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