Christel Hahn und ihr unternehmungslustiger Kater Jackson. FOTO: SCHEPP
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Christel Hahn und ihr unternehmungslustiger Kater Jackson. FOTO: SCHEPP

Wilder Feger

Das ist Gießens bekanntester Kater

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Er war schon im Altersheim zu Besuch, in der Tanzschule, der Autowerkstatt und im Eiscafe. Jackson begleitet Jogger, flirtet mit Spaziergängern und liegt am Schwanenteich in der Sonne. Der Kater ist im Eichgärtenviertel berühmt, und wohl kaum ein Tier wird öfter "gerettet" als er - was die Besitzer nervt.

Unsere Verabredung hält Jackson nicht ein. Er kann nicht. Der Kater sitzt fest. Christel Hahn ist genervt. "Schon wieder", sagt sie und beendet das Telefongespräch. Tasso, das Haustierzentralregister, hat sie soeben informiert, dass ihr Vierbeiner ins Tierheim gebracht worden ist. Vor zwei Stunden hat Jackson in "seinem" Garten in der Pestalozzistraße noch Mäuse gejagt. Dann ging er spazieren - und wurde prompt "gerettet".

Die Besitzerin kann nicht mehr zählen, wie oft sich diese Geschichte schon wiederholt hat. Während viele Katzen mit Fremden nichts zu tun haben wollen und eigenbrötlerisch ihrer Wege gehen, ist Jackson ein geselliger und ausgesprochen kommunikativer Typ. Und er ist wunderschön, was ein Teil des Problems ist. Der Kater wurde im August 2019 geboren, seine Mutter ist eine Abbessiner Katze sein Vater Tonkaneser. Der edle Mix ist feingliedrig und schmal, was in unwissenden Passanten das Bedürfnis weckt, ihn zu füttern. "Fatal", stöhnt Tierärztin Hahn, denn dann folgt er ihnen erst recht. "Er ist ein gesundes Tier, das gerne zu Hause ist, das aber auch seine Ausflüge braucht", sagt sie. "Es besteht kein Anlass, ihn einfach einzupacken".

Jackson ist ein Freigänger. So nennt man nicht nur Häftlinge mit Ausgangserlaubnis, sondern auch Katzen, die hinaus dürfen. Ein Leben als Wohnungskatze wäre für ihn eine Qual. Er braucht seine Freiheit und soll sie auch bekommen. "Solche Tiere können krank werden, wenn man sie einsperrt", weiß die Medizinerin. Für diese Einstellung wird Hahn kritisiert: Von selbst ernannten Experten auf der Straße oder in den sozialen Medien. Das geht sogar so weit, dass sie aufgefordert wird, sich von dem Tier zu trennen.

Tatsächlich war sie schon einmal fast so weit. Nicht, weil sie ihn loswerden wollte, sondern weil sie hoffte, auf dem Land könnte Jackson ein ungestörteres Leben führen. Doch die Idee, den Kater umzusiedeln, legte sie schnell wieder ad acta, nachdem Mann und Söhne lautstark protestierten - und natürlich hängt auch sie an Jackson. Sie hat ihn vom ersten Tag seines Lebens begleitet, er ist eine außergewöhnliche kleine Persönlichkeit. "Wenn man uns einfach in Ruhe lassen würde, wäre alles gut", sagt Hahn. Immerhin sei es Diebstahl, wenn man etwas mitnehme, was einem nicht gehöre. Nach einem Grundsatzurteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe darf man fremde Tiere auch nicht füttern: Es stellt einen "rechtswidrigen Eingriff in das Eigentum" eines anderen dar. Mit juristischen Geschützen aufzufahren liegt Familie Hahn eigentlich fern, doch der ständige Hype um das Tier hat an den Nerven gezerrt.

Anfang des Jahres haben sie es mit flächendeckender Aufklärung versucht. Jackson und sein Freiheitsdrang wurden per Handzettel in der Nachbarschaft bekannt gemacht. Genützt hat das wenig, ständig fanden sich neue Katzenkümmerer. Mittlerweile trägt Jackson ein Halsband mit Telefonnummer, und mehrmals in der Woche ruft jemand an, der das vermeintlich abhanden gekommene Tier gefunden hat. In diversen Facebookgruppen ist Jackson ebenfalls bekannt. Wird dort der Fund des jungen Katers gemeldet, kommt die prompte Antwort: "Lass den da sitzen, das ist Jackson, der ist hier weltberühmt".

Im Tierheim gibt es neuerdings die Order, Jackson nicht mehr aufzunehmen. "Natürlich", sagt Astrid Paparone, die erste Vorsitzende des Tierschutzvereins, könne nicht jeder Mitarbeiter das Tier kennen. Deshalb wurden nun alle schriftlich darüber informiert, dass der Kater bekannt ist und ein Zuhause hat. Wann immer es möglich ist, leisten die Tierschützer Aufklärung. Bevor man ein Tier ins Tierheim bringt, sollte man es eine Zeitlang am Fundort beobachten und Anwohner befragen. Auch das Erscheinungsbild gibt Aufschluss: Eine gepflegte Katze hat in der Regel ein Zuhause. Das sieht auch Ilona Kreiling vom "Katzenreich" in Heuchelheim so. Die Tierschützerin ist froh, wenn Menschen nicht gleichgültig vorüber gehen, aber auch sie hält nichts davon, Katzen sofort mitzunehmen. "Man muss besonnen handeln".

Jacksons Ausflug ins Tierheim war am Nachmittag beendet. Freudig begrüßte er daheim seine Menschen, die beiden Hunde und die zwei anderen Katzen. Und morgen folgt ein neues Abenteuer.

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