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Nur per Post kann man einen Entschädigungsantrag gemäß Fahrgastrechten stellen.

Ärger über die Bahn

Gießen: Porto-Ärger folgt auf Bahn-Chaos

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Immerhin bekommen wir Geld zurück: Damit haben sich viele Bahnfahrer getröstet, die vom Chaos-Wochenende am 22./23. Juni betroffen waren. Jetzt ärgert sich eine Gießenerin aber erneut.

Gießen (kw). Immerhin bekommen wir Geld zurück: Mit dieser Aussicht haben viele einander getröstet, die vom Bahn-Chaos-Wochenende am 22. und 23. Juni betroffen waren. Eine Gießenerin indes ärgert sich jetzt noch einmal: "Warum kann ich meinen Antrag nicht online oder in der Mobilitätszentrale stellen, sondern muss ihn per Post schicken? Ich zahle 80 Cent Porto, um sechs Euro zu erhalten." Antwort: Sie hätte statt der gesetzlichen Bahn-Fahrgastrechte besser die "Zehn-Minuten-Garantie" des Rhein-Main-Verkehrsverbunds in Anspruch genommen. Doch dafür ist es inzwischen zu spät.

Die GAZ-Leserin hatte an jenem Sonntag vier Stunden für die Fahrt von Darmstadt nach Gießen gebraucht. Ihr RMV-Einzelfahrschein mit Bahncard-Rabatt kostete zwölf Euro. Bei einer Verspätung ab zwei Stunden steht ihr nach Gesetz die Hälfte davon zu. Den Antrag dafür muss man innerhalb eines Jahres abgeben. Weil sie viel anderes um die Ohren hatte, ließ sie sich Zeit.

Mit den ausgefüllten Bögen ging sie schließlich zur "Mobilitätszentrale" im Neuenweg. Und erfuhr: Dort - oder über das Internet - kann man zwar Anträge auf Erstattung nach der "Zehn-Minuten-Garantie" des Verkehrsverbunds abgeben, aber nicht diejenigen nach Gesetz. Die gilt es an eine Postfachadresse in Frankfurt zu schicken. Adressat ist die "Servicegesellschaft" des RMV, bearbeitet werde der Vorgang aber von der Deutschen Bahn, hieß es.

"Muss ich den Umschlag frankieren?" Wahrscheinlich schon, sagten die Angestellten dort, und das bestätigte ein Mitarbeiter des RMV-Servicetelefons. Erst jetzt befasste sich die Gießenerin mit den Modalitäten der Zehn-Minuten-Garantie und erfuhr, dass sie wahrscheinlich auch auf diesem Weg sechs Euro erhalten hätte. Allerdings hätte sie diesen Antrag innerhalb von sieben Tagen einreichen müssen. Entgeistert fragt sie: "Warum kann man die freiwillige Zehn-Minuten-Garantie komfortabler (online, Mobilitätszentrale) in Anspruch nehmen als die gesetzlichen Fahrgastrechte?"

Ärger über die Bahn: 57 500 Anträge zu Gießen-Strecke

Weil der RMV besonders gut sein will, lässt sich aus der Antwort auf eine GAZ-Anfrage herauslesen. "Da wir um die Vorteile wissen - sowohl aus Fahrgastsicht als auch für uns -, erfolgt die Bearbeitung von Anträgen im Rahmen der RMV-Zehn-Minuten-Garantie bewusst digital", erklärt ein Sprecher. Die Garantie sei inhaltlich so konzipiert, dass sie fast immer die Ansprüche aus den gesetzlichen Fahrgastrechten übersteigt. "Entsprechend haben die Fahrgastrechte im Eisenbahnverkehr im RMV-Gebiet erheblich an Bedeutung verloren. Zukünftig ist eine digitale Bearbeitung aber auch hier überlegenswert. Wir beobachten daher gespannt entsprechende Überlegungen der Deutschen Bahn." Der Verbund wünsche sich "bundesweit einheitliche Abläufe".

Der RMV hat den freiwilligen Kundenservice vor zwei Jahren gestartet. Seitdem wurden rund 1,6 Millionen Anträge bearbeitet und 3,8 Millionen Euro ausgezahlt. Mehr als 90 Prozent der Antragsteller besitzen eine Zeitkarte. Die Strecke Gießen-Frankfurt mit den Bauarbeiten-Wochenenden stehe dabei keineswegs an der Spitze, betont der Sprecher. Es dominierten die besonders stark genutzten S-Bahnlinien wie S2 und S8 oder Regionalverkehrslinien auf besonders belasteten Strecken wie Frankfurt-Fulda.

Hohe Fahrgastnachfrage, dichte Netzauslastung und dazu die laufenden Bauarbeiten für den Bau eigener S6-Gleise sorgen indes auch auf der Verbindung Frankfurt-Gießen-Kassel zu häufigen Verspätungen. Für diese Strecke wurden seit Einführung der Zehn-Minuten-Garantie rund 57 500 Anträge gestellt und rund 184 000 Euro ausgezahlt.

Die Leserin wird nun ihren Antrag per Post versenden - auch wenn sich der Aufwand für 5,20 Euro kaum lohne. "Mir geht es eher ums Prinzip. Die Leistung wurde extrem mangelhaft erbracht, dafür möchte ich irgendeine Art Ausgleich sehen."

Laut Bahn waren am Wochenende 22./23. Juni die Baustellenfahrpläne nicht rechtzeitig ins Auskunftssystem eingespielt worden. Zahlreiche GAZ-Leser berichteten indes von wiederholt ausfallenden Zuganzeigen und erheblichen Verspätungen.

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