Carola Bahnsen hat den Überblick über die üppig bestückte Tortenvitrine im Café Geißner.
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Carola Bahnsen hat den Überblick über die üppig bestückte Tortenvitrine im Café Geißner.

Mensch, Gießen

Die Frau hinter dem Café Geißner: Gießenerin herrscht über ein süßes Reich

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Sie ist das Gesicht des Café Geißner. Hier erzählt Carola Bahnsen, dass sie zufällig in die Konditorei-Branche geriet - und wie es ihr gelingt, den köstlichen Versuchungen meistens zu widerstehen.

Was würdest du in deinem Leben ändern, wenn du könntest? "Wenn mir jemand diese Frage stellt, sage ich: Nichts. Ich würde alles wieder genau so machen." Carola Bahnsen strahlt. Gut gelaunt und immer auf Zack - so kennen die Gäste des Café Geißner die 47-Jährige. Seit über 20 Jahren führt sie mit ihrem Lebensgefährten Arnd Fischer den Traditionsbetrieb. "Ich liebe meinen Job."

Etwas Schönes gestalten oder üppig verpacken: Weil sie daran schon immer Spaß hatte, suchte die gebürtige Remscheiderin nach dem Realschulabschluss eine Lehrstelle als Schauwerbegestalterin. Vergeblich. Zufällig erfuhr sie, dass eine Konditorei eine Auszubildende sucht. "Ich habe schon immer mit meiner Oma zusammen gern gebacken - der Klassiker, das sagen unsere Azubis auch oft als Begründung für die Berufswahl", lacht sie. Plötzlich konnte sie sich die Stelle aussuchen und entschied sich für ein Traditonscafé in Paderborn: Handwerkliche Herstellung, ein vielfältiges Sortiment einschließlich Eis und Pralinen, man legte Wert auf ansprechende Präsentation. Sehr schnell war ihr klar: "Das ist genau mein Ding."

Auch für die überbetrieblichen Ausbildung konnte sie sich begeistern. In jedem Lehrjahr gab es ein externes Seminar. Eine der Ausbilderinnen dort war Rita Horstmann. Sie wurde eine Freundin fürs Leben und ein Vorbild nicht nur in fachlicher Hinsicht. "Ich habe mir bei ihr abgeschaut, wie man es schafft, jeden Tag fröhlich an die Arbeit zu gehen."

Eine weitere prägende Begegnung war die mit Arnd Fischer. Ihren heutigen Lebensgefährten lernte Carola Bahnsen in Iserlohn kennen, wo beide im renommierten Familienbetrieb Spetsmann als Konditoren tätig waren. Zunächst waren sie nur befreundet. 1997 wurden sie ein Paar. Da hatte er bereits seinen Meister gemacht und war nach unterschiedlichen Stationen zu Spetsmann zurückgekehrt; sie arbeitete in einem Café in Lüdenscheid.

Während ihrer "Wanderjahre" hatte die junge Gesellin Einblicke in unterschiedlichste Backstuben erhalten; auch in solche, in denen die Wiener Creme so hergestellt wurde: "Tüte auf, Wasser dazu, fertig." Sie selbst wollten auf Qualität, Handarbeit und hochwertige Zutaten setzen, wenn sie sich eines Tages den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen würden - darin war sich Carola Bahnsen mit ihrem Partner einig.

Als beide seine Eltern in Reiskirchen besuchten, zeigte er ihr seinen Lehrbetrieb - das Café Geißner. Eher nebenbei erwähnten beide gegenüber dem Inhaber, dass sie einen eigenen Betrieb suchen. "Am nächsten Tag hat er angerufen und uns das Angebot gemacht. Wir mussten gar nicht überlegen, wir kannten ja den Betrieb und die Familie."

Für Carola Bahnsen bedeutete der Schritt in die Selbstständigkeit im Jahr 1999 indes den Abschied von der Backstube, der ihr nicht ganz leicht fiel. Doch die Chefs wollten in beiden Bereichen präsent sein. Ihr Reich wurde das Geschäft vorn; auf die Aufgaben im Verkauf und Service bereitete sie sich drei Monate lang wiederum bei Spetsmann vor.

"Wir haben Vollgas gegeben." Die jungen Pächter krempelten das Sortiment um und sorgten für "neues Tempo". Optische Renovierungen gingen sie behutsam an. Eine Kundin, die mit Tränen in den Augen darum bat, den Nebenraum bloß nicht zu modern zu gestalten, konnte Carola Bahnsen beruhigen. Privat mag sie es zwar "clean, fast steril, in unserer Wohnung oben ist alles weiß". Im Café aber bleibt der Stil eines Wiener Kaffeehauses erhalten, Holzvertäfelung und Sessel mit Samtbezug inklusive. Die Tischdecken allerdings werden demnächst ausrangiert.

Einerseits die - einst vorwiegend älteren - Stammkunden halten, andererseits neue gewinnen: Das ist gelungen. Jahr für Jahr sei es bergauf gegangen, mittlerweile platzten die Räume eigentlich "aus allen Nähten", erzählt Carola Bahnsen. Einen Anteil daran habe der Aufschwung der Plockstraße - "wir profitieren von der Gastronomie um uns herum" - und der Trend zum bewussten Genießen. Ein weiterer Faktor: "Wir ergänzen uns perfekt. Ich bin jemand, der gerne schenkt. Mein Mann kalkuliert eher." Beide haben viel Freude daran, ihr Wissen an ihre zahlreichen Azubis weiterzugeben, und sind stolz auf deren zahlreiche Erfolge.

Vor allem aber steckt viel Fleiß hinter dem stetigen Umsatzplus. Ein normaler Arbeitstag dauert von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. "Zeit freigeschaufelt" haben sich die Eltern und besonders die Mutter, um den heute 14-jährigen Sohn großzuziehen. "Von Anfang war es uns wichtig, zweimal im Jahr Urlaub zu machen", seit Jahren fast immer im selben Strandhäuschen in Holland.

Wert legt die 47-Jährige außerdem auf "viel Sport". Jeden Morgen bewegt sie sich eine Stunde lang draußen - im Sommer auf Rollschuhen, sonst zu Fuß. Einmal in der Woche trainiert sie Pilates, gern fährt sie Fahrrad.

Dass es ihr dabei auch um die Figur geht, räumt sie offen ein. "Schon mit 13 Jahren habe ich Größe 44 getragen." Auf eigene Faust gelang es ihr abzunehmen. "Da wollte ich nie wieder hin." Diese Erfahrung helfe ihr, der täglichen Versuchung zu widerstehen. "Wenn ich morgens unsere frischen Croissants sehe, würde ich gern hineinbeißen" - aber sie tut es fast nie. Von Torten und anderen Köstlichkeiten "nasche ich mal". Arnd Fischer präzisiert: "Ich habe sie noch nie ein ganzes Stück Kuchen essen sehen."

Carola Bahnsens guter Laune tut das keinen Abbruch. Gerade jetzt in der Corona-Krise sei der Umgang mit den Kunden eine Freude. "Viele sind richtig glücklich darüber, dass wir weiter für sie da sind."

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