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Khatera hat es aus Kabul herausgeschafft. Jetzt hat sie große Angst, dass die Taliban ihre Familie töten.

Afghanistan

„Auch wenn wir sterben, musst du gehen“: Gießenerin berichtet über ihre Flucht aus Kabul

Für die Menschen in Afghanistan ist die aktuelle Lage eine Katastrophe. Die Gießenerin Khatera hat das am eigenen Leib erfahren. Sie war bis vor wenigen Tagen in ihrem Heimatland. Sie konnte fliehen, ihre Familie jedoch nicht. Jetzt fürchtet sie um das Leben ihrer Liebsten.

Gießen – Die 25-jährige Kathera sitzt in einem Besprechungsraum des Gießener Rathauses. Der Ausländerbeirat hat ihr diesen Platz vermittelt. Kathera hat darum gebeten, über das sprechen zu können, was sie in den vergangenen zwei Wochen in ihrem Heimatland Afghanistan erlebt hat. Doch das ist nicht so einfach. Immer wieder versagt ihr die Stimme. »Ich habe große Angst um meine Familie«, sagt sie. Dann kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Kathera ist vor neun Jahren nach Gießen gekommen. Sie hat Deutschkurse belegt, ihren Hauptschulabschluss nachgeholt und die Mittlere Reife gemeistert. Aktuell besucht sie die Abendschule und macht Abitur. Als ihr Vater einen Schlaganfall erlitt, reiste sie zu ihrer Familie nach Kabul. Dass die Taliban wenige Wochen später das Land zurückerobert haben würden, war für die 25-Jährige undenkbar.

Gießenerin über ihre Flucht aus Kabul: Sie musste die Soldaten überzeugen

»Auch wenn wir sterben, musst du gehen. Du hast eine Aufenthaltserlaubnis«. Diese Worte habe ihre Mutter am 15. August zu ihr gesagt, erzählt Kathera. Kurz zuvor seien die beiden in Kabul in der Stadt unterwegs gewesen. Plötzlich hätte eine Menschenmenge ihnen zugerufen, dass sie schnellstmöglichst nach Hause müssten. »Weil ich keinen Hijab getragen habe«, sagt Kathera. Da sei klar gewesen: Die Taliban kommen.

Am Folgetag sei sie zusammen mit ihrem 17-jährigen Bruder zum Flughafen gefahren, sagt Kathera. »Tausende Menschen standen davor, sie wollten alle ausreisen.« Als sie mit ihrem Bruder aus dem Taxi gestiegen sei, habe sie gesehen, wie Talibankämpfer Männer, Frauen und Kinder geschlagen hätten. An anderer Stelle hätten US-Soldaten das Feuer eröffnet und nicht nur Taliban-Kämpfer getroffen. »Es war eine Katastrophe. Was ich gesehen habe, kann ich nicht beschreiben. Ich hatte Angst zu sterben«, sagt Kathera. Zusammen mit ihrem Bruder sei sie daraufhin wieder nach Hause gefahren. Am nächsten Tag hätten die beiden einen neuen Anlauf unternommen.

Es fällt Kathera nicht leicht, über die folgenden Stunden zu sprechen. Mehrmals vergräbt sie ihr Gesicht in den Händen und schluchzt. Auch an diesem Tag hätten Tausende Menschen vor dem Flughafen gestanden. Ihr Bruder habe es dennoch geschafft, die beiden durch die Menschenmenge bis nach vorne zu schleusen. »Die Taliban haben die ganze Zeit Frauen geschlagen. Auch mich«, erzählt Kathera. Als die Männer dann von ihr abgelassen und ihren Bruder angegriffen hätten, habe er nur gerufen: »Lauf!« Und so habe sie sich durchgekämpft, bis sie schließlich von einem deutschen KSK-Soldaten aufgegabelt worden sei. Kathera sagt, sie hätte viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, schließlich habe sie keinen deutschen Pass, sondern nur eine Aufenthaltserlaubnis. Schlussendlich habe einer der Soldaten jedoch gesagt: »Wir nehmen dich mit.«

Gießenerin bangt um ihre Familie in Afghanistan

Natürlich ist die Gießenerin glücklich, dieser Hölle entkommen zu sein. Gleichzeitig macht sie sich große Sorgen. Zum Beispiel um ihren kleinen Bruder, der sein Leben riskiert habe, damit sie in Sicherheit gelange. Er sei durch die Schläge der Taliban schwer verletzt worden.

Aber auch der Rest der Familie sei in großer Gefahr. »Mein Vater hat als Kameramann für das Fernsehen gearbeitet und sich dabei für Frauenrechte eingesetzt«, erzählt Kathera. Schon vor etlichen Jahren sei er von den Taliban misshandelt worden. »Meine Familie befindet sich derzeit in einem Versteck. Wenn die Taliban sie finden, wird meine ganze Familie vernichtet«, sagt Kathera. Unter Tränen fügt sie an: »Wenn meiner Familie etwas passiert, will ich auch nicht mehr leben.«

Kathera hat schon unzählige E-Mails an die deutschen Behörden geschrieben. In der Hoffnung, dass ihre Familie gerettet wird. Die 25-Jährige weiß aber auch, dass die Chancen schlecht stehen. Ihre Eltern und Geschwister haben keinen ausländischen Pass, sie gelten auch nicht als Ortskräfte oder »Afghan allies«. Trotzdem will sie die Hoffnung nicht aufgeben.

»Ich kann nicht essen und nicht schlafen«, sagt Kathera. Nachts starre sie auf ihr Handy und hoffe darauf, von den Behörden eine positive Nachricht zu bekommen. Bisher blieb das Handy stumm.

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