Zügig einkaufen, nichts anfassen: Auf dem Wochenmarkt hängen allerorten Verhaltensregeln aus. FOTO: KW

Wegen Geschäfte-Schließung

Gießener Wochenmarkt belebt wie lange nicht

Die Corona-Sperre sorgt für eine relativ leere Fußgängerzone in Gießen. Auf dem Wochenmarkt, der geöffnet sein darf, herrscht daggen Betrieb wie schon lange nicht mehr.

Gießen(kw). "Manche Leute bekommen überhaupt nichts mit. Einige haben heute Morgen um neun Uhr an den Türen gerüttelt", erzählt Iris Damm. Jetzt steht die Karstadt-Verkäuferin vor dem dunklen Eingang des Kaufhauses und lächelt in die Kamera, die ihr Kollege Oliver Förster aufgebaut hat. Sie nehmen einen Film für ihre Facebook-Seite auf, in dem sie darauf hinweisen, dass Karstadt zwar geschlossen, die Lebensmittelabteilung - erreichbar über die Kinogasse - aber nach wie vor geöffnet hat.

An Türen gerüttelt

Der Seltersweg ist beinahe menschenleer am Tag eins der Corona-Sperre. Auf dem Wochenmarkt herrscht indes so reger Andrang wie seit Monaten nicht an einem Mittwoch.

"Ich dachte, alle hätten ihre Hamster längst gekauft", scherzt Marktbeschicker Michael Zörkler. Warum einige Waren wie Eier oder Brot schon am frühen Morgen heiß begehrt waren und auch nun am Mittag lebhafter Betrieb herrscht, darüber kann er nur spekulieren. "Vielleicht sind die Leute froh, dass sie mal rauskommen?" Er selbst freut sich vor allem darüber, dass er - im Gegensatz zu vielen anderen Selbstständigen - weiterarbeiten darf, wenn auch mit einigen Extra-Vorkehrungen: "Meine Säfte verkaufe ich nicht mehr offen, und wir waschen uns häufig die Hände." An jedem Marktstand hängen Verhaltensregeln für die Kunden aus: Aufenthalt nicht unnötig ausdehnen, keine Hände schütteln, Abstand halten.

Der Gemüsehändler Joachim Viehmann bittet auf Schildern darum, die Ware nicht anzufassen. Der verhältnismäßig große Kundenstrom könnte damit zu tun haben, "dass man hier im Freien einkauft und dass sich die Leute jetzt besonders gesund ernähren wollen", mutmaßt er. Eric Döbele, Sprecher der Marktbeschicker, ergänzt: Möglicherweise ist der gute Zuspruch schlicht dem Wetter geschuldet. "Dies ist seit Langem der erste Markttag, an dem es weder regnet noch stürmt." Die Corona-Einschränkungen sieht Döbele mit Sorge. "Wer wird Spargel und Erdbeeren in Deutschland ernten?"

In der Fußgängerzone sind nur einzelne Läden beleuchtet. Bäcker, Drogerien, Apotheken, Reformhäuser, Lotto-Annahmestellen gehören zu den Branchen, die als notwendig gelten. Auch ein Foto-Geschäft hat geöffnet. "Weil wir eine Poststelle haben", erklärt Mitarbeiter Robert Lohmann. "Wir merken deutlich, dass die Ladeninhaber verstärkt auf Online-Handel setzen und uns Pakete bringen." Auch die Zahl von Einschreibe- und Priorität-Briefen nehme zu, mit denen Bürger Dokumente beispielsweise an Behörden oder ihre Krankenkasse schicken.

Optiker dürfen ebenfalls öffnen. Bei manchen müssen Spontankunden bei Normalbetrieb oft lange warten - heute freut sich das Personal über jeden, der eine Brille aussuchen oder sich zu Kontaktlinsen beraten lassen will. Ein Angestellter deutet auf Nachfragen an: Gut möglich, dass sich die Filiale demnächst freiwillig der Corona-Pause anschließt. Unter diesen Umständen dürfte sich der Betrieb auf Dauer kaum lohnen, bestätigt die Mitarbeiterin einer Imbisskette. "Hier ist tote Hose. Wir bekommen ständig neue Infos von oben."

An den Tischen vor den Bäckereifilialen tauschen sich einige Fußgängerzonen-Stammgäste aus. Der Innenstadttrubel fehle ihnen, gestehen zwei junge Frauen. "Ich bin eine totale Café-Sitzerin. Leider geht das jetzt nur noch bis 18 Uhr", bedauert eine 23-Jährige. Wahrscheinlich werde sie sich nun abends zu Hause mit Freunden treffen. "Ich will mich nicht verbarrikadieren."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare