Die Stadt will das Aufstellen von wetterfesten Außenanlagen wohlwollend prüfen. Vielleicht ja auch für den Kirchenplatz?
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Die Stadt will das Aufstellen von wetterfesten Außenanlagen wohlwollend prüfen. Vielleicht ja auch für den Kirchenplatz?

Umsatzverluste drohen

Gießen: Wirte mit besonderen Ideen für Corona-Herbst - Stadt nicht für alles offen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Corona-Herbst bereitet den Gastwirten Sorge. Sie fordern daher eine Genehmigung für den Aufbau von Zelten und anderen wetterfesten Außenanlagen. Die Stadt zeigt sich offen - aber nicht für alle Ideen.

Giancarlo Biscardi steht auf der Terrasse seines Restaurants Gianoli. An den Tischen, die hier in der Plockstraße unter freiem Himmel stehen, ist kaum ein Platz frei. »Wir hatten Glück, dass nach dem Lockdown so gutes Wetter war. Ich hätte bis zum Karstadt Tische aufstellen können.« Doch der Sommer liegt in seinen letzten Zügen, der Winter naht. Und das bereitet Biscardi Sorgen.

Corona hat den Gastwirten einiges abverlangt. Anfangs durften sie Speisen nur zur Abholung oder Lieferung anbieten. Seit Mitte Mai können die Wirte wieder Publikum empfangen, allerdings müssen sie für den obligatorischen Mindestabstand sorgen. Biscardi hält die Hygienevorschriften für richtig. Er weiß aber auch: Mehr Abstand heißt weniger Tische, und das sorgt für weniger Umsatz. »Bei mir fallen durch die Abstandsregelung die Hälfte aller Plätze weg.« Durch die Außenbewirtschaftung habe er das in den vergangenen Wochen auffangen können. Doch damit ist bald Schluss. »Wenn wir den Herbst und den Winter nur die Hälfte unseres Umsatzes machen, gehen wir kaputt. Das überlebt kein Gastronom.«

Mit Zeltwänden gegen die Kälte

Stefan Herzog, der Vorsitzende des Gießener Hotel- und Gastronomieverbands (Dehoga), kennt die Sorgen seiner Branche. »Durch die Verordnungen kann man auf Dauer nicht wirtschaftlich arbeiten. Die einzige Lösung wäre, die Saison zu verlängern und auch im Herbst eine Außenbewirtschaftung anzubieten. Das geht aber nur mit einem Wetterschutz.« Herzog betont, dass es durchaus attraktive Umsetzungsmöglichkeiten gebe, die das Stadtbild nicht beeinträchtigen.

Biscardi sieht es ähnlich. Er hat sich daher intensiv mit Möglichkeiten beschäftigt, wie er seine Gäste auch in den nasskalten Monaten draußen bewirten könnte. Anfangs habe er an eine bodenungebundene Gehäusestruktur namens »Tubbo« gedacht, die eine Wetzlarer Firma vertreibt. »Das war mir nach den harten Corona-Wochen aber zu teuer.« Und es wäre ihm auch nicht genehmigt worden.

»Wir sehen die Not der Gastronomen und wollen sie unterstützen«, sagt Bürgermeister und Ordnungsdezernent Peter Neidel. Eine Genehmigung besagter Gehäusestruktur könne er sich für die Plockstraße jedoch nicht vorstellen. Unter anderem würde sie die Feuerwehrzufahrt behindern, außerdem müssten Laternen umgesetzt werden.

Das heißt aber nicht, dass diese »Tubbo«-Bauten an anderen Orten der Innenstadt nicht doch bald zu sehen sein werden. Neidel begründet seine Ablehnung explizit mit den Gegebenheiten in der Plockstraße. Dirk Daniels, der Geschäftsführer der diese Bauten anbietenden five live GmbH mit Sitz in Wetzlar, bestätigt, dass er mehrere Anfragen von Gießener Gastronomen habe.

Für das Gianoli ist diese Variante jedoch keine Option. Andere Lösungen wie zum Beispiel kleinere Zelte oder aber Sonnenschirme, die mit einer seitlichen Verkleidung und Infrarotheizungen ausgestattet werden, hält Neidel hingegen für umsetzbar. »Wir werden solche Ideen wohlwollend prüfen«, betont der Bürgermeister und verrät, dass dem Ordnungsamt mehrere diesbezügliche Anfragen vorliegen. Wichtig sei, dass sich die Aufbauten auf den Flächen bewegen, die auch bisher für die Außengastronomie genutzt werden. Außerdem müsse sichergestellt sein, dass angrenzende Einzelhändler nicht beeinträchtigt werden. »Es geht zum Beispiel nicht, dass Schaufenster oder Eingänge versperrt werden.«

Holzhütte vor den Hawwerkasten?

Hawwerkasten-Wirt Maurice Zach-Zach macht sich ebenfalls Gedanken über eine Außenbewirtschaftung über den Sommer hinaus. »Ich habe für den Winter schon etliche Weihnachtsfeiern, die noch vor Corona gebucht worden sind. Da ich im Innenraum aber weniger Gäste empfangen kann, müsste ich eigentlich vielen Gruppen absagen.« Der Gastronom spielt daher mit dem Gedanken, eine Holzhütte vor seine Kneipe zu stellen. »Ich weiß aber nicht, ob das genehmigt wird.«

Das kommt wohl darauf an, ob die Umsetzung den von Neidels geschilderten Voraussetzungen entspricht. »Generell rufe ich die Gastwirte dazu auf, sich vor teuren Anschaffungen mit uns in Verbindung zu setzen. Damir sie keine Investitionen tätigen, die wir dann nicht genehmigen können.« Gleichzeitig betont der Bürgermeister, dass es sich hierbei ausdrücklich um eine Coronahilfe handelt, die sich auf den anstehenden Winter beschränkt. »Solche Maßnahmen können keine Dauerlösung sein. Wir haben andere Ansprüche an die Gestaltung des öffentlichen Raums.«

Um mehr geht es den Gastronomen derzeit auch nicht. Sie wollen nur sicher durch die kalte Jahreszeit kommen. Für Biscardi hat sich die von Neidel angekündigte »wohlwollende Praxis« übrigens bestätigt. Der Gastwirt hat innerhalb kürzester Zeit die Erlaubnis erhalten, seine Sonnenschirme mit Seitenwänden und Heizungen ausstatten zu dürfen. In der Plockstraße werden die Gießener auch im Winter draußen sitzen.

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