"Gießener Weg" gesucht

  • Karola Schepp
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Kulturgewerbehöfe gibt es an vielen Orten. In Gießen noch nicht. Er soll jedoch in der ehemaligen Feuerwache in der Steinstraße entstehen. Aber wie kann das aussehen? Was ist nötig, gewünscht und finanzierbar? Diesen Fragen gingen auf Einladung des Kulturamts Kreative aus der Stadt bei einem ersten von drei Workshops nach.

Über eines brauchen wir nicht reden: Dass es in Gießen eine breit aufgestellte Kreativszene gibt." Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz begrüßte mit diesen Worten die rund 50 Teilnehmer eines Workshops im Zusammenhang mit einer Machbarkeitsstudie zum geplanten Kulturgewerbehof. Denn dass die Szene in Gießen ungewöhnlich breit gefächert ist, Veranstaltungsräume und Arbeitsräume für Kreative und Start-ups dringend benötigt werden, ist unbestritten.

Doch wie ein in der früheren Feuerwehrwache in der Steinstraße geplanter Kulturgewerbehof gestaltet werden kann, wer als Träger finanzieren könnte oder wie das Ganze organisiert werden kann, all das will die Stadt - die kein Träger sein, aber das Gebäude mit seinen 1500 Quadratmetern Nutzfläche zur Verfügung stellen will - erst einmal herausfinden.

80 Steckbriefe geben Einblick

Der Gesprächsbedarf soll aber nicht bloß an einem runden Tisch geklärt werden, sondern mit externem Know-how und professionellem Coaching gestillt werden. Dafür wurden unter anderem die freie Stadtplanerin Isabel Maria Finkenberger mit dem Studio if+ (Büro für Stadtentwicklung und räumliche Transformation) und Renée Tribble (Expertin für nutzergetragene Prozesse) sowie das Amsel Kollektiv aus Braunschweig engagiert. Kulturamt (Leiter Stefan Neubacher), Wirtschaftsförderung (Petra Stuhlmann) und das Land Hessen (Jakob Sturm als Beauftragter für die Kultur- und Kreativwirtschaft des Landes und Sponsor des ersten Workshops) sind ebenfalls in den Prozess eingebunden.

Bis zum 23. November soll eine Machbarkeitsstudie für die Nutzung der Feuerwache als Kulturgewerbehof vorliegen und als Grundlage für die Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung im Dezember dienen. "Ich hoffe, dass dann die Weichen grundsätzlich gestellt sind", betont die Oberbürgermeisterin.

Zuvor werden in drei Workshops Angehörige der Kreativen- und Kreativwirtschaftsszene befragt. Der erste in der Kongresshalle diente am Montag als "Ideenmarkt". "Eine gute Methode, um Input zu bekommen", betont Kulturamtsleiter Dr. Stefan Neubacher. Zugleich war die Veranstaltung mit Speeddating und Gesprächen zum Leitbild im kleineren Kreis als erstes Kennenlernen der Kreativwirtschaftler und anderen am Kulturgewerbehof Interessierten gedacht. Außerdem galt es, den Raumbedarf zu ermitteln sowie Anregungen zur Erstellung eines Leitbildes zu sammeln. Dieses wird vom Büro in den nächsten Tagen in Worte gefasst und wird dann nachzulesen sein auf www.giessen.de/Stichwort: Kulturgewerbehof.

In den beiden folgenden Workshops (28. September und 14. Oktober) soll es dann um die Wirtschaftlichkeit und bauliche Fragen gehen.

Rund 80 Steckbriefe haben private und in Gruppen organisierte Kreative und Kreativwirtschaftler ausgefüllt und ihre Wünsche und Vorstellungen formuliert. Diese wurden im KiZ ausgehängt. Hieraus ergibt sich folgendes Bild: Fast die Hälfte der Befragten hält eine Miete von 4 Euro pro Quadratmeter für realisierbar, nur noch ein Viertel könnte 6 Euro stemmen. Es gibt aber auch ein paar Wenige, die bis zu 10 Euro zahlen könnten: ein Indiz für das vielfältige Spektrum der Interessierten vom Ehrenamtler, freischaffenden Künstler bis hin zum gut aufgestellten Start-up-Unternehmen. Die Zahlen können aber auch als Hinweis darauf gedeutet werden, dass eine Querfinanzierung möglich sein könnte. Ziel ist es, dass sich der Kulturgewerbehof aus eigener Kraft trägt. Als Trägermodell sind unterschiedliche Varianten denkbar (Genossenschaft, Verein...).

Wichtig ist allen Befragten, dass gut ausgestattete Werkstätten in einem Kulturgewerbehof vorhanden sind, es Möglichkeiten zum Vernetzen gibt, eine Wohnmöglichkeit für Kreative/Künstler als Gäste von außerhalb vorhanden ist und auch Räume für Veranstaltungen (auch Theater) angeboten werden können. Auch ein Gastro-Bereich wird gewünscht. Was realisierbar ist, wird sich zeigen.

Jan Buck von der Urbanautik betonte beim Workshop, dass man "nicht ein neues Epizentrum der Coolness" gründen wolle, sondern es um die Frage gehe, "wie kann man möglichst vielen Menschen den Einstieg erleichtern?" Die Urbanautik hatte 2018 den Auftrag erhalten, ein Projektkonzept für ein Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft zu entwerfen.

Zwei weitere Workshops folgen

Dass die Szene in Gießen "sehr dynamisch" und breit aufgestellt ist, ein ungewöhnlich starkes Interesse am Aktuellen hat ("ein Alleinstellungsmerkmal") und man sowohl auf der Suche nach einem soziokulturellen als auch für Kunst- und Kultur zu nutzenden Kulturgewerbehofmodell ist, konstatierte Jakob Sturm und brachte es auf den Punkt: "Wir werden den ›Gießener Weg‹ finden müssen." Er zeigte sich optimistisch, dass "hier eher so etwas wie ein Zukunftslabor entstehen kann".

Alle Informationen zum Kulturgewerbehof, zur Machbarkeitsstudie, Akteuren, Historie und Leitbild findet man auf www.giessen.de unter dem Stichwort Kulturgewerbehof.

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