Hinter der Info-Tafel beginnt das Naturschutzgebiet im Hangelstein, in dem die Bäume sich selbst überlassen werden. Darauf macht jetzt das Warnschild aufmerksam. FOTO: SCHEPP
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Hinter der Info-Tafel beginnt das Naturschutzgebiet im Hangelstein, in dem die Bäume sich selbst überlassen werden. Darauf macht jetzt das Warnschild aufmerksam. FOTO: SCHEPP

Trockene Wälder

Gießener Waldgebiet Hangelstein: "Betreten auf eigene Gefahr"

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Stadt, Hessen Forst und das Regierungspräsidium nehmen Waldbesucher in die Verantwortung:Auch im Gießener Hangelstein hängen nun Schilder, die auf die Risiken in Folge der Trockenheit hinweisen.

Ernst-Ludwig Krieb zeigt in den Wald hinter der großen Infotafel, die neben dem Hauptweg im Hangelstein steht. Im Hintergrund stehen die ersten Schwächlinge. Eine Buche ist spindeldürr, die andere auf halber Höhe abgebrochen wie ein Streichholz. Im Oberwald des Hangelsteins, hinter der Abteilung, die sich "Teufelspütz" nennt, dort, wo das Naturschutzgebiet beginnt, sollten die Naherholungssuchenden mehr aufpassen. "Betreten des Waldes auf eigene Gefahr. Wegen Trockenheit sterben Bäume ab. Äste und Baumkronen können plötzlich abbrechen und herabstürzen", steht auf dem Schild, das Stadtförster Krieb und Holger Brusius von Hessen Forst an die Infotafel tackern. "Ab dieser Grenze ist die Wahrscheinlichkeit einfach höher, dass ein geschwächter Baum einfach mal umfällt", erklärt Krieb.

Hangelstein ist zweigeteilt

Das hat mit der forstwirtschaftlichen Zweiteilung des Hangelsteins zu tun; im unteren Bereich wird der Wald von der Stadt ganz normal bewirtschaftet, dagegen wurde der Oberwald bereits vor vielen Jahren sich selbst überlassen und zum Naturschutzgebiet erklärt. Während die Wackelkandidaten in den tiefergelegenen Abteilungen gefällt werden, fallen sie oben von selbst um - irgendwann und möglicherweise ohne jede Vorwarnung. Das sollten Wanderer, die zum Beispiel die Tour von der Nordseite über die Schöne Aussicht und die Basaltkuppe Richtung Alten-Buseck oder Wieseck laufen, wissen.

Bäume, die hier sterben, werden nicht verarbeitet, sondern sollen als Totholz Lebensräume für allerhand Pflanzen und Tiere bieten. Ulrike Brockerhoff von der Oberen Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn sie über die Natur des geschützten Oberwalds und die vielen "Habitatbäume" spricht. "Das ist in Mittelhessen meines Wissens einzigartig, dass eine Kommune gänzlich auf die Bewirtschaftung eines so großen Waldareals verzichtet", sagt Brockerhoff.

Die vielzitierte Verkehrssicherungspflicht ist in Zeiten der Dürre zu einem noch größeren Thema für die Waldbesitzer geworden. Auch diesbezüglich müssten die Forstleute "viele neue Dinge lernen", wie die für das Liegenschaftsamt zuständige Stadträtin Gerda Weigel-Greilich sagt. Aber anders als im stadtnahen Philosophenwald, wo demnächst wieder ein Waldweg verödet werden soll, belässt man es im Hangelstein bei der Zusatzbeschilderung. "Es ist unser Anliegen, dass auf die Gefahren aufmerksam gemacht wird", fügt Weigel-Greilich hinzu.

Laut Krieb zeigen Unfallstatistiken, dass das Risiko, im Wald zu verunglücken, vor allem für Forstarbeiter durch die Trockenheit, die das Holz brüchig macht, gestiegen ist. 2019 habe es bundesweit rund 20 Tote bei Arbeitsunfällen im Wald gegeben, früher seien es im Schnitt drei bis fünf gewesen. Krieb: "Die Leute sind ja nicht schlechter ausgebildet als früher. Das zeigt, wie gefährlich die Arbeit in den letzten Jahren geworden ist."

Was für den Waldarbeiter das Berufsrisiko ist, ist für den Naherholungssuchenden das "allgemeine Lebensrisiko", wenn er den Wald betritt, erläutert Brusius. Es sei höchstrichterlich klargestellt, dass Waldbesitzern nicht zuzumuten sei, jeden Baum zu kontrollieren. Die Verkehrssicherungspflicht greife gleichwohl im Umfeld von ausgewiesenen Waldparkplätzen, auf Holzsammelstellen oder nach Stürmen, wenn Bäume auf den Wegen liegen.

Wie sich nach dem Sturm Mitte vergangener Woche gezeigt hat, geschieht das in den geschwächten Beständen immer häufiger. "Im Philosophenwald ist eine große Eiche gebrochen, von der man das nicht erwartet hätte", sagt Krieb. Brusius ergänzt: "Wir wollen die Leute nicht aus den Wäldern vertreiben. Die Menschen sollen vorsichtig sein."

An der prekären Lage wird sich durch die Regenfälle der letzten Tage wenig ändern. "Jeder Tropfen ist gut, aber wir kämpfen mit der Dürre der letzten Jahre. Ich gehe für vier Wochen in Urlaub. Meinetwegen kann der komplett verregnet sein", sagt Krieb.

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