+
Bis aus einem Wirkstoff ein Medikament wird, sind viele Hürden zu überwinden. FOTO: DPA

Medikamenten-Entwicklung

Gießener Virologie sieht Staat stärker gefordert

  • schließen

Professor John Ziebuhr ist dafür, dass sich der Staat bei der Entwicklung von wichtigen Medikamenten stärker engagiert. Das könne man aus der Corona-Krise lernen.

Gießen(kw). Der Staat sollte die Entwicklung dringend benötigter Medikamente gegen Infektionen stärker in die eigene Hand nehmen. Nur so könne man die Entwicklung gesellschaftlich bedeutsamer, aber wirtschaftlich wenig ertragreicher Arzneimittel vorantreiben. Dazu gehörten auch "extrem wichtige Antibiotika". Das erklärt Prof. John Ziebuhr, Leiter des Instituts für Medizinische Virologie der Justus-Liebig-Universität, im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Aus der "sehr schmerzhaften" aktuellen Krise könnten Politik und Bevölkerung lernen, sagt der 57-Jährige, der sich schon sein Forscherleben lang mit Coronaviren befasst. "Infektionserreger verändern sich schnell, und der Mensch wird niemals in der Lage sein, Infektionen komplett zu kontrollieren.". Deshalb müsse man sich besser vorbereiten auf solche Ausbrüche.

Mit Krisen "rechnen Virologen immer"

Die öffentliche Hand fördere akademische Forschung zwar durchaus. "Der Engpass entsteht aber fast immer an der Stelle, an der die Pharmaindustrie an der Reihe wäre, einen erfolgversprechenden Wirkstoff zum Medikament weiterzuentwickeln." Dies sei "extrem teuer". Verständlicherweise widmeten sich die Firmen nur Projekten, die sie als lukrativ einschätzen. Der Experte schlägt eine neue EU-Behörde vor, die die notwendigen klinischen Studien finanziert und steuert.

Bis zur Zulassung eines Corona-Impfstoffs werde es mindestens zwölf Monate dauern, schätzt Ziebuhr. Sorgfältige Tests seien nötig. Eine voreilige Anwendung berge das Risiko von Nebenwirkungen, die die "Impfmoral" auf Jahre hinaus ruinieren könnten".

Der Virologe hofft, dass die Krise Impf-Skeptiker zum Nachdenken bringt. Gerade Ältere und andere Risikogruppen sollten sich im Herbst dieses Jahres gegen die "normale" Grippe immunisieren lassen, um die Krankenhäuser nicht zusätzlich zu belasten und das Risiko einer Mehrfach-Infektion zu mindern.

"Die Bedeutung von Wissenschaft und besonders von Grundlagenforschung dringt ins Bewusstsein" - diesen Lerneffekt nimmt Ziebuhr bereits jetzt wahr. Mit qualitativ hochwertigen Methoden neue Erkenntnisse zur Biologie von Infektionserregern zu gewinnen, werde sich langfristig auszahlen; auch wenn "man oft zunächst nicht weiß, wofür man etwas brauchen kann".

Krankenhäuser im Alarmzustand, Reiseverbot, Schulen und Geschäfte geschlossen - hätte er sich solch ein Szenario vorstellen können? Ziebuhr muss nicht lange nachdenken. "Virologen können sich so etwas immer vorstellen. Wir kennen aus der Geschichte zahlreiche Beispiele für Epidemien, bei denen Millionen von Menschen ums Leben kamen, vor allem, wenn plötzlich unbekannte Erreger auftauchten. Nicht umsonst gibt es Pandemiepläne."

Seit Jahrzehnten mahnen Fachleute zur Infektionsvorsorge - nun werden sie gehört. Wie nimmt er diese erhöhte Aufmerksamkeit wahr? "Es heißt oft, wir Virologen hätten bisher ›im Verborgenen" gearbeitet. Das habe ich eigentlich nie so empfunden", sagt Ziebuhr. "Die Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend dazu beigetragen, dass gefürchtete Erkrankungen wie Kinderlähmung und Masern nahezu verschwunden sind oder die Virus-Hepatitis massiv zurückgedrängt werden konnte." Auch die ausgezeichnet wirksamen Medikamente gegen HIV gingen auf Grundlagenforschung zurück.

"Große Epidemien rufen uns immer wieder die Bedeutung von Viren ins Gedächtnis. Spätestens seit dem SARS-Ausbruch 2003 war auch klar, dass Coronaviren eine besondere Gefahr darstellen." Aus jener Epidemie, die in Asien hunderte Todesopfer forderte, habe man leider nicht die notwendigen Schlüsse gezogen, so Ziebuhr.

Die vielen Medienanfragen hielten ihn in Atem, zumal die Corona-Krise seinem Institut viel zusätzliche Arbeit beschert. Die wissenschaftliche Begutachtung von Forschungsarbeiten zur Coronavirus-Thematik beanspruche inzwischen einen großen Teil seiner Zeit. Die Forschung im Institut werde durch viele neue Projekte erweitert und auf das neue Virus ausgedehnt. Die Diagnostik-Abteilung sei "bis zum Anschlag" mit Coronavirus-Nachweistests beschäftigt. Für diesen Bereich wurden kurzfristig weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt.

Gießener Experten im Focus

Mediziner aus Lungenforschung und Virologie erfahren in der aktuellen Corona-Krise große Aufmerksamkeit in den Medien. Im Fokus stehen dabei auch Experten der Justus-Liebig-Universität, die Hauptsitz des Deutschen Zentrums für Lungenforschung ist. Vor allem John Ziebuhr, Leiter des Instituts für Medizinische Virologie, sowie Susanne Herold, Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge, sind gefragte Interviewpartner. Ein Gießener Virologenteam unter Leitung von Prof. Friedemann Weber (Institut für Virologie am Fachbereich Veterinärmedizin):ist beteiligt an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 im Rahmen des Projekts Opencorona. Im Mittelpunkt der Arbeit an der JLU steht die Untersuchung der Immunantwort auf potenzielle Vakzine.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare