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Das Coronavirus legt die Welt in weiten Teilen lahm.

Corona-Mutationen

Schwachstelle bei Coronavirus entdeckt - Ist das der Weg zum Covid-Medikament?

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Früher haben Mutanten nur in Horrorfilmen für Schrecken gesorgt. Heute bereiten sie in der Corona-Pandemie Sorge. Der Gießener Virologe Prof. John Ziebuhr erklärt, warum.

Die Inzidenzen gehen herunter, trotzdem wird in der Politik über eine Verschärfung bzw. Verlängerung der Corona-Maßnahmen debattiert. Begründet wird dies mit den Mutationen von SARS-CoV-2. Müssen wir uns Sorgen machen?

Ja, wir müssen uns Sorgen machen, weil diese Mutationen dazu beitragen werden, dass die Infektionszahlen relativ schnell wieder ansteigen können. Daher müssen wir weiterhin mindestens die gleichen, wenn nicht sogar verschärfte Maßnahmen ergreifen, um die Zahl der Kontakte auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Hinzu kommt, dass unsere Impfstoffe gegen das bis vor Kurzem zirkulierende Virus entwickelt wurden und es bei einigen dieser neuen Virusvarianten erste Hinweise gibt, dass die erzielte Schutzwirkung der Impfung zumindest teilweise beeinträchtigt sein könnte.

Ist die britische Mutation auch gefährlicher?

Dafür gibt es bis jetzt zum Glück keine Evidenzen.

Es gibt unterschiedliche Meldungen darüber, ob die britische Variante unter Kindern schneller weitergegeben wird. In einem Freiburger Kindergarten ist besagte Mutation gerade bei Kindern nachgewiesen worden.

Der Verdacht, Kinder seien besonders betroffen, ist anfangs in der Tat geäußert worden. Die etwas erhöhte Ausbreitung unter Kindern war vermutlich darin begründet, dass Kindergärten und Schulen in Großbritannien geöffnet waren, während gleichzeitig ein Lockdown in anderen Bereichen herrschte, der die Übertragungen unter Erwachsenen gering hielt und bei Kindern vorübergehend ansteigen ließ. Neuere Studien zeigen jedoch, dass es mit Blick auf die Verbreitung keine Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen gibt.

Kann man daraus schließen, dass Sie eine Öffnung von Schulen und Kindergärten für falsch erachten?

Ja, ich halte die Schließung in der gegenwärtigen kritischen Situation für eine richtige Entscheidung der Politik.

Wir reden hier über die britische Mutation. Aber es gibt noch andere. Wie viele sind es?

Weltweit gibt es extrem viele Varianten. Einige haben es geschafft, sich in manchen Ländern innerhalb kurzer Zeit gegenüber den früher vorhandenen Varianten durchzusetzen. Solche schnellen Änderungen geben Anlass zur Sorge, weil sie darauf hindeuten, dass diese neuen Varianten ansteckender sind, also in einem bestimmten Zeitraum mehr Menschen infizieren können. Neben der britischen Variante haben wir jene aus Südafrika und Brasilien. Dort haben wir die spezielle Situation, dass große Teile der Bevölkerung bereits infiziert gewesen sind. Dadurch entsteht ein erhöhter Selektionsdruck des Immunsystems auf das Virus. Diesem Druck versucht das Virus zu entkommen, indem es zunehmend Mutationen produziert, die dafür sorgen sollen, dass das Virus vom Immunsystem nicht mehr erkannt wird. Die Gefahr ist gegenwärtig groß, dass Virusvarianten mit solchen Mutationen über den internationalen Reiseverkehr eingeschleppt werden.

Ist es für Reiseeinschränkungen aber nicht zu spät? Die Varianten wurden bereits in Deutschland nachgewiesen.

Es stimmt, dass diese Varianten bei uns bereits angekommen sind. Daher ist es wichtig, zu versuchen, sie auf einem sehr niedrigen Niveau zu halten. Gleichzeitig muss ein weiterer Eintrag aus Ländern, in denen diese Varianten bereits absolut dominant sind, über den internationalen Reiseverkehr minimiert werden.

Kann man vereinfacht sagen, das Virus wird durch häufige Mutationen immer gefährlicher?

So kann man das nicht sagen. In der Regel werden Viren durch gehäufte Mutationen nicht gefährlicher hinsichtlich ihrer krankmachenden Wirkung, sie werden aber leichter übertragbar. Die am leichtesten übertragbaren Viren haben einen evolutionären Vorteil, sie setzen sich durch und werden zur dominanten Variante. Die besonders leicht übertragbaren Viren vermehren sich vor allem in der Nase und im Rachen, wodurch sie besonders leicht weitergegeben werden können. Diese Infektionen des Nasen-Rachen-Bereichs verlaufen aber zum Glück meist harmlos. Viren, die schwere Verläufe auslösen, sitzen hingegen häufig tief in der Lunge oder infizieren andere innere Organe, sodass sie nicht so leicht weitergegeben werden können. Für die betroffenen Menschen sind diese Viren zwar schlimm, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich andere Menschen mit diesen gefährlicheren Viren infizieren, ist in der Regel deutlich geringer. Solche Viren breiten sich nur dann gut aus, wenn relativ enge Kontakte bestehen, zum Beispiel innerhalb des gleichen Haushalts.

Angenommen, ich hatte bereits eine Corona-Infektion. Schützen mich die Antikörper vor einer erneuten Infektion mit einer mutierten Variante?

Normalerweise hat man nach einer durchgemachten Infektion einen zeitlich begrenzten Schutz vor einer erneuten Infektion. Zweitinfektionen innerhalb von wenigen Monaten sind sehr selten. Bisher gibt es leider keine guten Daten bezüglich des Schutzes gegenüber anderen Virus-Varianten. Aber allein die hohe Zahl an Neuinfektionen in Südafrika, wo ja bereits ein großer Teil der Bevölkerung infiziert gewesen ist, lassen zumindest den Verdacht zu, dass Zweitinfektionen mit den neuen Varianten leichter möglich sind.

Jetzt hat das Impfen begonnen. Allerdings läuft es schleppend an.

Ja. Es zeichnet sich ab, dass wir in den nächsten Monaten nur sehr wenige Geimpfte haben werden. Man muss leider sagen, dass die Impfstoffversorgung nicht ausreichend ist. Das ist enttäuschend. Wir werden daher wohl zumindest den restlichen Winter mit der Gefahr leben müssen, wieder sehr viele neue Infizierte zu haben. Umso wichtiger ist es deshalb, dass die Bevölkerung weiterhin mitspielt und versteht, dass bestimmte Maßnahmen wie der Lockdown notwendig sind.

Immerhin sind die ersten Gießener bereits geimpft. Schützen die entwickelten Vakzinen auch gegen neue Varianten?

Zum Glück ist es so, dass laut der ersten Studien ein guter Schutz besteht. Allerdings werden für diese Varianten mehr Antikörper benötigt, um die gleiche neutralisierende Wirkung zu erreichen. Dieser »Abfall« ist aber nicht so groß, dass man befürchten müsste, gegen Viren mit Mutationen nicht geschützt zu sein.

Es wird noch eine Zeit lang dauern, bis ausreichend Menschen geimpft sind. Nun hat die Bundesregierung Antikörper-Cocktails gekauft, die als Donald Trumps »Wundermittel« bekannt geworden sind. Wird das Mittel auch am UKGM eingesetzt?

Ja, wir werden Zugang zu diesem Medikament haben. Aber ein Wundermittel, das all unsere Probleme löst, ist es nicht.

Wieso?

Das Medikament wirkt nur in einer sehr frühen Phase der Infektion, wenn die Erkrankung selbst noch gar nicht richtig ausgebrochen ist. Später hat es keine Wirkung mehr. Es wird daher wahrscheinlich nur für einen sehr kleinen Teil der Patienten zum Einsatz kommen können. Zum Beispiel bei Tumorerkrankten oder immunsupprimierten Patienten mit anderen schweren Erkrankungen, bei denen eine Covid-19-Infektion gerade eben festgestellt worden ist. Das Einsatzgebiet ist also eingeschränkt. Wir werden es in Gießen trotzdem in kleinem Umfang einsetzen können.

Sie selbst haben zusammen mit Kollegen eine Studie durchgeführt und in diesem Zuge eine Schwachstelle des Coronavirus entdeckt. Klären Sie uns bitte auf.

Wie die meisten anderen Viren produzieren Coronaviren eine kleine Anzahl von Enzymen, mit deren Hilfe sie sich innerhalb der infizierten Körperorgane vermehren können. Unsere Forschungen haben ergeben, dass das für die Coronavirus-Vermehrung verantwortliche Schlüsselenzym noch eine weitere, bisher unbekannte Enzymfunktion besitzt, die wir biochemisch untersucht haben. Dieses zusätzliche Enzym ist nicht nur bei SARS-CoV-2, sondern auch bei allen anderen Coronaviren vorhanden und es bewirkt eine spezifische chemische Modifikation eines anderen Virusproteins. Unsere Studie erbrachte den Beweis, dass diese enzymatische Aktivität absolut unentbehrlich ist für die Vermehrung von Coronaviren unter Laborbedingungen.

Wie sieht der praktische Nutzen aus?

Die Entdeckung könnte der Ausgangspunkt für eine Wirkstoffentwicklung sein. Wenn ein Mittel gefunden wird, das dieses spezielle Enzym blockiert, kann die Vermehrung des Virus zuverlässig unterbunden werden.

Das klingt nicht nach einer kurzfristigen Lösung.

Das ist wahr. Es sind noch viele Schritte notwendig, bis aus dieser Entdeckung ein Wirkstoff für die Anwendung am Menschen entwickelt sein wird. Uns geht es vor allem darum, mittelfristig die Grundlagen für die Therapie von Covid-19, aber auch von Infektionen mit anderen Coronaviren zu schaffen. Solche Medikamente wären vor allem für die Behandlung von Menschen wichtig, die nicht geimpft sind oder deren Immunsystem nicht in der Lage ist, nach einer Impfung einen ausreichenden Immunschutz aufzubauen. Für diese Menschen brauchen wir dringend geeignete therapeutische Möglichkeiten zur Behandlung schwerer Verläufe von Coronavirus-Infektionen. Wir brauchen solche Medikamente aber auch, um zukünftig besser vorbereitet zu sein, wenn es neue Varianten von Coronaviren geben sollte, für die wir noch keine geeigneten Impfstoffe entwickelt haben. Wir wollen also zumindest mittelfristig unser Arsenal an antiviralen Medikamenten erweitern.

Noch eine abschließende Frage: Das Impfen hat begonnen, neue Medikamente sind in Sichtweite. Gleichzeitig werden neue Mutationen entdeckt. Was überwiegt bei Ihnen: Zuversicht oder Sorge?

Die Zuversicht überwiegt. Und die Freude ist groß, dass es innerhalb kürzester Zeit gelungen ist, sichere und ausgezeichnet wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Das hätte ich vor einem Jahr niemals zu träumen gewagt. Das sollte uns aber jetzt nicht dazu verleiten, sorglos zu werden. Die Impfung von großen Teilen der Bevölkerung wird leider noch viele Monate brauchen und ich habe große Sorge, dass in den nächsten drei, vier Monaten die Bereitschaft der Bevölkerung nachlässt, die notwendigen Schutzmaßnahmen mitzutragen. Trotzdem ist die Zuversicht groß, auch mit Blick auf den Sommer. Ganz verschwinden wird das Virus so schnell aber nicht. Die nächsten Monate werden uns noch einiges abverlangen, aber ich bin sicher, dass wir im Laufe dieses Jahres mit unseren Impfstoffen die akute Bedrohung durch dieses Virus beenden werden können.

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