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»Schätze der Uni«

Gießener Veterinärmedizin hat Sammlung mit »Gänsehaut-Effekt«

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Die Veterinärmedizin hat tausende junge Menschen nach Gießen geebracht. Noch heute ist die JLU nur eine von fünf Universitäten in Deutschland, an denen man Tierheilkunde studieren kann. Die Einblicke erhalten die junge Leute auch dank einer beeindruckenden Sammlung.

Heute gibt’s eingelegte Pferdeaugen. Nichts für schwache Nerven also. Die schwimmen übrigens im Eimer daneben und warten darauf, von Studenten untersucht zu werden. Im Institut für Veterinär-Anatomie lernen angehende Tierärzte die Körper ihrer künftigen Patienten ganz genau kennen. Dabei leistet auch die umfangreiche Sammlung von über 200 Knochen, Präparaten und Modellen sowie 475 Wandkarten einen wichtigen Beitrag. »Außerdem«, sagt der geschäftsführende Direktor Prof. Stefan Arnhold, »bieten die Objekte ein Highlight, um den Unterricht spannend zu gestalten.«

Das Strauß-Skelett, das Arnhold und sein Kollege Prof. Carsten Staszyk gerade betrachten, dürfte solch ein Höhepunkt sein. Das Gleiche gilt für das Affenskelett und den Elefantenembryo, die im Eingangsbereich ausgestellt sind. Im Grunde ist das Institut ein riesiger Tierfriedhof. Der Unterschied zu einer normalen Grabstätte: Hier in der Frankfurter Straße wird geforscht und gelehrt, um die Artgenossen der Verstorbenen besser behandeln zu können.

Technik wie bei »Körperwelten«

Die Veterinärmedizin beschäftigt den Menschen schon seit Tausenden von Jahren. Kein Wunder: Durch die Domestizierung wurden Tiere zu treuen Begleitern und unersetzlichen Arbeitsmitteln. Verletzte sich der Ackergaul am Fuß, konnte das die gesamte Ernte gefährden. Was früher ein Fall für den Abdecker war, können die Tiermediziner heute jedoch oftmals heilen. Auch, wenn die dafür nötigen Erkenntnisse teils gruseligen Techniken zu verdanken sind.

Staszyk und Arnhold bleiben bei ihrem Rundgang vor einer Vitrine stehen, in der in hauchdünne Scheiben geschnittene Pferdefüße ausgestellt sind. »Das ist die gleiche Technik, die auch Gunther von Hagens angewendet hat«, sagt Arnhold. »Diese Schnittbilder sorgen für eine ganz andere Perspektive und geben uns wichtige Erkenntnisse.« Der Professor betont in diesem Zusammenhang, dass keines der Tiere für die Forschung gestorben ist. Die Veterinärmedizin erhalte bereits verstorbene Tiere, die sonst beim Abdecker gelandet wären.

Während viele Sammlungen der JLU an einem zentralen Ort gelagert werden, finden sich in der Veterinär-Anatomie an den unterschiedlichsten Orten Ausstellungsstücke. Im Eingangsbereich ist ein Pferdemodell aus Gips ausgestellt, das schon vor über 100 Jahren den angehenden Tierärzten verdeutlichte, wo der Darm des Gauls zu finden ist. »Das wird heute wieder verstärkt im Unterricht eingesetzt, weil in Formalin eingelegte Präparate aus Sicherheitsgründen nicht mehr in Vorlesungssäle gebracht werden dürften«, sagt Arnhold.

Bei ihrem Rundgang durch das Gebäude stoßen Arnhold und Staszyk auf weitere Sammlungsobjekte. Unter den Sitzreihen im großen Hörsaal steht das Skelett einer Kuh. In einer Vitrine im Flur fletscht ein Chihuahua-Skelett die Zähne. An einer anderen Stelle hängen Rinder-, Pferde-, Hunde- und Schweineknochen wie ein makabres Mobile an Seilen von einem Gestänge hinab. Dann betreten die beiden Professoren den Präpariersaal. »Hier findet die praktische Arbeit statt. Das ist quasi das Herzstück des Instituts«, sagt Staszyk. Dann steuert er einen der metallischen Tische an, auf dem die Eimer stehen.

Kuh unter Treppe, Chihuahua im Flur

»Sie können gerne reinschauen, wenn Sie sich nicht gruseln«, sagt der Professor. Für Menschen mit nervösem Magen ist der Blick in die Eimer tatsächlich eine Herausforderung. Aus dem einen blicken einem weit aufgerissene Pferdeaugen entgegen, im anderen badet ein zentrales Nervensystem in Formalin. Hier darf das gesundheitsgefährdende Konservierungsmittel eingesetzt werden, da im Präpariersaal eine hochmoderne Entlüftungsanlage Art verbaut ist.

Schon vor Jahrzehnten hat die Veterinärmedizin unzählige Menschen nach Gießen gespült. Heute studieren sie unter modernsten Bedingungen. Sie greifen dabei aber auch Präparate zurück, die schon ihren Vorgängern vor 100 Jahren die Augen öffneten.

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