Gerhard Klein führt sein Unternehmen mit großer Leidenschaft - auch mit 80 Jahren noch. FOTO: SCHEPP
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Gerhard Klein führt sein Unternehmen mit großer Leidenschaft - auch mit 80 Jahren noch. FOTO: SCHEPP

Firmenporträt

Gießener Unternehmen Klein ist nicht von Pappe

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Produkte der Firma Klein aus Gießen halten viele Menschen täglich unbewusst in den Händen. Der 80-jährige Gerhard Klein hat das Unternehmen groß und erfolgreich gemacht.

Neben dem Schreibtisch türmen sich Schachteln. Papier, Styropor, beschichtetes Papier, Pappe - und Bagasse. Das ist ein umweltfreundliches Verpackungsmaterial; Bagasse fällt bei der Zuckerrohrproduktion an. Gerhard Klein vergleicht Material und Preise. Wo kann er große Mengen günstig beziehen? Welche Preise kann er seinen Kunden anbieten? "Ich bin ein guter Einkäufer", sagt er und lächelt verschmitzt. Das glaubt man dem 80-Jährigen sofort. Und er weiß, wie der Markt funktioniert. Sonst wäre er nicht Herr über diese Hallen am Rande des Europaviertels. Im Fall der Firma Klein ist der Name keineswegs Programm, und bei einem Rundgang wird deutlich: Von Pappe ist dieses Unternehmen sicher nicht…

Es ist kurz nach 17 Uhr, der Großhandelsfachmarkt für Schreib- und Papierwaren hat geschlossen, die Mitarbeiter machen Feierabend. Der Chef ist davon weit entfernt. Er kommt zwar erst gegen 11 Uhr, dafür bleibt er aber auch bis 21 oder 22 Uhr. Die Abendstunden sind ihm am liebsten. Da kann er in Ruhe arbeiten. Preise kalkulieren, Angebote einholen, Bestände überprüfen, an neuen Ideen tüfteln. Neue Ideen sind wichtig. "Stillstand darf man sich nicht leisten", erklärt Klein. Das hat er sein ganzes Leben lang so gehalten. Auf diese Weise ist aus dem kleinen Geschäft in der Bahnhofstraße ein Papierfachgroßhandel geworden, in dem es nicht nur Büroartikel und Verpackungmaterialien gibt, sondern auch Geschenk-, Bastel- und Dekoartikel, Haushalts- und Drogerieprodukte sowie Kindergartenzubehör von der Holzperle bis zum Handkarren. "Das hat sich so ergeben", erklärt der Hausherr das ungewöhnliche Sortiment mit rund 30 000 Artikeln.

Im Laufe der Jahre hat Klein eine ganze Reihe von Firmen übernommen. Meist waren es kleine Unternehmen, mit denen er schon länger geschäftlich verbunden war und die aus unterschiedlichen Gründen aufgeben wollten oder mussten. Zur Klein-Gruppe mit mehreren Filialen u.a. in Bad Nauheim, Gemünden und Koblenz gehören heute Kaisser-Kartonagen, die Wilhelm-Lich-Kartonagen-Fabrik, Papier Nonn und die Firma Becker (Kindergarten- und Schulbedarf). Zu den neuesten Errungenschaften zählt eine kleine Firma, die Luftpolsterfolie vertrieben hat, eine Sparte, bei der Klein im wahrsten Sinne des Wortes Luft nach oben witterte und zugriff - wieder einmal.

Ein entscheidender Faktor für das Unternehmen sind die Lagerkapazitäten. 10 000 Quadratmeter sind es im Europaviertel, 2500 auf dem ehemaligen Aafes-Gelände und 1200 auf dem Areal der Firma Gail. Das ist ein Pfund, mit dem er wuchern kann und das ihm gute Geschäfte sichert. "Unsere Kunden brauchen palettenweise Tüten oder Schachteln, aber sie haben keinen Platz", schildert Klein. Also kauft er die Produkte in großen Mengen ein und liefert sie, sobald die Kunden Nachschub brauchen.

Er nimmt einen Stapel aus dem Regal: Braune Spitztüten für Obst, daneben gibt es eckige Tüten in allen Variationen. Es ist Standardware, die je nach Kundenwunsch bedruckt wird. Dasselbe Prinzip gilt für die Kartonagenfabrik. Auch hier gibt es alle Typen und Größen, die von hier aus zu den Kunden gefahren werden. Kleinere bis mittlere Auflagen werden im Hause selbst produziert. Klein demonstriert an den Maschinen im Untergeschoss, wie das geht. Dabei ist nicht zu übersehen, dass der Chef seinen Job von der Pike auf gelernt hat. Er kann die Maschinen aus dem Effeff bedienen, und manchmal tut er das auch. "Das mache ich, wenn es irgendwo hakt, aber auch sonst lege ich schon mal Hand an".

Schon als Kind war ihm klar, dass er einmal den väterlichen Betrieb in der Bahnhofstraße übernehmen wollte. Sein Vater Egon hatte die Firma 1932 gegründet. Nach dem Krieg stand die Familie wie so viele andere vor dem Nichts: Es gab kaum Lebensmittel und auch nichts, in das man die spärlichen Bestände hätte einpacken können. Doch Egon Klein war ein findiger Mann. Er schaffte von den Amerikanern entsorgte Papierreste mühsam per Güterwaggon zur Wiederverwertung in eine Fabrik nach Oberschmitten, dort wurde daraus Einwickelpapier gemacht. Das wiederum erwarb Egon Klein und verkaufte es an Bäcker und Metzger in der Region weiter. Mit dem Fahrrad fuhr er von Gießen bis in den Vogelsberg, um seine Kunden zu beliefern.

Gerhard Klein kann sich noch gut daran erinnern, wie auch er zu Hause half, das Papier zuzuschneiden. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Zudem lernte er sein Handwerk in einer Papierfabrik im Schwarzwald. Noch heute macht ihm hinsichtlich Papierbeschaffenheit und Qualität niemand etwas vor. Nach der Lehre ging er ins elterliche Geschäft, und mit 29 Jahren übernahm er mit der damals im Aulweg ansässigen Firma Wilhelm Lich das erste eigene Unternehmen. "Ein bisschen Mut muss man schon haben", sagt er. Bei seinem Vater Egon hat er sich viel abgeguckt; ebenso wie dieser ist er "ein Schaffer", und er hat ein Näschen für gute Geschäfte.

Bei allem Fleiß und Ehrgeiz gibt es aber auch ein Leben neben der Firma. Gerhard Klein ist begeisterter Tänzer. Bei diesem Hobby lernte er auch seine Frau Rita kennen. 1965 wurde geheiratet, 1967 kam Tochter Cornelia auf die Welt, Sohn Alexander wurde 1970 geboren. Während die Tochter einen ganz anderen beruflichen Weg eingeschlagen hat, ist der Sohn auch in der Geschäftsführung tätig, somit ist die Weiterführung des Unternehmens gesichert.

Das Ehepaar Klein war viele Jahre im Tanzclub Rot-Weiß aktiv, sogar an Deutschen Meisterschaften haben Gerhard und Rita teilgenommen. Heute beschränken sich die sportlichen Aktivitäten auf morgendliche Spaziergänge mit dem Hund - aber in Bewegung ist der Seniorchef in seinem weitläufigen Unternehmen auch so.

Denkt er mit seinen 80 Jahren nicht manchmal an den Ruhestand? "Ach was", sagt er. "Wenn man so ein Wühler ist wie ich, ist das nichts, wonach man sich sehnt". Klein will das, was er in all den Jahren aufgebaut hat, gerne erhalten. Ein "alter Hase" wie er erkennt frühzeitig Trends und weiß, wann es keinen Sinn mehr hat, an Altem festzuhalten. Der Handel mit Schreibwaren zum Beispiel ist schwierig geworden, die Zeiten, in denen es in jedem Dorf ein Schreibwarengeschäft gab, sind lange vorbei. Heute gibt es Schulhefte und Blöcke in jedem Supermarkt zum Schnäppchenpreis. Auch bei den Büroartikeln hat sich viel verändert. Nummern- und Kassenblöcke braucht heute fast niemand mehr, dafür ist Kopierpapier gefragt wie nie. Gute Geschäfte hat das Unternehmen im Frühjahr auch im Drogeriebereich gemacht: "Wir kamen mit der Lieferung von Desinfektionsmitteln, Klopapier und Masken kaum nach".

"Niemals auf einem Bein stehen" - mit diesem Credo ist Klein in all den Jahren gut gefahren. Seine Firmen sind vielseitig aufgestellt, viele der rund 80 Mitarbeiter gehören dem Unternehmen schon lange an, auch sie sind ein entscheidender Teil der Erfolgsgeschichte.

Kleins Blick fällt auf die Burger-Schachteln neben dem Schreibtisch. Die jungen Unternehmer, die in der Stadt mit Klopsen und Co. neue Wege gehen, haben ganz genaue Vorstellungen; sie wollen nachhaltige Ware, gute Preise und schnelle Lieferungen. Eine Herausforderung für den Großhändler, aber eine, die ihm gefällt und die er locker hinbekommt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kunden auch künftig ihre Burger aus Boxen essen, die Klein auf den internationalen Märkten besorgt hat, ist groß.

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