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In diesem Gefängnis ist Patrick K. inhaftiert. 

"Ich durfte ihn in den Arm nehmen"

Gießener in Türkei-Haft - Besondere Umstände machen Besuch möglich

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Seit mehr als zwei Jahren sitzt der Gießener Patrick K. mittlerweile in der Türkei in Haft. Jetzt konnte ihn seine Mutter Claudia S. zum ersten Mal besuchen.

Gießen - 30 Minuten durfte die Frau, die vor fünf Jahren von Gießen nach Hildesheim gezogen ist, im Istanbuler Maltepe-Gefängnis bei Patrick K. verbringen. "Ich durfte ihn sehen - und auch in den Arm nehmen", sagte Claudia S. der "Hildesheimer Allgemeinen Zeitung" wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus der Türkei. Die wichtigste Botschaft: Es gehe ihrem Sohn den Umständen entsprechend gut.

Ermöglicht hat das Wiedersehen der Hildesheimer Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal. Er war auf das Schicksal des 31-jährigen Gießeners aufmerksam geworden. Patrick K. war im Frühjahr 2018 in Silopi im Dreiländereck Türkei/Syrien/Irak aufgegriffen und verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, sich der Kurdenmiliz YPG anschließen zu wollen. K. indes hatte immer erklärt, dass er nur wegen eines Wanderurlaubs in dieser Region gelandet sei. Vor einem Jahr wurde K. zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt.

Gießener in Türkei-Haft: "Da muss etwas passieren - ein so junger Mensch"

Für Westphal ein unhaltbarer Zustand. "Da muss etwas passieren - ein so junger Mensch", sagt der SPD-Politiker. Zusammen mit Claudia S. ist er für drei Tage nach Istanbul geflogen. Er hat Flug, Hotel und Verpflegung für die 55-jährige Frau aus eigener Tasche bezahlt.

"Er ist der einzige Politiker gewesen, der sich auf meine Schreiben an die Parteien bei mir gemeldet hat", zeigt sich die Claudia S. dankbar.

Doch bevor der Besuch zustande kommen konnte, musste der Politiker eine Menge Hebel in Bewegung setzen. Zuerst hat er bei seinem Parteigenossen Sigmar Gabriel angefragt. Doch der ehemalige Außenminister machte Westphal wenig Hoffnung. Dann versuchte es der Bundestagsabgeordnete über Mustafa Erkan, einen ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten aus Niedersachsen, der mittlerweile im Außenministerium in Ankara arbeitet. Auch der sah wenig Chancen für ein Treffen. Aber Westphal wollte Claudia S. den Wunsch erfüllen, dass sie ihren Sohn nach mehr als einem Jahr endlich wieder sehen kann. "Ich hab den türkischen Botschafter Ali Kemal Aydin in Berlin angerufen", sagt der Hildesheimer.

Gießener in Türkei-Haft: Laufendes Revisionsverfahren beschleunigen

Dann sei es plötzlich ganz schnell mit der Besuchserlaubnis gegangen. Das Besondere: Westphal erhielt als einer der ersten deutschen Abgeordneten überhaupt Zugang zu einem türkischen Gefängnis. Mit Raoul Sellke vom türkischen Generalkonsulat und der zuständigen Rechtsanwältin Zelal Pelin Dogan, eine Kollegin von Patrick K.s Verteidiger Veysel Ok, kommt es zusätzlich zu einem Gespräch mit dem Oberstaatsanwalt über den Fall. Ziel sei es auch gewesen, so Westphal in der "HAZ", das laufende Revisionsverfahren zu beschleunigen. "Dieses Warten macht einen doch verrückt", sagt der Abgeordnete. Was vor der Verhaftung seinerzeit passiert sei, wisse er nicht im Einzelnen. "Aber klar ist, der Junge ist kein gewalttätiger Terrorist", meint Westphal.

Ok, der auch den bekannten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel verteidigt hat - hält den Vorwurf an seinen Mandanten auch nach türkischem Recht für so dünn, dass die Anklage keinen Tag Haft rechtfertige. Claudia S. hat wieder Hoffnung, ihren Sohn noch in diesem Jahr nach Hause holen zu können. Das wäre dann Hildesheim, seine Wohnung in Gießen ist aufgelöst.

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