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Derzeit herrscht Stille in den Tafel-Räumen am Alten Krofdorfer Weg. Bald werden sie wieder belebt sein, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie bisher, erläutern Koordinatorin Anna Conrad und Diakonie-Leiter Holger Claes. FOTO: KW

Corona-Krise

Gießener Tafel wird wegen Corona zum Lieferdienst

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Die Gießener Tafel hatte wegen Corona den Betrieb still gelegt. Es war dort zu eng geworden. Nun startet die Tafel neu - als Lieferdienst in abgespeckter Form.

Die Ehrenamtlichen sind traurig, dass sie nicht weiterhin helfen können. Die Kunden bedauern, dass sie keine Extra-Lebensmittel mehr erhalten. Und auch ihnen selbst fiel vor drei Wochen die Entscheidung schwer, die Gießener Tafel sofort zu schließen: Das erzählen Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks Gießen, und die Tafel-Koordinatorin Anna Conrad im GAZ-Gespräch. "Wir sahen keine andere Möglichkeit" - zumindest nicht unter den Bedingungen, unter denen die Hilfseinrichtung seit 15 Jahren arbeitet. Am Dienstag, 7. April, startet sie nun unter veränderten Vorzeichen neu.

Große Resonanz nach Helfer-Aufruf

Als eine der ersten Tafeln in Deutschland hatte die in Gießen bereits am 15. März den Betrieb wegen der Ausbreitung des Corona-Virus stillgelegt. Inzwischen sind ihnen die allermeisten gefolgt. "Viele der ehrenamtlichen Mitarbeiter sind deutlich jenseits der 70 und gehören deshalb zur Risikogruppe", unterstreicht Claes. Auch die Nutzer kamen sich häufig nah, obwohl das Terminvergabe-System Warteschlangen minimiert.

Abstand halten, das war unrealistisch bei diesen Dimensionen: In 95 Geschäften werden nicht mehr verkäufliche Waren eingesammelt, in den Räumen in der Weststadt von 12 bis 15 Freiwilligen sortiert und nachmittags von weiteren 10 Ehrenamtlichen ausgegeben. Täglich kommen 150 Kunden. Insgesamt versorgt die Gießener Tafel knapp 3000 Bedürftige in 850 Haushalten und zwölf sozialen Einrichtungen.

Mit viel Verständnis hätten alle Betroffenen den Beschluss akzeptiert, erklärt Anna Conrad. Einige Internet-Kommentatoren fragten, ob die Diakonie die Armen alleinlasse. "Das waren Leute, die unsere Arbeit gar nicht kennen." Einige persönliche Angriffe hätten weh getan, sagt Claes. "Die Tafeln versorgen bundesweit 15 Prozent aller Bedürftigen. Wenn unsere Kritiker sich um die restlichen 85 Prozent kümmern würden, hätten wir alle weniger Probleme. Und natürlich: die Regelsätze müssen erhöht werden, damit die Armutsquote insgesamt sinkt."

Dass die Pause kein Dauerzustand sein kann, war von Anfang an klar. Umgehend begannen Anna Conrad und Holger Claes, Alternativen zu diskutieren und zu planen. Mit jüngeren Freiwilligen wie gewohnt weitermachen? Nein, auch da wäre das Infektionsrisiko zu hoch. Sie landeten bei der Methode, auf die zahlreiche Einrichtungen nun setzen: Einen Lieferdienst.

Schon bisher bekamen rund 40 Empfänger ihre Lebensmittel nach Hause gebracht, weil ihnen das Abholen aus unterschiedlichen Gründen nicht zuzumuten war. Nun bekommen rund 170 Tafel-Kunden in der Stadt Gießen die Kiste vor die Tür gestellt - und zwar die älteren, die als Corona-Gefährdete nicht mehr Einkaufen gehen sollen oder wollen.

Ein deutlich reduzierter Kreis von Ehrenamtlichen wird die aufwendige Arbeit hinter den Kulissen leisten und dabei näheren Kontakt zueinander meiden. Acht Geschäfte werden angefahren.

Über Facebook suchte die Tafel Freiwillige für den Neustart - und erhielt innerhalb weniger Stunden überwältigende Resonanz. Rund 200 Menschen meldeten sich, doppelt so viele wie nötig. Ein Drittel gehörte schon bisher zum Helferteam. Einigen musste Anna Conrad wiederum wegen ihres Alters vom Einsatz abraten. Auch Institutionen boten Unterstützung an. So übernehmen Vertreter des Basketball-Teams Gießen 46ers die allererste Ausliefer-Schicht.

Claes freut sich über das verbreitete "soziale Gewissen" und die Bereitschaft, tatkräftig zur Bewältigung der Krise beizutragen. Zugleich betont er, wie wichtig die Stamm-Ehrenamtlichen bleiben. Und Anna Conrad weist darauf hin, dass die laufenden Kosten auch in diesen Wochen anfallen. "Wir sind weiterhin dringend auf Spenden angewiesen."

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