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Gießen: Erfolgreiches Stahlunternehmen will ausbauen - Wald soll weichen

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Von: Marc Schäfer

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Das Unternehmen Bieber + Marburg möchte sich vergrößern, um die Zukunft am Standort Gießen zu sichern. Dies jedoch ginge auf Kosten der Naherholung.
Das Unternehmen Bieber + Marburg möchte sich vergrößern, um die Zukunft am Standort Gießen zu sichern. Dies jedoch ginge auf Kosten der Naherholung. © Oliver Schepp

Das Stahlunternehmen Bieber+Marburg möchte seinen Standort am Steinberger Weg in Gießen erweitern. Dafür müsste eine vier Hektar große Mischwaldfläche weichen.

Gießen - Die Firmenhistorie des Gießener Stahl- und Baustoffgroßhändlers Bieber+Marburg ist eine Erfolgsgeschichte. Umstrukturierungen und Investitionen haben das Unternehmen aus dem Steinberger Weg in den letzten 20 Jahren zu einem der leistungsstärksten Stahlhändler Deutschlands werden lassen. In Gießen lagern derzeit 28 000 Tonnen Stahl, der an Kunden in Industrie und Handel geht. Jährlich werden 75 000 Tonnen an- und wieder ausgeliefert. Im Lager wird mittlerweile rund um die Uhr eingelagert, kommissioniert und verladen. Der Fuhrpark besteht aus 40 Fahrzeugen. Die Mitarbeiterzahl ist seit 2001 von 55 auf 220 angewachsen. Der Jahresumsatz 2020/2021 betrug eigenen Angaben zufolge 120 Millionen Euro, 2022 kann die Stadt Gießen mit 950 000 Euro Gewerbesteuer von Bieber+Marburg rechnen.

Auf dem bisherigen 55 000 Quadratmeter großen Areal stößt das Unternehmen nun aber an seine Grenzen. »Die Firma Bieber+Marburg, als stark expandierender Betrieb im Sektor Stahl-Verarbeitung und -Handel seit 1958 in Gießen ansässig, möchte den Betriebsstandort bis 2030 erweitern, um den hohen Bedarf an Stahl-, Röhren- und Bauprodukten für die Bauindustrie und den Maschinen- und Anlagenbau befrieden zu können«, heißt es daher in einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan, den Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (B90/Grüne) am Dienstag (08.03.2022) vorgestellt hat und der den Stadtverordneten in der nächsten Stadtverordnetenversammlung zur Beschlussfassung vorgelegt wird. Durch die Erweiterung stellt das Unternehmen 50 bis 80 neue Arbeitsplätze in Aussicht, die sich größtenteils an gering qualifizierte Mitarbeiter richten, die auf dem Arbeitsmarkt »sehr schlechten Chancen« hätten.

Gießen: Stahlunternehmen gilt als „zuverlässiger Partner“

Die bestehenen Betriebsflächen seien seit der letzten Erweiterung in 2009 mittlerweile ausgeschöpft, weshalb eine erneute Erweiterung um eine 39 500 Quadratmeter große Fläche im Anschluss an das bestehende Gelände nötig werde, heißt es in der Begründung. Der Haken: Für die geplante Maßnahme müssten 4 Hektar Mischwald mit einem hohen Anteil an Kiefern, aber auch Buchen im Alter von rund 60 Jahren gerodet werden. Zwischen Waldbesitzer Hessen Forst und Bieber+Marburg habe es bereits Abstimmungen zum Ankauf der Erweiterungsfläche und zum entsprechenden Waldausgleich gegeben. Laut Weigel-Greilich könne diese Kompensation nicht im Stadtgebiet erfolgen, soll aber auf einer Fläche von 4,8 Hektar im Landkreis Gießen erfolgen. »Bieber-Marburg ist in dieser Frage ein zuverlässiger Partner«, weiß Weigel-Greilich aus der Vergangenheit.

Der grünen Stadträtin ist bewusst, dass das Roden der Bäume im Stadtparlament zu »harten Diskussionen« führen wird, sie hat indes eine klare Meinung zu den Plänen. »Eine Verlegung des Standorts an einen anderen Ort ist in der Frage der Ökobilanz nicht sinnvoll. Wir müssen auch über den Tellerrand schauen und einem Unternehmen ermöglichen, sich in der Stadt zu vergrößern. Es kann ja auch nicht sein, dass wir hier zu einer 2035-Null-Insel werden«, stellt Weigel-Greilich klar.

Gießen: Hochregallager und Brenn- und Bohranlagen sollen entstehen

In der Vorabstimmung des Erweiterungswunsches hatte der Magistrat Bieber+Marburg alternative Standorte ohne Waldeingriff vorgeschlagen, zum Beispiel auf dem Gail-Gelände. »Sie wären jedoch nur bedingt mit den zeitlichen Ausbauplänen vereinbar gewesen und mussten nach näherer Prüfung aus betrieblichen Gründen abgelehnt werden«, heißt es in der Vorlage an die Stadtverordneten. Die gute Infrastrukturanbindung des Betriebs durch den Gleisanschluss, über den pro Woche fünf Waggons mit Rohstoffen geliefert werden (20 Prozent der gesamten Stahllieferung laufen übers Gleis), als auch die Nähe zur Autobahn sei für die betriebliche Logistik unverzichtbar. Das erfolgreiche Unternehmenskonzept würde durch einen weiteren Standort nicht weitergeführt werden können. Gerade die Zentrierung an einem Standort habe zuletzt die Existenz des Betriebs gesichert.

Zu den konkreten Planungszielen zählen die Erweiterung des Hallenkomplexes um 100 Meter (22 Meter hoch), zahlreiche klimaangepasste und klimaschützende Maßnahmen sowie ein städtebaulicher Vertrag. Entstehen soll unter anderem kurzfristig ein neues Röhrenhochregallager sowie mittelfristig ein Stabstahlhochregallager mit Sägezentrum sowie zwei neue Brenn- und Bohranlagen. (Marc Schäfer)

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