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Entstehen "Staus" am Treppenlift am Stadttheater-Nebeneingang? Davon weiß Intendantin Miville nichts. 

Barrierefreiheit

Gießener Stadttheater: Oberbürgermeisterin will nach Kritik nachhaken

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Intendantin Miville äußert sich zur Barrierefreiheit im Stadttheater: Die Behindertentoilette sei vom Herrenklo getrennt, sagt sie.

Gießen (kw). Bei ihr seien schon lange keine Beschwerden mehr von Gehbehinderten angekommen. Im Alltag funktionierten die Kompromisslösungen, auch wenn sie nicht ideal seien. Das sagt Cathérine Miville, Intendantin des Stadttheaters, auf GAZ-Anfrage zur aktuellen Kritik an der mangelnden Barrierefreiheit. Die Aussage indes, der Weg zur Behindertentoilette führe "mitten durchs Herrenklo", "stimmt einfach nicht", sagt Miville.

Kornelia Steller-Nass, Vorsitzende des Arbeitskreises für Behinderte, hatte im Seniorenbeirat von zahlreichen Beschwerden und einer "nicht vertretbaren" WC-Situation gesprochen. Miville weist nun darauf hin, dass Herren- und Behindertentoilette sich lediglich die Eingangstür und den Vorraum mit Waschbecken teilten. Zwischen den Räumen befänden sich massive Wände. Herren würden per Aushang um Rücksicht gebeten.

Die von Steller-Nass beklagten "Staus" am Treppenlift vom Nebeneingang ins Erdgeschoss habe sie noch nie beobachtet, sagt Miville. Problemlos funktioniere das Abmontieren von Sesseln im Parkett für Rollstühle, selbst ohne Anmeldung. Für manche große Elektrogefährte reiche der Platz nicht; das Stadttheater biete dann einen eigenen Rollstuhl an. Höchstens ein bis zwei Rollstuhlfahrer kämen pro Vorstellung, betont Miville. Das gelte auch für die barrierefreie Studiobühne im Kino-Neubau. "Natürlich gibt es Einschränkungen", weiß die Intendantin. Zu Veranstaltungen im Foyer gelangen Eingeschränkte nur mit Hilfe. Das Personal "schleppt die Sachen die Treppen rauf und runter". Es sei dem Stadttheater in vielen Bereichen nicht möglich, Menschen mit Gehbehinderung einzustellen. Doch Denkmalschutz und Sicherheit - Notausgänge für den Brandfall - erschwerten eine größere Lösung. Das fast baugleiche Theater in Klagenfurt habe einen Aufzug in einem modernen Anbau untergebracht.

Sie wolle sich genauer über die Situation in Klagenfurt informieren, erklärt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) auf Nachfrage. "Wir werden noch einmal nachhaken." Die Ideen, die vor gut zehn Jahren diskutiert wurden, wären sämtlich nicht mit dem Denkmalschutz vereinbar gewesen, sagt die OB.

Das klang 2009 noch anders. Damals präsentierte Grabe-Bolz als OB-Kandidatin eine Machbarkeitsstudie, die ihre Fraktion in Auftrag gegeben hatte. Grabe-Bolz warf der Stadt damals Blockaden vor und erklärte: "Wir wollen, dass jetzt etwas passiert."

Das Gießener Architekturbüro Zieske schlug einen Aufzugschacht als freistehenden Körper an der Westseite vor, nur durch zwei Glasstege mit dem Gebäude verbunden. Dies wäre denkmalgerecht und würde schätzungsweise 600 000 bis 750 000 Euro, sagte Prof. Nikolaus Zieske damals.

Mitfinanziert hatte diese Studie der ehemalige Bürgermeister Lothar Schüler, der lange für einen barrierefreien Zugang zum Theater gekämpft hat. Nun schaltet er sich in die erneute Debatte ein und erinnert an den Zieske-Entwurf. Die anderen Landestheater in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden seien längst behindertengerecht, schreibt Schüler. "Die Gießener Politik macht es ich einfacher mit der Feststellung, dass tüchtige Feuerwehrleute, ein versteckter Treppenlift und ein Behinderten-WC im Männerklo völlig ausreichen."

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