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Zeitreise

Gießener Stadtführung folgt "Liebigs Erben"

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Jutta Failing und Peter Meilinger entführen in das Jahr 1913 durch das damals fertiggestellte Gießener Klinikviertel. "Chloroform und Cocain - Liebigs Erben" heißt ihre neue Kostumführung.

Im Jahr 1913 lagen im damals modernsten Klinikviertel Deutschlands Geburt und Tod, Status und Siechtum nah beieinander. Vorsorgeuntersuchungen gab es nicht, Impfungen nur wenige. Zum Arzt ging man erst, wenn man krank war. Entsprechend sahen die Ärzte damals Krankheiten in späten Stadien: Syphilis, Brustkrebs oder Lupus, aber auch Kinderkrankheiten wie Scharlach oder Polio. "Jede Zeit hat ihre Seuchen", kommentiert Gästeführerin Dr. Jutta Failing.

Am Liebig-Laboratorium den zweistündigen Rundgang der neuen Stadtführung "1913: Chloroform und Cocain" zu beginnen, ist nur konsequent. Schließlich geht es auch um Justus Liebigs Erben. Ohne seine Entdeckungen hätte Gießen niemals naturwissenschaftlichen Weltruhm erlangt. Im ehemaligen Wachhäuschen der Militärkaserne richtete er 1824 sein Laboratorium ein. Direkt nebenan, in der Alten Klinik sah er das Elend seiner Zeit: Cholera, Hungerödeme, hohe Kindersterblichkeit und Bauchoperationen ohne Narkose mit Schwefel-Äther (1846), Lachgas und Chloroform (1831). "Die chemischen und physikalischen Eigenschaften des Chloroforms, beschrieb Liebig als einer der Ersten", erzählt Pappenheimer den Tour-Gästen.

Ganz in der Nähe, im Haus Frankfurter Straße 10, lebte ab 1843 der Physiker und Chemiker Heinrich Buff, ein Schüler Liebigs. Später hielt dort in einem Anbau Wilhelm Conrad Röntgen seine Vorlesungen. Im Haus daneben (1944 zerstört) wohnte Liebig mit Frau und fünf Kindern. Und Dr. van Tassel kann noch mehr berichten: In Röntgens Laboratorium praktizierte 1899 Gießens erster Kinderarzt, Professor Hans Koeppe. Hier hatte er seine private Poliklinik für Kinder eingerichtet, inklusive Mütterberatung in Hygiene und Ernährung. 1912 konnte der Verfechter der Muttermilch seinen Traum von einer Kinderklinik verwirklichen, in der Friedrichstraße. Doch was die beiden Zeitreisenden 1913 noch nicht wissen können: Diese Kinderklinik wird 1944 bei einem Bombenangriff der Engländer getroffen: 16 Kinder, 16 Schwestern und eine Ärztin sterben.

An der Ecke Riegelpfad/St. Josefs-Krankenhaus legen die beiden Gästeführer ihren nächsten Stopp ein und würdigen eine weitere Gießener Persönlichkeit, den 1904 verstorbenen Internisten Franz Riegel, der in Gießen eine neue Ära der Medizin eingeleitet hatte. Er war der Begründer, Erbauer und erste Verwaltungsdirektor der neuen Kliniken und schrieb ein Standardwerk über "Die Erkrankungen des Magens".

Gallenstein-Villa und Syphilis-Finger

Auch die Villen Poppert und Gail (des Tabak-Moguls Ferdinand Gail) in der Wilhelmstraße sind van Tassel und Pappenheimer einen Besuch Wert. Poppert war ein Pionier auf dem Gebiet der Bauch-Chirurgie, insbesondere bei Gallensteinleiden und Darmkrebs, was seiner Villa prompt den Spitznamen "Gallenstein-Villa" einbrachte. Poppert hielt in der neuen Chirurgie die ersten Vorlesungen zu venerischen Leiden, was Pappenheimer mit einem besonderen Präparat anschaulich macht: einem "Syphilis-Finger", mit Geschwüren aus der tertiären Phase, drei Jahre nach einer unbehandelten Syphilis.

"Vulnerando sanamus" ("Indem wir verletzen, heilen wir") steht in großen Lettern über dem Portal der Chirurgischen Klinik in der Klinikstraße 29. Wie ein Barockschloss angelegt bot es alles, was Direktor Poppert für Ärzte und Patienten bieten wollte.

Die Augenklinik in der Friedrichstraße 18 wurde 1907 eingeweiht, mit anfangs 125 Betten. Den Lehrstuhl für Augenkunde gab es seit 1877. Berühmt war der Geheime Medizinalrat Adolph Vossius. Nach ihm ist der Vossius-Ring benannt, der sich nach stumpfen Traumata im Auge bildet. Der Mediziner aus Ostpreußen wohnte in einer schmucken Villa in der Frankfurter Straße 48 und war Nachfolger von Arthur von Hippel. Der hatte den Hornhaut-Motortrepan entwickelt, mit dem 1876 eine der ersten Keroplastiken am Menschen gelang.

Carl von Eicken und Hitlers OP

Auch den Standort der alten HNO-Klinik in der Feulgenstraße 10 zeigen van Tassel und Pappenheimer ihren Gästen. Die Klinik mit 50 Betten wurde 1913 eingeweiht. Direktor war Carl von Eicken, ein Spezialist für Kehlkopftuberkulose. Er wurde allerdings anfangs der 1920er Jahre von der Berliner Charité abgeworben und hatte einen berüchtigten Patienten, dem, so Pappenheimer, "er wohl eher die Gurgel hätte durchschneiden sollen": Adolf Hitler. Der ließ von Eicken 1935 in die Reichkanzlei bringen, um ihn wegen Stimmbandpolypen, sogenannten Sängerknötchen, zu operieren.

"Die meisten Menschen sterben an der Ruhr. Ich bin an der Ruhr geboren". So scherzte der gebürtige Essener Robert Feulgen, der 1919 an das physiologische Institut in Gießen kam, dessen Neubau 1923 eingeweiht wurde.

"Hier wird im nächsten Jahr 1914 unsere Klinik für Hautkranke eingeweiht", berichtet Pappenheimer in der Gaffkystraße. Professor Albert Jesionek wird der Direktor der neuen Hautklinik und nach ihm wird später das Lupus-Heim benannt. Die 1913 eröffnete Lupus-Heilstätte war damals die einzige ihrer Art in Europa. Viele Patienten aus anderen Ländern ließen sich dort behandeln. Aber es sollte noch viele Jahre dauern, bis Gießen eine Heilstätte für Tuberkulose der oberen Luftwege hatte. Erst 1928 wurde der Grundstein für die Lungenheilanstalt Seltersberg gelegt. Auch sie war zunächst europaweit einzigartig.

Die "Irrenklinik" Am Steg

Am Steg befand sich auch die sogenannte "Irrenklinik", Van Tassel und Pappenheimer bleiben hier der Begrifflichkeit des Jahres 1913 treu. Dort ließ seit 1896 Professor Sommer jeden Patienten, der eingeliefert wurde, fotografieren und ihre Schädel vermessen. Denn nach seiner Theorie zeigte sich das Pathologische bereits im Gesicht. Van Tassel und Pappenheimer zeigen dazu das Porträt eines jungen Mannes, der mit seiner Undercut-Frisur wie moderne junge Männer aussieht: "Wenn das so wäre, müsste man halb Gießen einsperren", scherzt van Tassel. Die verschiedenen Backsteinhäuser der Klinik befanden sich in einem von den berühmten Gebrüdern Siesmayer aus Frankfurt angelegten Park. Es gab Liegekuren, Räume für Unruhige und auch einen Tobhof. Behandelt wurde auch mit Strom und Hypnose.

Premiere verschoben, viele Nachholtermine

Die Premiere der knapp zweistündigen Führung "Chloroform und Cocain - Liebigs Erben" sollte auch als Teil der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Liebig-Museums, am Sonntag, 26. April sein. Das fällt aber durch die Corona-Krise aus. Der Folgetermin Samstag, 9. Mai (11 und 15 Uhr) ist noch ungewiss.

Bislang als fixer Termin gilt Sonntag, 4. Oktober (11 und 15 Uhr). Jutta Failing und Peter Meilinger planen aber, im Juni, Juli, August etc., die ausgefallenen Führungen nachzuholen (und auch Gruppenbuchungen anzunehmen). Und auch im Herbst und Winter wollen sie verstärkt diese Führung anbieten, wenn auch witterungsbedingt ein wenig gekürzt.

Tickets (12 Euro) für die öffentlichen Führungen sind bei der Tourist Info, Schulstraße 4, erhältlich. Deren Büro ist derzeit für den Publikumsverkehr nicht geöffnet, die Karten können aber auch online reserviert werden: tourist@giessen.de.

Auch Gruppen (maximal 30 Personen), die nach Wunschtermin diese Führung buchen möchten, können sich an die Tourist Info wenden - oder direkt bei Jutta Failing buchen (nur für Gruppen, keine Einzelmeldungen) unter jutta.failing@ glueckshaut.de.

Die Kunstfigur Gloria van Tassel kennen Stadtführungsfans schon von der Kostümführung zum Gießener Bahnhof. Die gebürtige Frankfurterin hat - da das Frauenstudium in ihrer Jugend in Deutschland untersagt war - in Zürich studiert. Die Medizinerin führte eine eigene Praxis in Frankfurt, entschied sich, nach einem traumatischen Erlebnis, für eine Festanstellung in Gießen.

An der Seite der Ärztin steht der ebenfalls fiktive Bakteriologe Prof. Theodor von Pappenheimer. Justus Liebig hat er noch persönlich in München kennengelernt - und macht sich stark für die Einrichtung eines Museums in dessen Laboratorium. Pappenheimer kennt sich mit schlimmen Krankheiten aus. Er war mit der deutschen Pest-Expedition in Indien. 1896 machte er sich mit zwei Kollegen auf den Weg nach Bombay: mit Professor Georg Gaffky (dem Entdecker der Salmonellen, dem Gießen das Volksbad und den Neuen Friedhof verdankt) und Professor Georg Sticker, dem Entdecker der Ringelröteln.

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