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Über die Zeit des Lockdowns, sagt Reimer Gronemeyer: »Sie ist eine Mischung aus einer großen Beschneidung meiner Freiheiten und aus der Zerstörung von Kommunikation auf der einen Seite und der Befreiung von Überflüssigem auf der anderen«.

Lehren aus Corona ziehen

Gießener Soziologe Gronemeyer: »Die Pandemie ist ein Trainingslager«

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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Die Corona-Pandemie hat den Alltag mit einem Mal komplett verändert. Wie gehen wir mit dieser Erfahrung um? Der Gießener Soziologe Prof. Reimer Gronemeyer hat sich in seinem neuen Buch mit dieser Frage beschäftigt. Er sagt: »Vielleicht lehrt uns dieses nur 100 Nanometer große Corona-Virus endlich, dass Gerechtigkeit über dem Kapitalismus zu stehen hat.

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Wie soll es weitergehen? So wie damals, vor Corona? Oder nutzen wir die Chance, um etwas zu verändern? Der Gießener Soziologie-Professor Reimer Gronemeyer stellt diese Fragen in seinem Buch »Die Schwachen zuerst. Lektionen aus dem Lockdown«.

Durch die Pandemie haben wir die Erfahrung gemacht, »dass unser Leben von einem Tag auf den anderen umgestürzt ist«, sagt der 81-Jährige. »Ich bin immer viel auf Vortragsreisen unterwegs gewesen. Oder auf Forschungsreisen in Afrika. Über Nacht war das weg.« Gronemeyer hat die Zeit dennoch genutzt. Gleich zu Beginn des ersten Lockdowns, 2020, hat er mit einem Team das Projekt »Corona und Demenz« auf die Beine gestellt, um die Situation der Besuchsverbote und die damit einhergehenden Probleme in Pflegeheimen aufzuzeigen.

In seinem neuesten Buch hat er sich erneut mit den sozialen Dimensionen der Pandemie und den Maßnahmen zu deren Eindämmung beschäftigt. Im Interview spricht er darüber.

In Ihrem Buch schreiben Sie: »Die Pandemie ist eine Lehrerin und ein Trainingslager.« Inwiefern?

Über Nacht hat sich der Alltag verändert. Das ist ein Schock für mich und für viele gewesen. Der Ausbruch in den Urlaub, in das Abenteuer - das ist ausgefallen. Das hat aber zugleich die Chance zur Besinnung gegeben. Und zu der Frage: Worin beschädigt es mich? Ich habe den Schaden vor allem darin wahrgenommen, dass ich Menschen, die ich sonst oft getroffen habe, nicht mehr treffen konnte. Da ist auch manches kaputtgegangen. Auf der anderen Seite: mehr zu Hause leben, mehr zu Fuß gehen, mehr die nahe Umwelt erkunden - das ist eine wunderbare Chance gewesen. Eben nicht unter dem Druck zu stehen, ob ich mir ein neues Hemd kaufen oder in dieser Boutique noch einmal gucken muss.

Es ist diese Mischung aus einer großen Beschneidung meiner Freiheiten und aus der Zerstörung von Kommunikation auf der einen Seite und der Befreiung von Überflüssigem auf der anderen. Insofern ist die Pandemie Lehrerin, aber auch Trainingslager.

Trainingslager wofür?

Die Pandemie hat uns gelehrt, dass es Krisen geben kann. Die nächste erwartbare große wird nach allem, was wir wissen, die Klimakrise sein. Die Pandemie ist insofern ein Trainingslager, als wir uns fragen konnten: Wie gehen wir mit so einer Situation um? Mit unserer Familie, mit unseren Freunden und mit den Schwachen in unserer Gesellschaft?

Zu diesem Umgang schreiben Sie: Die Starken sind stärker , die Schwachen schwächer geworden.

Ja, weil durch die Pandemie Reichtum und Geld von unten nach oben verteilt worden ist. Wir alle wissen, dass Amazon und ähnliche Konzerne unglaubliche Gewinne gemacht haben, während die kleinen Geschäfte kaputtgegangen sind. Das ist ein großer Schrecken und für viele Menschen mit der Zerstörung ihrer mühsam aufgebauten Existenz verbunden.

Sie schreiben von diesen irreparablen Schäden durch den Lockdown, die die Schwächsten getroffen haben. Was meinen Sie damit zum Beispiel?

Die Ausgangssperren und die Besuchverbote haben in den Bereichen Pflege besonders hart zugeschlagen: dass viele Menschen, die in Pflegeheimen gelebt haben, mit einem Mal keinen Besuch mehr von Sohn oder Tochter bekommen haben. Ich weiß von mehreren Fällen, in denen es gewissermaßen steil bergab gegangen ist. Wir werden nie wissen, wie viele Menschen daran zugrunde gegangen sind. Es gibt eine Geschichte, die mir sehr nahe gegangen ist, von einem mir bekannten 40-Jährigen, der ein Down-Syndrom hatte. Er ist mit Corona drei Monate auf der Intensivstation gewesen. Die Mutter, die mit ihm engstens verbunden gewesen ist, konnte drei Monate lang nicht zu ihm, und dann ist er gestorben. Das ist etwas, was nie mehr gutzumachen ist. Ich sage nicht, dass da irgendein Bösewicht dahintersteckt. Aber die Frage, ob wir richtig gehandelt haben, gerade im Bereich Pflege, ist eine große. Die Konflikte, die dort ausgebrochen sind, werden uns lange begleiten. Wir werden jetzt im Auftrag des hessischen Sozialministeriums eine Studie dazu machen, wie diese Konflikte künftig vermieden werden können.

Was glauben Sie, wie das gelingen kann?

Es ist erst mal ganz banal, aber das Wichtigste ist, die beteiligten Personen zusammenzubringen. Es müssen Treffen in Pflegeheimen stattfinden mit der Leitung, Pflegenden, Angehörigen. Um sich dann gemeinsam zu fragen: Wo haben wir Fehler gemacht? Wie kann es anders sein?

Die Frage nach einer Zukunft nach Corona ist eine zentrale in Ihrem Buch. Wie sollten wir weitermachen?

Der Verdacht ist natürlich, dass wieder da angeknüpft wird, wo wir vorher gewesen sind. Aber ich glaube, viele Menschen denken nun, es muss anders sein. Gerade bei den kleinen Dingen: Ob ich wirklich übers Wochenende nach Mallorca fliegen muss, oder ob es dazu eine Alternative mit dem ICE in eine näher gelegene Gegend gibt. Ich möchte niemandem die kleinen Fluchten schlechtreden, aber wir sollten überlegen: Brauche ich all das? Muss ich dieses 4-Euro-T-Shirt haben? Ich bin der festen Überzeugung, jetzt geht es darum, diese Erfahrungen des Verzichts aus den vergangenen Monaten ins Positive zu wenden. Und damit gleichzeitig einen neuen Blick auf die Klimakatastrophe zu werfen. Verzicht heißt ja nicht, in einer grauen Kammer zu sitzen, sondern auf Überflüssiges zu verzichten, um das eigene Leben neu zum Glänzen zu bringen.

Wird nach monatelangem Verzicht nicht eher der Wunsch nach einer Belohnung überwiegen?

Gestern bin ich nach einem Jahr, gefühlt waren es zehn, zum ersten Mal in einem Restaurant gewesen, und es war ein großer Genuss. Ich glaube, dass diese Freuden des Lebens auch etwas Bereicherndes sind. Keine Frage. Aber wenn wir jetzt ordentlich einen drauf machen, dann heißt es, wir haben nichts gelernt. Die Kostbarkeit dieser Pizza gestern, das Gefühl dafür zu behalten, dass es kostbar und nicht selbstverständlich ist, ist doch eine schöne Möglichkeit. Natürlich nicht nur die Pizza, sondern auch unsere Freundschaften. Vielleicht ist der Aufbruch erst einmal nicht so einfach. Ich spare mich nicht aus bei der Frage, ob das auch alles schnell wieder im Alltag verflachen kann. Aber es geht darum, uns an die tolle Chance zu erinnern. Wir sollten nicht direkt wieder den Ballermann ins Leben rufen, sondern fragen: Wie kann es schön und intensiv werden?

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