Der Gießener Regisseur Marc Wiese.
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Der Gießener Regisseur Marc Wiese.

Medien-Kontroverse

Gießener Regisseur kämpft um Glaubwürdigkeit nach Vorwürfen in der Zeitung „Zeit“

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Dokumentarfilmer fangen die Wirklichkeit ein. Glaubwürdigkeit ist ihr höchstes Gut. Der mit renommierten Preisen bedachte Gießener Regisseur Marc Wiese sieht dieses Gut nun in Gefahr. Die Zeitung »Zeit« wirft ihm vor, bei seiner Doku »Die Unbeugsamen« manipuliert zu haben. Wiese geht dagegen vor. Auch juristisch.

Der Mann sitzt mit einer Pistole in der Hand auf einem Stuhl in der philippinischen Wildnis. Um den Kopf hat er ein Tuch gebunden. Bei dem Mann handelt es sich um einen Killer, der erzählt, im Auftrag des späteren Präsidenten Roberto Duterte Menschen getötet zu haben. Diese Szene stammt aus der Dokumentation »Die Unbeugsamen - Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen« des Gießener Regisseurs Marc Wiese. Der Film hat vergangenes Jahr etliche Preise gewonnen. Aktuell sorgt die Doku erneut für Schlagzeilen. Doch dieses Mal sind es negative. Die Wochenzeitung »Die Zeit« wirft Wiese Täuschung und Inszenierung vor.

Glaubwürdigkeit ist für Dokumentarfilmer das höchste Gut. Für die Branche ist es daher verheerend, dass dem preisgekrönten Dokumentarfilm »Lovemobil« vor einigen Tagen die Nominierung für den Grimme-Preis entzogen worden ist. Die Regisseurin hatte eingeräumt, mehrere Szenen inszeniert zu haben, ohne dies anzugeben.

Am 8. April erschien in der »Zeit« ein Artikel mit dem Titel »Das ist, als würde ich ihm Koks geben«, der Wieses Film »Die Unbeugsamen« ebenfalls Inszenierung vorwirft. Dabei geht es vor allem um das eingangs erwähnte Interview mit dem Auftragsmörder. In der »Zeit« ist zu lesen, dass Wiese das Interview nicht selbst geführt hat. »Das stimmt auch«, sagt Wiese gegenüber dieser Zeitung. Ein Assistent habe mit dem Mörder gesprochen, da Wiese zu diesem Zeitpunkt in Manila mit anderen Arbeiten des Films beschäftigt gewesen sei. »Wenn man einen Gesprächstermin mit einem Killer bekommt, kann man schlecht sagen, dass es zeitlich gerade nicht so passt«, sagt der Gießener. Dass Regisseure nicht alle Interviews ihres Films selbst führen und später in der Nachbearbeitung den Part des Interviewers nachsprechen, sei in dem Geschäft Gang und Gäbe. »Das ist Alltag«, betont Wiese.

Gießener Dokumentarfilmer hat Anwalt eingeschaltet

Die Autorin des »Zeit«-Artikels räumt Regisseuren von Dokumentarfilmen generell viele Freiheiten ein. Sie schreibt: »Der Dokumentarfilm darf als künstlerischer Zugriff auf die Realität fast alles, solange er seine Mittel und Strategien - egal wie verrückt, überhöht oder angreifbar sie sein mögen - erkennbar werden lässt.« Letzteres hat Wiese nach Meinung der Autorin jedoch nicht getan. Vielmehr habe er diesbezüglich gelogen. Die Autorin schreibt, dass Wiese in einem Interview mit dem amerikanischen Onlineportal »Vice« gesagt habe, das Interview selbst geführt zu haben. Angesprochen auf die Situation mit dem philippinischen Killer, soll der Gießener Regisseur erwidert haben: »Ich dachte, ein falscher Satz, und der Typ tötet mich.«

Aufmerksam auf die Geschichte wurde die »Zeit« durch einen Hinweis des Mannes, der das Gespräch mit dem Killer geführt hat. Dabei handelt es sich um einen ehemaliger Mitarbeiter Wieses. Die beiden sind nicht im Guten auseinandergegangen.

Wiese hat einen Anwalt eingeschaltet, der schon Julian Assange vertrat und aktuell die Macher des Ibiza-Videos, das die österreichische Regierung in eine Krise stürzte. Der Gießener Filmemacher fährt schwere Geschütze auf, eine einstweilige Verfügung und eine Unterlassungserklärung liegen schon bei Gericht. Denn den Satz, der Wiese laut »Zeit« als Lügner überführt, hat der Gießener zwar tatsächlich gesagt, aber, so betont er, in einem völlig anderen Kontext. »Ich rede an der Stelle des Interviews über eine Arbeit in Nord-Uganda - ein Interview mit einem hochrangigen Kommandanten der Lord Resistance Army, mit dem ich für meinen Film ›Slaves‹ gesprochen habe. Das hätte der Redaktion der ›Zeit‹ auch leicht auffallen können, wenn sie mich angemessen um eine Stellungnahme gebeten hätte.«

Gießener Dokumentarfilmer weist „Vice“ auf Fehler hin

Tatsächlich, das räumt auch das Portal »Vice« ein, handelt es sich bei der Passage des Interviews um einen Schnittfehler. Man werde die Stelle aus allen Versionen streichen und bedauere den »editing error« aufrichtig, betont ein Vice-Mitarbeiter. Die diesbezügliche E-Mail liegt dieser Zeitung vor.

Die »Zeit« hätte das wissen können, ja müssen, meint Wiese. »Nachdem ich ›Vice‹ auf den Fehler hingewiesen habe, wurde die Sendung sofort offline genommen, sie war überhaupt nur ein paar Tage online.« Aber selbst in der falsch geschnittenen Version des Interviews hätte die »Zeit« merken müssen, dass etwas nicht stimme, sagt der Gießener. Denn gegenüber der »Vice« spricht Wiese von einer Produzentin, einer »she«. Der »Kronzeuge« der »Zeit« hingegen ist ein Mann.

Dieses Interview ist Auslöser der »Zeit«-Kritik.

»Wenn man das weiß, fällt der Artikel zusammen wie ein Kartenhaus«, sagt Wiese und betont, dies sowohl der Autorin als auch der Chefredaktion der »Zeit« vor Veröffentlichung mitgeteilt zu haben. »Sie haben trotzdem veröffentlicht«, ärgert sich Wiese. »Weil sie meinten, eine Exklusiv-Story zu haben. Und dabei haben sie fast alle Regeln der journalistischen Sorgfaltspflicht über Bord geworfen.«

Die »Vice«-Geschichte nimmt im »Zeit«-Artikel viel Raum ein. Der Artikel enthält aber auch andere Vorwürfe. Zum Beispiel, dass Wiese während der Dreharbeiten Menschen in Gefahr gebracht haben soll und der Inhalt des Interviews mit dem Auftragsmörder verdreht worden sei. Wiese streitet das ab und erzählt, sich von seinem ehemaligen Mitarbeiter, auf den sich die »Zeit« bei ihren Anschuldigungen größtenteils beruft, noch während des Drehs getrennt zu haben, weil er keine gute Arbeit abgeliefert habe. Daraufhin habe der Ex-Mitarbeiter versucht, das Vorhaben zu torpedieren. Wegen des Streits hat Wiese eigenen Angaben zufolge bereits im vergangenen Jahr bei einem Gericht eine eidesstattliche Versicherung hinterlegt und darin betont, dass er bei dem Interview nicht anwesend gewesen sei.

Gießener bekommt Unterstützung in renommierten Zeitungen

Unterstützung erhält der Gießener neben Beiträgen in FAZ und der Süddeutschen Zeitung auch von René Martens. Der renommierte Journalist, der auch Vorsitzender des Auswahlgremiums für den Grimme-Preis im Bereich »Information und Kultur« ist, bezeichnet den Informanten der »Zeit« als »nicht zwingend vertrauenserweckend«. Martens schreibt in seiner aktuellen MDR-Kolumne, dass besagter Journalist in dieser Angelegenheit seit rund zwei Jahren mit »durchaus missionarisch zu nennendem Eifer und unter beachtlichem Energieaufwand« Sender, Produzenten, Festivals und NGOs mit vermeintlich skandalträchtigen Dokumenten bombardiere, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. »Im Windschatten der ›Lovemobil‹-Debatte hatte er nun bei der Zeit Erfolg«, schreibt Martens.

Am Mittwoch veröffentlichte die »Zeit« einen weiteren Artikel und versucht darin, die Vorwürfe zu untermauern. Demnach hat die Redaktion sich mit der Produzentin aus Uganda in Verbindung gesetzt. Diese kritisierte Wiese deutlich und betont zum Beispiel, dass der Gießener falsche Aussagen getätigt und Menschen in Gefahr gebracht habe. Wiese dementiert das und betont, seine Crew könne belegen, dass besagte Produzentin nicht die Wahrheit sage.

Auf Anfrage dieser Zeitung äußern sich auch die Rechtsanwälte der »Zeit«, unter anderem zur »Vice«-Causa: »Ein Schnittfehler von Vice ist ausgeschlossen«, heißt es in dem Schreiben. Offenbar zweifeln die Anwälte die Mail bzw. die Aussagen von »Vice« an. Diese Annahme wird ebenfalls mit Aussagen der Produzentin aus Uganda zu stützen versucht. Zudem betonen die Anwälte, dass Wiese in dem Interview sehr wohl über seine Arbeit auf den Philippinen gesprochen habe. Wiese bestreitet das auch nicht. Das Interview habe insgesamt über drei Stunden gedauert, und an anderer Stelle habe er auch über die Philippinen gesprochen - allerdings in einem anderen Kontext.

Die Angelegenheit ist für Wiese mehr als ärgerlich. »Das bedroht meine wirtschaftliche Existenz«, betont der Gießener. Für Aufträge von ARD, Arte und Co. sei Glaubwürdigkeit unabdingbar. Einen ersten Erfolg hat er indes schon errungen: Ein Berliner Gericht hat laut Wiese in dieser Woche den ersten Teil der einstweiligen Verfügung zugestimmt und geurteilt, die Veröffentlichung des »Zeit«-Artikels sei mit Blick auf die »Vice«-Verwechslung nicht zulässig gewesen. Der zweite Punkt der Verfügung dreht sich um den Vorwurf, dass Wiese das Interview mit dem philippinischen Auftragskiller inhaltlich verdreht habe. Auch in diesem Punkt ist Wiese zuversichtlich, das Gericht vom Gegenteil überzeugen zu können.

»Lovemobil« ist die Grimme-Preis-Nominierung aberkannt worden - »Die Unbeugsamen« ist weiterhin nominiert. An einen Gewinn denkt Wiese derzeit aber nicht. Wichtiger ist dem Gießener, seine Weste wieder reinzuwaschen.

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