Corona-Virus

Gießener Rechtsmediziner »Schäden sind beängstigend«

Der Gießener Rechtsmediziner Reinhard Dettmeyer untersucht Menschen, die an Corona gestorben sind. Er sagt: »Es ist beängstigend, was wir sehen«.

Herr Professor Dettmeyer, wie sieht eine gesunde und im Gegensatz dazu eine erkrankte Lunge aus?

Während eine gesunde Lunge ein einheitliches Bild bietet mit gleichmäßig grau-roter Schnittfläche und gleichmäßiger Konsistenz, ist das Lungengewebe bei einer Lungenentzündung durch das Coronavirus von unregelmäßig grauer Farbe, teilweise durchsetzt von kleinen Einblutungen und teils deutlich verfestigt, teils auch mürbe-brüchig.

Das sieht man mit bloßem Auge?

Ja. Mikroskopisch zeigt sich in diesen Arealen dann eine schwere Entzündung mit Ansammlungen von Entzündungszellen. Manchmal kommen Gerinnselbildungen in den winzigen Blutgefäßen hinzu. Mit fortschreitender Entzündung vernarbt das Gewebe, ein Übertritt von Sauerstoff aus der Einatemluft in das Blut wird unmöglich, d.h. die Sauerstoffaustauschfläche im Lungengewebe wird zunehmend kleiner.

Das bedeutet nicht, dass der Patient keine Luft mehr bekommt...

Nein, es geht um die Sauerstoffversorgung des Blutes. Die Blutgerinnselbildungen in den Blutkapillaren und die vernarbten Wände der Lungenbläschen lassen eine Sauerstoffaufnahme nicht mehr zu.

Sie sind schon seit Mitte der 80er Jahre im Geschäft und haben viel gesehen, aber die Obduktion der Covid-Leichen hat sie erstaunt.

Ja, offen gestanden musste ich beim Blick durchs Mikroskop tief durchatmen. Die Entzündungsprozesse und Narben an der Lunge gehen weit über das hinaus, was man bei bisher üblichen Lungenentzündungen sieht. Das ist beängstigend.

Die Lunge ist bei einem schweren Covid-Verlauf bereits nach drei Wochen stark angegriffen. Kann sich das Organ erholen?

Wenn es zu einer Covid--19-Lungenentzündung gekommen ist, dann sind ein Überleben und eine Ausheilung noch möglich, aber die narbigen Umwandlungen des Lungengewebes bleiben bestehen.

Es gibt also keine hundertprozentige Wiederherstellung?

Das ist in der Regel so. Allerdings kann das verbliebene Lungengewebe durchaus ausreichen, um den Körper ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Je nach Ausmaß des betroffenen Lungengewebes bzw. Grad der Schädigung können aber Einschränkungen der Leistungsfähigkeit bleiben, die nur allmählich und begrenzt vom Organismus im Laufe der Zeit ausgeglichen werden können.

Sind die Schäden mit jenen vergleichbar, die durch Nikotin entstehen? Ist also eine »Raucherlunge« so etwas ähnliches wie eine »Covidlunge«?

Nein, das ist etwas ganz anderes. Auch eine »normale« Lungenentzündung ist nicht vergleichbar, die kann weitgehend ausheilen.

Es geht aber nicht nur um die Lunge.

Ja, das darf man nicht vergessen. Andere Organe können, müssen aber nicht betroffen sein. Bei einem Teil der Corona-Verstorbenen fand sich eine Entzündung des Nierengewebes, auch Entzündungen in der Leber. In einem Fall kam es, noch nach Entlassung von der Intensivstation, zu einer virusbedingten Herzmuskelentzündung.

Bei Obduktionen sind zunächst die Kollegen der Pathologie gefragt, Rechtsmediziner übernehmen, wenn der Verdacht auf eine unklare oder nicht-natürliche Todesart besteht. Wie viele Covid-Verstorbene haben Sie gesehen?

In der Rechtsmedizin in Gießen wurden bisher zehn Fälle obduziert, teils im Auftrag des Gesundheitsamtes, teils im Auftrag der Angehörigen, teils im Auftrag der Staatsanwaltschaft. Dies geschah immer zunächst zur Klärung der Todesursache, d.h. zur Beantwortung der Frage, ob ein Mensch an Corona verstorben ist oder aus anderer Ursache rein zufällig mit Corona.

Sie sagen, die Menschen, die Sie auf dem Seziertisch hatten, sind an Corona gestorben und nicht mit. Warum sind die gewonnenen Erkenntnisse so wichtig?

Aus meiner Sicht sind die Obduktionsbefunde einerseits hilfreich für die Behandlung, andererseits zeigt sich beeindruckend, wie berechtigt alle Vorsichtsmaßnahmen sind. Tendenziell haben zwar eher ältere Menschen eine schweren oder gar tödlichen Verlauf, aber im Einzelfall kann auch ein jüngerer Mensch schwer erkranken.

Zu Lebzeiten kann man zudem nicht alle krankhaften Veränderungen erkennen.

Das ist ein weiterer Grund, warum die Bedeutung von Obduktionen kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Und was bedeutet sie für die Therapie?

Corona-Infizierte gleiten allmählich in eine Sauerstoffmangelversorgung hinein. Ausgangsort einer Infektion - nicht nur in der Lunge - sind häufig die Gefäßwände sehr kleiner Blutgefäße, es kommt zu Blutgerinnseln. Vorgebeugt wird hier z.B. mit einer antikoagulierenden Therapie, also mit Gerinnungshemmern. Das hat man bereits im letzten Frühjahr erkannt.

Gibt es noch mehr praktische Erkenntnisse?

Weitere Untersuchungen müssen nicht nur klären, welche Organe in welchem Ausmaß bei welchen Patientengruppen von Covid-19-bedingten Entzündungen betroffen sind. Bei jüngeren Menschen, die an einer Covid-19-Erkrankung versterben, stellt sich die Frage nach einem besonderen Risikoprofil. Auch da können Obduktionen wichtige Erkenntnisse liefern.

Es hat sich im vergangenen Jahr viel getan.

Auf jeden Fall. Es gibt zusätzlich seit kurzem die Möglichkeit, SARS-CoV-2 in Gewebeproben mit speziellen Techniken mikroskopisch sichtbar zu machen. Dies kann helfen, die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus im Körper präziser zu erfassen, z.B. ob Viren spezielle Nervenfasern angreifen wie die Riechnerven oder die Sehnerven, ob Drüsen der Darmschleimhaut betroffen sein können oder andere Drüsen im Körper. Der direkte Nachweis von SARS-CoV-2 im Herzmuskelgewebe mit speziellen Antikörpern, die dann ihrerseits färberisch dargestellt werden, ist bereits gelungen.

Was genau ist eigentlich so riskant beim Umgang mit den Leichen? Aerosole können es doch nicht mehr sein?

Schutzmaßnahmen zur Vermeidung einer Infektion sind bei frisch Verstorbenen unbedingt einzuhalten, einerseits weil die Hautoberfläche viruskontaminiert sein kann, andererseits, weil durch Umlagerung noch Aerosole über Mund und Nase austreten können. Allgemeine Erfahrung ist aber, dass die Infektiosität von Viren zunehmend nachlässt, mit Abkühlung des Leichnams abnimmt und je länger der Mensch tot ist.

Weiß man, wie das bei SARS-CoV-2 ist?

Dazu gibt es widersprüchliche Ergebnisse. Teilweise können Coronaviren in Abstrichen, die bei der Obduktion genommen wurden, zwar noch nachgewiesen werden, die Viren waren aber nicht mehr vermehrungsfähig, also nicht mehr infektiös. In Einzelfällen war Infektiosität aber noch nach mehr als zwei Wochen nach dem Tode feststellbar, jedenfalls von Viren, die aus dem Körperinneren stammten. Haut mit infektiösen Viren auf der Oberfläche dürfte es nicht so lange geben.

Gab es denn schon einmal eine Ansteckung durch einen Verstorbenen?

Bislang gibt es keine Berichte, dass sich Bestatter oder Obduzenten über den Kontakt zu einem Leichnam infiziert hätten.

Wie ist Ihre Haltung zu den Impfungen?

Ich bin sehr froh, dass sie begonnen haben. Wenn ich dran bin, stehe ich sofort in der Schlange.

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