Professor Reinhard Dettmeyer ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Gießen. FOTO: FRIEDRICH
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Professor Reinhard Dettmeyer ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin in Gießen. FOTO: FRIEDRICH

Mord verjährt nicht

Gießener Rechtsmedizin: Mehr als Leichen untersuchen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Toten kann man nicht mehr fragen. Aber ihre Körper können trotzdem eine deutliche Sprache sprechen - jedenfalls für die Ermittler in weißen Kitteln. Zu Besuch beim Institut für Rechtsmedizin am Uniklinikum Gießen.

Die Abwesenheit von Geruch ist das erste, was in den Kellerräumen im Hinterhof an der Frankfurter Straße in Gießen auffällt. Die zwei Tische stehen glänzend im Raum, alles hier ist steril. Wenn aber die Arbeit beginnt, dann dürfen die Fachärzte vom Institut für Rechtsmedizin nicht zimperlich sein. Dann werden Schädel und Brustkörbe geöffnet, Organe entnommen, Körper von oben bis unten und von innen nach außen genau inspiziert. "Wer einen Leichnam obduziert, muss psychisch stabil sein", sagt Institutsdirektor Professor Reinhard Dettmeyer, "und Freude am Leben haben." Als er diesen Satz nachschiebt, zeichnet sich ein feines Lächeln in seinem Gesicht ab.

Wenn von Rechtsmedizin die Rede ist, denken viele Menschen an Krimis - zum Beispiel an den Münsteraner Tatort, wo Professor Boerne und Kommissar Thiel knifflige Mordfälle lösen. "Bis zu einem gewissen Grad ist unsere Arbeit so, wie man es aus dem Fernsehen kennt", sagt Dettmeyer. Auch die Mitarbeiter des Instituts in Gießen werden vom Kriminaldauerdienst gerufen, um einen Leichnam zu untersuchen. Die Ermittler der Spurensicherung sind die Ersten vor Ort, arbeiten zum Beispiel an der Kleidung des Toten. Das dauert ein bis zwei Stunden. Dann nehmen die Rechtsmediziner den Körper und die Auffindesituation unter die Lupe: Welche Verletzungen sind sichtbar? Sind die Totenflecken regelgerecht? Ist die Totenstarre passend - und wie hoch ist die Temperatur? "So können wir bestimmen, wie lange eine Person bereits tot ist", sagt Dettmeyer. "Allerdings sind wir nicht so präzise wie im Krimi, da bin ich immer wieder tief beeindruckt von deren Genauigkeit." In der Realität können die Rechtsmediziner mit einer Differenz von zweieinhalb bis drei Stunden den Todeszeitpunkt einer Person feststellen.

Von Gießen aus werden fünf Landgerichtsbezirke betreut: Kassel, Fulda, Limburg, Marburg und Gießen. Seit kurzem gibt es eine Außenstelle in Kassel. Zwar betreuen die vier Fach- und sechs Assistenzärzte ein großes Einzugsgebiet. Aber in der meist ländlichen Region ist es ruhiger als beispielsweise in Südhessen. Dettmeyer: "Wir haben zwischen 20 und 30 Tötungsdelikte pro Jahr."

Wenn klar ist, dass es sich um Mord oder Totschlag handelt, werde in der Regel sofort obduziert, sagt Dettmayer. Die Untersuchung nehmen immer zwei Ärzte und ein Präparator vor. Meistens handelt es sich um einen erfahrenen Facharzt und einen Mediziner, der noch lernen möchte. Eingesetzt werden die Teams passend zur "Fragestellung", wie Dettmeyer das nennt: Ist das Opfer erhängt, erwürgt oder erdrosselt worden? Starb es nach einer Attacke mit einem Messer oder durch Schussverletzungen? Oder ist es erschlagen worden? Wenn Alkohol, Drogen oder Medikamente im Spiel sind, wird zusätzlich ein toxikologisches Gutachten verfasst. Die Rechtsmediziner dokumentieren diese Spuren detailliert und fotografisch im Beisein der Polizei oder der Staatsanwaltschaft. Die Ermittler werden dann sofort über das Ergebnis der Obduktion informiert. "Damit dieses Wissen für Vernehmungen vorhanden ist oder wenn der Verdächtige dem Richter vorgeführt wird", erklärt der 62 Jahre alte Institutsdirektor

Spuren von stumpfer Gewalt sind für die Rechtsmediziner schnell zu entdecken. Alkohol oder Gift könne man riechen. "Zyankali riecht zum Beispiel bittermandelartig", sagt Dettmeyer. Knifflig wird es aber, wenn bei einem Mord Medikamente im Spiel sind, deren Einnahme ein gesunder Mensch überleben würde. Dettmeyer erinnert sich an einen Fall, der ihn bis heute nicht loslässt. Eine Frau war tot aufgefunden worden. In ihrer Teekanne fanden die Ermittler eine unbekannte Substanz. Später stellte sich heraus, dass es sich um Betablocker handelte, die Menschen bei Herzkrankheiten nehmen, Der Ehemann hatte später geschildert, seine Ehefrau habe die Überdosis freiwillig in den Tee gerührt, die schließlich zu ihrem Tod geführt habe. "Wir sahen den Fall kritischer als das Gericht", sagt Dettmeyer. Der Ehemann wurde wegen Beihilfe zum Suizid verurteilt.

Pro Jahr nimmt die Gießener Rechtsmedizin 700 Obduktionen vor - Tendenz steigend. Das hänge auch mit der demografischen Entwicklung zusammen, betont Dettmeyer. "Wir haben immer mehr Singlehaushalte, und die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt in ein Alter, in dem man plötzlich stirbt." Es sind nicht nur Fälle von Mord und Totschlag, um die sich die Fachärzte kümmern. Als Gutachter untersuchen sie auch lebende Gewaltopfer - im vergangenen Jahr waren das über 300 Fälle. "Davon mehr als die Hälfte Kinder", betont Dettmeyer. Er ergänzt: "Wir holen diese Fälle aus dem Dunkelfeld heraus." Ebenfalls mehr werden Fälle von häuslicher Gewalt gegen pflegebedürftige Ältere registriert, wenn Angehörige von der Situation überfordert sind und zuschlagen. Ein Kollege von Dettmeyer war kürzlich in Mexiko, um Leichen aus Massengräbern zu identifizieren. Generell gehört die Zuordnung von Knochen zum Alltag der Experten. Aktueller denn je sind zudem die Untersuchung von mutmaßlichen Folteropfern unter Einwanderern.

Die Rechtsmedizin hatte in den 90er Jahren einen schweren Stand: Zahlreiche Institute wurden geschlossen, unter anderem in Marburg. Die Einrichtungen, die bestehen blieben, mussten zusätzlich mit weniger Personal auskommen. Ein Umdenken setzte erst ein, als der islamistische Terrorismus zu einer immer größer werdenden Bedrohung wurde "und man damit rechnen musste, dass es zu einem Anschlag mit 30 oder mehr Toten kommt", sagt Dettmeyer. Auch die Tsunami-Katastrophe 2004 im Indischen Ozean habe dazu beigetragen. Denn Rechtsmediziner halfen dabei, die deutschen Opfer zu identifizieren. Seit Beginn des Jahrtausends gibt es außerdem eine höhere Sensibilität für Gewalt gegen Frauen und Kinder. "Wenn Sie dann vor Gericht beweissicher auftreten wollen, brauchen Sie gerade bei Sexualdelikten eine schnelle, gründliche Untersuchung", betont Dettmeyer. "Und das kann eigentlich nur die Rechtsmedizin."

In Gerichtsprozessen kann das Gutachten der Rechtsmedizin entscheidend sein, wenn es um die Frage von Schuld und Unschuld geht. Deshalb sitzen die Experten immer wieder lange in Verhandlungen. "Wir verfolgen niemanden", unterstreicht Dettmeyer, "wir haben eine neutrale Position inne und sind nur für die Wahrheitsfindung da." Anhand von Verletzungsmustern können die Fachärzte zum Beispiel einschätzen, ob eine Zeugenaussage korrekt oder eher unwahrscheinlich ist.

Die Aufgabe der Rechtsmedizin ist aber auch, die Grenzen des eigenen Gutachtens aufzuzeigen. Kritische Juristen merkten schnell, wenn dies nicht geschehe und nähmen die Fachärzte dann unangenehm in die Mangel, betont Dettmeyer. Das ist für den 62-Jährigen der Hauptgrund, warum angehende Rechtsmediziner die Ausbildung abbrechen. "Damit muss man umgehen können", sagt Dettmeyer. "Aber manchmal wünscht man sich auch, dass sich ein Gericht vor den Gutachter stellt und zum Anwalt sagt: ›Sie dürfen alles fragen, aber nicht in diesem Ton.‹"

Fakten rund um die Rechtsmedizin

Die Rechtsmedizin in Gießen ist das einzige privatisierte Universitätsinstitut in Deutschland. Direktor Reinhard Dettmeyer betont, die Geschäftsführung des UKGM Gießen/Marburg "hat uns immer korrekt behandelt".

Wer Rechtsmediziner werden will, braucht zunächst ein abgeschlossenes Medizinstudium. Vor der Facharztprüfung müssen unter anderem über 300 Obduktionen gemacht werden - 100 davon eigenverantwortlich.

Die Fachärzte geben ihr Wissen weiter, sensibilisieren Ärzte, Polizisten, Lehrkräfte, Erzieher oder Hebammen für Spuren von Gewaltdelikten. Gefördert wird dieses Projekt mit dem Namen "Forensisches Konsil Gießen" vom hessischen Sozialministerium.

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