Radelstar Dr. Alice Henke-Saipt mit ihrem E-Bike. FOTO: MÖ
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Radelstar Dr. Alice Henke-Saipt mit ihrem E-Bike. FOTO: MÖ

Stadtradeln

Gießener "Radelstar" blickt auf drei autofreie Wochen zurück

  • Burkhard Möller
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Am Freitag ist in Gießen das Stadtradeln zu Ende gegangen. "Radelstar" Dr. Alice Henke-Saipt hat drei Wochen lang auf das Auto verzichtet und acht Verbesserungsvorschläge für den Radverkehr.

Die dunklen Regenwolken haben sich am Mittwochvormittag gen Osten verzogen, die nächsten ziehen laut Wetterbericht heran. Während viele Radfahrer der Wetterwende in dieser Woche eher missgelaunt entgegengesehen haben, wird sie von Dr. Alice Henke-Saipt herbeigesehnt. Nach drei Wochen idealem Radelwetter wünscht sich die wetterfeste Biebertalerin Wasser von oben. "Eine Regenfahrt muss ich noch machen", sagt die 63-Jährige, die in der IT-Abteilung der Gießener Stadtverwaltung arbeitet.

Für drei Wochen war sie beim diesjährigen Stadtradeln in Gießen der "Radelstar", schrieb einen Blog auf der Stadtradel-Homepage und war als Botschafterin fürs Fahrrad unterwegs.

Knapp 700 Kilometer hat sie bis zum vergangenen Mittwoch zurückgelegt, viele davon waren ungeplant.

Nur in der ersten Woche war sie zwischen ihrem Wohnort Fellingshausen und dem Rathaus am Berliner Platz als Berufspendlerin unterwegs, danach musste sie Urlaub nehmen. "Die 25 Kilometer täglich hin und zurück fehlen natürlich", sagt Henke-Saipt. Dafür steuerte sie Baumärkte mit ihrem E-Bike an ("Baustellen-Kilometer"), weil die Küche im Urlaub renoviert wurde. Motto: Satteltasche und Korb statt Kofferraum, denn "Radelstars" müssen während des dreiwöchigen Stadtradelns autoabstinent bleiben. "Im Alltag fällt es mir nicht schwer, auf das Auto zu verzichten", sagt Henke-Saipt. Im Urlaub schon, denn die Eheleute aus Biebertal sind Wohnmobilisten.

Das diesjährige Stadtradeln war ihr zweites, vermisst hat sie die Gruppenausfahrten. Letztes Jahr hatte sie die "Schleichwege"-Tour des ADFC durch Gießen mitgemacht und "unbekannte Ecken" kennengelernt. Nach 30-jähriger Pause hatte die blonde Frau vor zwei Jahren mit dem Radfahren wieder angefangen, im vergangenen Jahr folgte der Umstieg aufs E-Bike, mit dem die Stadtbedienstete schon mal "richtig saust". Wenn der Akku mitspielt.

Die weiteste Tour fuhr der Radelstar bis Laubach und zurück. Alles in allem 106 Kilometer, die sie unter anderem auf dem "sehr schönen" Lumdatalradweg zurücklegte. Lange Strecken mit dem E-Bike müsse man planen. Ihre Aufladestation für Akku und Beine war das bei Radlern beliebte Café Göbel in Laubach.

Genutzt hat Henke-Saipt die drei Wochen auch, um sich mit dem Navigationssystem Komoot anzufreunden. Selbst für sie als Netzwerkerin sei das eine "Herausforderung" gewesen. Die analoge Orientierung in Wald und Flur sei eben nicht ihr Ding, fügt der Radelstar lachend hinzu.

Nicht nur aus der Erfahrung der drei Wochen leitet der Radelstar einige Anregungen für den Radverkehr ab:

Schmale Radwege: Der Weg entlang der Heuchelheimer Straße nach Gießen hinein ist für Henke-Saipt nur ein Beispiel dafür. "E-Bikes sind massiger, und wie ich haben viele einen Außenspiegel. Da geht es im Begegnungsverkehr gefährlich eng zu."

Hohe Bürgersteige: An Bürgersteigen und insbesondere Auf- und Abfahrten von Radwegen sollte es mehr abgeflachte Stellen geben. "Da enden Radwege plötzlich an einem hohen Bordstein", moniert Henke-Saipt.

Ladeinfrastruktur: In der Region gebe es im Grunde keine öffentliche Ladeinfrastruktur. E-Biker seien gezwungen, private Lösungen zu suchen. "Wir brauchen mehr Ladestationen", wünscht sie sich Mehr Rücksichtnahme: Dieser Wunsch richtet sich an alle Verkehrsteilnehmer: "Der Verkehrsraum in der Stadt ist begrenzt, da sollten alle mehr Rücksicht aufeinander nehmen." Auch die Radfahrer. Auf Radwegen mit Zweirichtungsverkehr zu überholen, obwohl jemand entgegenkommt, sei ein Ärgernis.

Unterwegs war Henke-Saipt im Team Stadtverwaltung & Friends, das mit gut 80 Mitgliedern rund 18 000 Kilometer fuhr. Einige Mitstreiter hätten mehr als 1000 Kilometer gestrampelt. "Es ist beeindruckend, was der ein oder andere Kollege an Kilometern zusammengefahren hat. Ich hoffe, dass ich am Ende unter die ersten zehn komme". Mit der Regenfahrt hat das bestimmt geklappt.

Gießen beim Stadtradeln ganz weit vorne

Die Gießener Teilnehmer am diesjährigen Stadtradeln haben der Corona-Pandemie getrotzt und in den vergangenen drei Wochen viel für die eigene Gesundheit und das Klima getan. Mit über 1800 Teilnehmern und 130 Teams wurde die Vorjahresbeteiligung nahezu erreicht, die Gesamtkilometer indes wurden richtig gesteigert. Nach 307 000 Kilometern in 2019 waren es - Stand gestern Nachmittag - fast 395 000 Kilometer. Da dürften gutes Wetter, Feiertage und Kurzarbeit eine Rolle gespielt haben. Stand jetzt liegt Gießen in Hessen damit klar auf Platz 1 und im bundesweiten und internationalen Ranking auf Platz vier. In Gießen führen große Einrichtungen wie die JLU (fast 50 000 Kilometer), das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium und "Kirche radelt" die Kilometer-Tabelle an. Mit fast 8200 Kilometern belegt das 24-köpfige Team der Gießener Allgemeinen Zeitung Platz 11. Ein Abschlussfest soll es im Herbst geben.

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