Die Psychiatrie des UKGM. Hier und auch in der Vitos-Klinik bekommen Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfe.
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Die Psychiatrie des UKGM. Hier und auch in der Vitos-Klinik bekommen Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfe.

Schnelle Hilfe

„Wer Hilfe benötigt, bekommt sie auch“: Gießener Psychiatrien bieten im Akutfall immer einen Platz

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Auf den Vitos-Stationen als auch in der Psychiatrie des UKGM kommt es aktuell zu einer Verdichtung von schwerer betroffenen Patienten verschiedener Diagnosen. Es sei wichtig, dass Betroffene priorisiert geimpft werden, sagen die Verantwortlichen.

Eine Weile geht es gut, doch dann kommt der Zusammenbruch. »Zu den Gruppen, die jetzt dekompensieren und deshalb eine stationäre Behandlung brauchen, gehören nach unserer Erfahrung viele alkoholkranke Menschen, vor allem wenn sie isoliert leben«, sagt Prof. Michael Franz, der Ärztliche Direktor der Vitos-Klinik. Das gleiche gelte für Angstpatienten, Menschen mit Depressionen, Borderlinestörungen und Psychosen. Unter dekompensieren verstehen die Fachleute das, was landläufig als Nervenzusammenbruch bezeichnet wird.

Vitos-Klinik Gießen: Nachfrage nach Therapieplätzen grundsätzlich hoch

Die Nachfrage nach Therapieplätzen in der Vitosklinik sei grundsätzlich hoch, betont Franz. Es gebe immer wieder Spitzen und dann wieder Zeiten, in denen sich die Lage etwas entspanne. Franz ist jedoch vorsichtig, diese »Hochs« mit der Pandemie in Verbindung zu bringen. »Das wäre Spekulation«, sagt er. Bisher könne Vitos Menschen in akuten Krisen in der Regel schnell einen Platz anbieten. Für andere Therapieformen gibt es Wartelisten - diese gab es aber auch schon vor der Pandemie.

Eine hundertprozentige Belegung der Klinik wie vor der Pandemie sei derzeit speziell in den Tageskliniken nicht ganz möglich, erläutert Vitos-Geschäftsführer Max Heuchert. Das liege an dem guten Infektionsschutzkonzept, das die Klinik bisher vor Infektionsausbrüchen bewahrt habe. So müsse z. B. sichergestellt werden, dass getestete und ungetestete Personen (bei jeder Neuaufnahme wird ein PCR-Test gemacht) getrennt seien. Dafür würden auf jeder Station räumliche Möglichkeiten vorgehalten.

Aktuell erlebe man auf den Vitos-Stationen eine Verdichtung von schwerer betroffenen Patienten verschiedener Diagnosen, schildert Franz. Manche dieser Patienten hätten sich aus Sorge vor einer Ansteckungsgefahr lange gescheut, stationäre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das wirke sich negativ auf die Erkrankung aus.

Psychiatrie des UKGM: Patienten suchen sich zum Teil erst spät Hilfe

Diese Beobachtung hat auch Prof. Christoph Mulert gemacht. Der Leiter der Psychiatrie des Klinikums berichtet von Patienten, die vermutlich in eine weniger tiefe Krise gestürzt wären, wenn sie früher Hilfe gesucht hätten. Aber gerade bei Angststörungen oder Depressionen sei das schwer umsetzbar: Die Patienten seien gefangen in ihrer Sorge und zögen sich immer mehr in sich zurück. Dabei, versichert Mulert auch für seine Klinik, habe es in der Psychiatrie keinen Corona-Ausbruch gegeben.

Vielen Patienten könne man mit Telefonaten oder Videosprechstunden helfen, aber auch auf den Stationen habe man das Risiko einer Ansteckung durch gute Hygienekonzepte, Tests und nun auch durch die Impfungen senken können.

Psychiatrien in Gießen: Patienten sind aus gutem Grund in der Priorisierungsgruppe 2

Mulert weist ebenso wie Franz auf die Bedeutung des Impfens für die Patienten hin: »Das sind oft gefährdete Menschen, die nicht gut selbst auf sich und ihre Gesundheit achten können«. Sie seien aus gutem Grund in der Priorisierungsgruppe 2 und somit impfberechtigt. Oftmals wüssten die Patienten dies jedoch selbst nicht oder fühlten sich mit der Registrierung überfordert. »Das muss nicht sein. Wir helfen dabei«, versichert er. Die Mediziner hoffen, dass die Impfung Fahrt aufnimmt und damit auch ihre Patienten schnell an die Reihe kommen.

Die Psychiatrie des UKGM hat auf vier Stationen Platz für 88 Patienten. Sie sei gut ausgelastet, aber nicht überlastet, betont Mulert. »Wer Hilfe benötigt, bekommt sie auch. Das ist eine wichtige Botschaft«.

Studie zur Situation der Menschen im Lockdown: Heilsamer Rückzug oder destabilisierende Isolation

Die lang andauernde Pandmie ist eine Belastung für alle Menschen. Manchen gelingt es, sie psychisch unbeschadet zu überstehen, andere stürzen ab. Woran liegt das?

»Es kommt immer darauf an, welche psychischen Voraussetzungen man mitbringt«, sagt Franz. Der zu Paranoia neigende Mensch werde leichter Wahngedanken bekommen, zumal wenn er etwa von Verschwörungstheorien lese. Wer emotional instabil sei, könne seine Anspannung schlechter regulieren und raste vielleicht mehr aus. Bei Menschen mit Angsterkrankungen steige wiederum die Angst. Eine aktuelle Studie zur Situation der Menschen im Lockdown kommt zu dem Ergebnis, dass es zwei Pole gebe: heilsamer Rückzug oder destabilisierende Isolation. Es sei individuell sehr verschieden, wo jemand sich einordnen könne. Das habe viel mit den persönlichen Ressourcen und der allgemeinen Unterstützung von außen zu tun.


Vitos und UKGM

Sowohl die Vitos-Klinik (www.vitos.de) als auch die Psychiatrie des UKGM (www.ukgm.de) bietet ambulante und stationäre Hilfe. Auf der Homepage finden Interessierte auch hilfreiche Tipps für die seelische Gesundheit.

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