Philipp Joester ist Erzieher auf der Station Peiper für krebskranke Kinder. FOTO: SCHEPP
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Philipp Joester ist Erzieher auf der Station Peiper für krebskranke Kinder. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Gießener Philipp Joester steht krebskranken Kindern zu Seite

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Auf einer Station für krebskranke Kinder zu arbeiten ist hart. Oft traurig und schmerzlich. Aber es ist auch schön und bereichernd. Sagt Philipp Joester, der diesen Job seit neun Jahren macht. Und für die Kinder ist der 37-Jährige ein Glücksfall. Sagen die, die ihn bei der Arbeit erleben.

Die zweieinhalb Kilometer von der Klinik zu seiner Wohnung in der Innenstadt geht Philipp Joester zu Fuß. Er könnte auch den Bus oder das Fahrrad nehmen. Doch während des Laufens kann er am besten seine Gedanken sortieren und ein bisschen Abstand gewinnen. Das ist wichtig in seinem Beruf. Der 37-Jährige ist Erzieher auf der Station Peiper, der Station für krebskranke Kinder des Universitätsklinikums. Er hat täglich mit kleinen Patienten zu tun, denen die Chemotherapie zusetzt, die ihr Zuhause, ihr Haustier, ihre Freunde vermissen. Und mit Eltern, die verzweifelt sind. "Gerade am Anfang sind die Mütter und Väter in einem Ausnahmezustand, in einer Art Schockstarre", erzählt Joester.

Wie hält man das aus? Wie kann man immer wieder dieses Leid ertragen? Joester kennt diese Fragen. Er kennt aber auch das Schweigen, das häufig folgt, wenn jemand hört, was er beruflich macht. Viele wollen lieber nicht so genau wissen, womit man auf einer Kinderkrebsstation konfrontiert wird. Das Unglück anderer ist weit weg und soll es auch bleiben. Man will sich die eigenen Ängste vom Leib halten. "Das ist nachvollziehbar und völlig okay", sagt Joester.

Und wenn man doch nachfragt? Ja, es stimmt. Der Job habe ihn verändert, er verändere die Sicht auf das Leben. Die Erlebnisse mit all diesen kleinen Kämpfern erden ihn, sie führen ihm täglich vor Augen, was wirklich wichtig ist im Leben. Sie bewahren ihn auch davor, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. "Zum Beispiel darüber, dass man im Supermarkt eine Maske tragen muss", sagt er und lacht.

Apropos: "Auf der Station Peiper wird viel gelacht, es geht ganz oft fröhlich zu", beschreibt er. Wenn die Kleinen inklusive Infusionsständer mit dem Bobbycar um die Ecken flitzen und sich ein Rennen liefern, oder wenn sie zusammen etwas basteln oder spielen. Die Patienten - vom Kleinkind bis zum 18-Jährigen - sind oft wochen- oder monatelang in der Klinik, da brauchen sie ein Stück Alltag, ein bisschen Normalität. Unter anderem dafür sind Joester und seine Kollegin Corinna Altinkilic zuständig.

Die beiden Erzieher sind beim Elternverein für leukämie- und krebskranke Kinder Gießen angestellt. Ziel des Vereins ist es, die Begleitumstände für betroffene Familien zu verbessern. "Die Erkrankung stürzt die gesamte Familie in eine Lebenskrise, da hängt so viel dran", schildert Joester. Für die Eltern, die oft von weither in das Behandlungszentrum kommen, bedeutet die langandauernde Therapie oftmals auch materielle Schwierigkeiten - nicht jeder Arbeitgeber toleriert längere Abwesenheiten.

All diese Probleme können Einfluss haben auf den Verlauf des Heilungsprozesses. Um so wichtiger ist es, dass die Kinder und Jugendlichen auf der Station neben dem pflegerischen und ärztlichen Personal Ansprechpartner haben. Für ihren Kummer, aber auch, um miteinander Spaß zu haben. "Natürlich entstehen da Bindungen, wir erleben ja jeden Fort- und Rückschritt ganz nah mit", sagt der Erzieher. Er ist einer der wenigen Männer in seinem Beruf, was er ebenso schade findet wie die Kinder: Es ist immer hilfreich, wenn es sowohl weibliche als auch männliche Bezugspersonen gibt.

Wie wichtig die beiden Erzieher für die Kinder und Jugendlichen sind, erleben neben den Eltern auch andere, die mit den Patienten zu tun haben. Zum Beispiel Frauke Döll, die Leiterin der Hans-Rettig-Schule für Kranke am UKGM. "Philipp hat ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, da ist ein Mensch genau am richtigen Platz." Ebenso wie seine Kollegin erfahre er große Wertschätzung von allen Seiten. "Sie sind beide Glücksfälle für die Station".

Ein großes Glück ist es auch, dass sich die Heilungschancen von Krebs im Kindesalter in den vergangenen Jahren sehr verbessert haben. Während vor 50 Jahren fast jedes an Krebs erkrankte Kind starb, können heute 60 bis 70 Prozent aller Patienten geheilt werden. Bei Leukämie sind die Prognosen noch besser. Zu den schönsten Momenten für die Mitarbeiter auf der Station Peiper gehört es, wenn sie Patienten gesund entlassen. "Wir zelebrieren das Entfernen des Portkatheters, und an die Wand kommt zur Feier des Tages ein bunter Handabdruck mit Datum". Auch das Wiedersehen mit früheren Patienten sei großartig. "Da stehen gesunde junge Erwachsene vor uns und sind mitten im Leben angekommen - das ist jedes Mal cool", sagt Joester.

Aber natürlich gibt es auch immer wieder Kinder, bei denen es nicht gut ausgeht. Manche sprechen darüber, was sie über das Sterben und den Tod denken, andere behalten diese Gedanken für sich. Ganz oft machen sie sich mehr Sorgen um die Eltern als um sich selbst. Sie sehen den Kummer der Eltern und wollen trösten. Manchmal können sie sich erst dann verabschieden, wenn die Eltern loslassen. Joester erinnert sich zum Beispiel an ein Kind, das gestorben ist, wenige Minuten nachdem der Vater ihm versichert hatte: "Du kannst jetzt gehen, es ist alles gut". Schwere Momente, die niemand je wieder vergisst. Ein anderer Patient stellte sich vor, wie er bald die Stadt vom Himmel aus betrachten würde. "Ich kenne von Gießen ja nur die Klinik".

Besonders schwierig ist die Situation nach Joesters Erfahrungen für die Geschwisterkinder. Auch sie liegen ihm sehr am Herzen. Sie müssen zum einen akzeptieren, dass sich immer alles um das kranke Kind dreht. Zum anderen leiden auch sie, wenn es dem Bruder oder der Schwester schlecht geht. "Das ist ganz bitter, deshalb bin ich immer froh, wenn wir auch Angebote für die Geschwister machen können". Das ist in Corona-Zeiten wie vieles andere unmöglich. "Wir mussten uns leider total abschotten, alles andere wäre viel zu riskant".

Erzieher auf der Kinderkrebsstation. Hätte es nicht einen weniger belastenden und besser bezahlten Beruf gegeben? Doch, hätte es. Joester hat sich schwer getan mit diesem Schritt. Der 37-Jährige hat nach seiner Ausbildung zum Erzieher ein Studium für das Lehramt an Förderschulen begonnen und fast abgeschlossen. Doch schon während seiner Zeit an der Uni hatte er mit viel Engagement auf der Station Peiper gearbeitet. Je näher der Abschluss rückte, desto weniger gelang es ihm, beidem gerecht zu werden. Er musste sich entscheiden und ließ nach einigem Zögern die Uni sausen. "Von da an war es gut, ich fühlte mich sofort besser". Und ebenso wie Frauke Döll sagt er: "Das ist der richtige Platz für mich".

Wer so etwas von sich sagen kann, hat viel richtig gemacht in seinem Leben. Natürlich, die Arbeitsbedingungen könnten besser und das Gehalt höher sein. Aber Joester will mit niemandem tauschen. Im vergangenen Jahr hat er geheiratet. Solange noch kein Nachwuchs da ist, genießt das Paar die Zweisamkeit, aber auch die Geselligkeit in einem großen Freundeskreis. Der 37-Jährige ist in Biebertal aufgewachsen. Er hatte eine schöne, behütete Kindheit, schildert er. Aus dieser Zeit hat der Pädagoge immer noch gute Freunde, mit denen er sich regelmäßig trifft; Fußball, skaten, Musik, die gemeinsamen Hobbys von damals waren offenbar ein guter Kitt und die Basis für dauerhafte Bindungen.

Was tagsüber los war auf der Station, nimmt Joester selten mit in sein Privatleben. Aber ab und zu muss es doch sein, dann bespricht er das mit seiner Frau Jelka. Manches lässt sich auf dem Fußmarsch durch die Stadt nicht einfach abschütteln.

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