Ulrike Vordemfelde rät Paaren in der Corona-Krise: Nicht zu schnell aufgeben. FOTO: SCHEPP
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Ulrike Vordemfelde rät Paaren in der Corona-Krise: Nicht zu schnell aufgeben. FOTO: SCHEPP

Viele Scheidungen drohen

Gießener Paartherapeutin: Corona-Krise "hält uns den Spiegel vor"

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Die Zahl der Scheidungen soll sich in Deutschland im Jahr 2021 verfünffachen. Der Grund: Corona. Das jedenfalls sagt eine Studie, über die die Zeitschrift "Emma" jüngst berichtet hat. Die auch in Gießen tätige Paartherapeutin Ulrike Vordemfelde rät Paaren indes: "Bloß nicht auch noch in dieser Krise trennen".

Dass sich oft erst in einer Krise der Charakter eines Menschen zeigt, ist ja keine ganz neue Erkenntnis. Schon Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat’s bekanntlich gewusst. Und gerade jetzt wird es wieder an vielen Stellen deutlich. Vor allem in Beziehungen. "Die Corona-Pandemie wirkt auf die Probleme, die Paare mit sich herumtragen, wie ein Beschleuniger. Und der Lockdown sorgt auch noch dafür, dass sie alle offensichtlicher werden", sagt die heimische Paartherapeutin Ulrike Vordemfelde.

Einer repräsentativen Umfrage unter 2500 Befragten zufolge, die eine Berliner Scheidungsanwältin in Auftrag gegeben hatte, soll sich die Zahl der Scheidungen infolge der Corona-Einschränkungen im Jahr 2021 in Deutschland verfünffachen. Das berichtet die Zeitschrift "Emma" in einer ihrer jüngsten Ausgaben. Laut dieser Umfrage fassten zwischen Ende März und Ende Mai 2,2 Prozent der Befragten die Entscheidung, sich scheiden zu lassen. Im gleichen Zeitraum 2018 waren es nur 0,42 Prozent aller Verheirateten gewesen.

Aus der chinesischen Stadt Wuhan wurde sogar berichtet, dass die Scheidungsanfragen nach der ersten 70-tägigen Quarantäne im Frühjahr 2020 derart zugenommen hätten, dass die Behörden zunächst eine "Scheidungssperre" verhängt hätten.

Kaum Ablenkung möglich

Vordemfelde weiß, vor welche Herausforderungen die Corona-Pandemie Paare stellt: Viel Zeit miteinander, wenig Ablenkung voneinander. "Vor allen Dingen fehlen die vielen kleinen Kompensationsgeschäfte, die Menschen in der Regel sonst täglich eingehen", sagt Vordemfelde.

Fitnessstudio, Shopping oder Cappuccino mit der besten Freundin (wer möchte, kann hier "Bierchen mit dem besten Kumpel" einsetzen) - all das ist im Moment kaum möglich. Die Folge: "Paare sind auf sich selbst zurückgeworfen", betont Vordemfelde. "Die Krise hält uns den Spiegel vor." Dabei hätten einige gerade den Umgang mit den jeweiligen Unterschieden gar nicht gelernt. Es fehle an eingeübter Kommunikation, an der Fähigkeit, Bedürfnisse zu formulieren und sich gegenseitig zuzuhören. Im ganzen Land lernten sich in dieser Krise vor allem junge, kürzlich miteinander verheiratete Frauen und Männer erst richtig kennen. "Dazu war durch die vielen Dinge, die junge Paare häufig gleich zu Beginn des Zusammenlebens meinen stemmen zu müssen, also Wohnungssuche, Hausbau, Kindererziehung, Beruf und Freizeitgestaltung, noch gar keine Zeit." Einige Paare würden daher erst jetzt in der Krise erkennen, dass der jeweilige Partner ihnen nicht das geben wird, was sie eigentlich von ihm erhofften. "Das kann eine große Enttäuschung sein", sagt Vordemfelde. Sie rät ihren Klienten in dieser Lage daher häufig zu einem Perspektivwechsel. Viel entscheidender als das, was man nicht bekommen könne, sei doch, wertzuschätzen, was man ohnehin schon habe. "Man sollte die Flinte nicht so früh ins Korn werfen", glaubt die Paartherapeutin, die selbst seit 30 Jahren verheiratet ist.

Gerade in der Corona-Pandemie rät Vordemfelde von einer Trennung ab. Zu unstet die aktuelle Situation, zu unsicher die Welt da draußen. Auch wenn es Verwerfungen gebe. sollte man es im Moment eher noch eine Weile miteinander aushalten und schauen, wie es nach der Krise weitergehe. "Natürlich sind einige Dinge nicht verhandelbar, aber in einer Partnerschaft geht es nicht nur ums Vertragen, sondern auch ums Ertragen", gibt Vordemfelde zu bedenken.

Gute Freunde und Kommunikation

Durch die Krise, sagt die Therapeutin, lernen Menschen, áber auch dass es nicht viel braucht zum Glücklichsein. "Gute Freunde, gute Beziehungen, Kommunikation. Zu wissen, dass es jemanden gibt, auf den ich mich verlassen kann. Ein Partner muss nicht jeden Wunsch von den Lippen ablesen, aber in einer guten Beziehung gibt es den Willen und die Möglichkeit, den anderen zu erreichen.

Zur Person

Ulrike Vordemfelde wurde 1963 in Bonn geboren. Nach dem Abitur, Auslandsaufenthalten und einem Studium übernahm sie unterschiedliche Managementtätigkeiten in verschiedenen Konzernen. Seit 2000 ist sie als Gestalttherapeutin, Coach, Supervisorin und Paartherapeutin tätig. Ulrike Vordemfelde ist seit 30 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. Ihre Praxis befindet sich in Wißmar.

Ulrike Vordemfelde wurde 1963 in Bonn geboren. Nach dem Abitur, Auslandsaufenthalten und einem Studium übernahm sie unterschiedliche Managementtätigkeiten in verschiedenen Konzernen. Seit 2000 ist sie als Gestalttherapeutin, Coach, Supervisorin und Paartherapeutin tätig. Ulrike Vordemfelde ist seit 30 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. Ihre Praxis befindet sich in Wißmar.

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