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Alexander Wright und Bundestagskandidat Behzad Borhani (l.) beim Besuch des Recycling-Unternehmens Kreiling mit Geschäftsführer Oliver Kreiling (r.).

Oberbürgermeisterwahl

Gießener OB-Kandidat Alexander Wright: Der Frühstarter

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Wer wird ab Dezember neuer Oberbürgermeister der größten Stadt in Mittelhessen sein? Vor dem ersten Wahlgang am 26. September haben wir die drei Kandidaten, die das Rennen um den Chefsessel im Rathaus unter sich ausmachen werden, im Wahlkampf begleitet. Einer von ihnen ist Alexander Wright von den Grünen.

Es gibt ein FDP-Wahlplakat, das zeigt Christian Linder in Denkerpose neben einem Aktenstapel. Vielleicht muss auch Alexander Wright, sollte er zum Oberbürgermeister von Gießen gewählt werden, Akten auf seinem Schreibtisch stapeln. Aber womöglich wird er auch das erste papierlose Stadtoberhaupt. Auf dem Weg zum ersten papierlosen Fraktionsvorsitzenden scheint er jedenfalls zu sein. Wenn Wright im Sitzungssaal zwischen den Vorsitzenden anderer Fraktionen hin- und herpendelt, um Kompromissformeln zu finden, hat er statt Unterlagen stets sein Tablet dabei.

Ähnlich ressourcenschonend läuft sein Wahlkampf. Lange Zeit gab es gar keine Wahlplakate mit dem Oberbürgermeister-Kandidat der Grünen, mittlerweile stehen immerhin einige große »Wesselmänner«, auf denen Wright zu sehen ist. Der Verzicht auf Kleinplakate sei eine bewusste Entscheidung gewesen. »Aus Umweltschutzgründen. Außerdem sind die Leute doch eh genervt von der Plakatflut«, sagt Wright am Rande eines Wahlkampftermins. Zu diesem Zeitpunkt wartet er noch immer auf die Großplakate. »Lieferschwierigkeiten«, erklärt Wright und wirkt dabei nicht sonderlich beunruhigt.

Wenn er nicht gerade mit seiner E-Rockgitarre aufdreht, ist der neue Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtparlament ein »ruhiger Vertreter«. Seine Gelassenheit könnte auch etwas mit den drei Wahlsiegen zu tun haben, die die Grünen nacheinander in Gießen eingefahren haben. Fulminant war der bei der Kommunalwahl im März. Obwohl die Grünen mit der Klimaschutz-Liste Gießen gemeinsam gestalten (Gigg) grüne Konkurrenz hatten, wurden sie klar stärkste Fraktion. Die logische Konsequenz war die Kandidatur bei der Oberbürgermeisterwahl - überhaupt erst die zweite, seit die Direktwahl vor knapp 30 Jahren eingeführt wurde. Es ist aber die erste, die die Grünen auch gewinnen können.

Auch personell schont die Partei ihre Ressourcen. Einfachhalber ist Wright oft gemeinsam mit dem Bundestagskandidaten Behzad Borhani unterwegs, wenn er Vereine oder Firmen besucht. Für den OB-Kandidaten ist es nicht immer einfach, seine Themen zu setzen. Das liegt einerseits an seinem eloquenten Parteifreund und andererseits der Dominanz bundespolitischer Themen. Auch beim Besuch des Vereins an.gekommen in der Walltorstraße kommt die Sprache schnell auf die Lage in Afghanistan. Es ist der Tag, an dem der Bundestag eine Sonderkrisensitzung anberaumt hat. Der bekannte grüne Außenpolitik-Experte Omid Nouripour wollte eigentlich nach Gießen kommen, musste aber kurzfristig absagen. Das Thema Afghanistan überlagert alles in diesen Spätsommertagen, auch die tägliche Arbeit des Vereins, der sich um Geflüchtete kümmert. »Wir erhalten viele verzweifelte Nachrichten«, berichtet Projektleiterin Sarah Kempf. Es geht dann aber auch um die Rahmenbedingungen bei der Arbeit mit Geflüchteten, um sozialen Wohnungsbau oder überbordende Bürokratie.

Man kann nicht behaupten, dass die Grünen einen »Bullerbü«-Wahlkampf führen. Die Margaretenhütte ist so ziemlich das Gegenteil davon. »Hier ist es laut und staubig, aber hier wird ganz wichtige Arbeit geleistet«, sagt Wright zu Beginn seines Besuchs beim Recylingunternehmen Kreiling, den Fraktionskollegin Christiane Janetzky-Klein vermittelt hat. »Wir setzen auf regionale Kreislaufwirtschaft«, betont Wright, bevor Geschäftsführer Oliver Kreiling die kleine grüne Delegation durch die Hallen führt, vorbei an den großen Würfeln aus gepresstem Zeitungspapier oder scheinbar fabrikneuen PCs und Druckern, die auf ihre Zerlegung warten. Neben dem Firmengelände ragt ein Wohnblock der Siedlung Margaretenhütte in die Höhe. Kreiling berichtet von Nachbarschaftskonflikten, die aus der Nähe zwischen Wohnhäusern und Industriebetrieb resultierten. Wright fühlt sich in seiner Meinung bestätigt, dass die Stadt bei der Weiterplanung des Gail-Geländes im Schiffenberger Tal keine Wohnungen zulassen sollte.

Die Industrie ist für Wright eine gewohnte Umgebung. Sie hat die ersten Jahre des Berufslebens des studierten Elektroingenieurs geprägt. Der OB-Kandidat der Grünen ist erst 34, und sein Lebenslauf liest sich wie der eines Frühstarters. Bereits mit Anfang 20 arbeitete er für STI in Lahnau, es folgte eine zweijährige Station bei Yaskawa in Eschborn mit Auslandsaufenthalt in Shanghai. Vor drei Jahren sattelte er auf Berufsschullehrer um und lehrt an der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar. Auch privat hatte er es eher eilig; sein Sohn wurde vor wenigen Wochen eingeschult.

Als Politiker lief »Alex« Wright zunächst unter dem Radar, was auch am wenig öffentlichkeitswirksamen Amt als ehrenamtlicher Stadtrat lag, das er seit 2016 ausübt. Nach der Kommunalwahl wurde er Fraktionschef und Nachfolger von Klaus-Dieter Grothe. Als Vorsitzender der größten Regierungsfraktion hat er die hellste Bühne der drei Hauptkontrahenten ums OB-Amt, aber es läuft nicht rund. Die radikal verjüngte Grünen-Fraktion und ihr Vorsitzender tun sich bislang schwer mit der Führungsrolle. Vom Koalitionspartner SPD hört man Klagen über schlecht vorbereitete Sitzungen, bei der Ausschussrunde in der vergangenen Woche herrschte teilweise heilloses Durcheinander im Regierungslager. Wrights Herumgeeiere um die mittelbare Regierungsbeteiligung der linksextremen DKP wirkt nach, und das Gerede, dass bei den Grünen nach wie vor Stadträtin Gerda Weigel-Greilich das Sagen hat, nervt.

Gewaltige Erwartungen

Der OB-Kandidat, von dem es heißt, dass er intern sehr energisch auftreten kann, lässt sich das nicht anmerken. Spürbar ist aber die Ungeduld, die aus den gewaltigen Erwartungen resultiert, die die Grünen mit ihrem Wahlsieg im März geweckt haben. »Wir müssen jetzt handeln, nicht irgendwann«, sagt er oft, wenn es um Klimaschutz oder Verkehrspolitik geht.

Da tut es gut, jemand zu treffen, der nicht im Bremserhäuschen sitzt. Arno Jung, Betreiber von »Punkt und Strich« am Kirchenplatz, ist einer, der sich viele Gedanken um die Zukunft der Innenstadt macht. Beim Besuch des Ladens bekommt Wright Input und Bestätigung. Zwar sagt auch Jung, dass ihn ein ersatzloser Wegfall der 70 Brandplatz-Parkplätze »treffen« würde, aber gleichzeitig schüttelt er den Kopf über das, was sich an Park-Such-Verkehr mittlerweile in der Innenstadt abspielt. Alternativen müssten »organisiert und kommuniziert« werden, findet Jung und regt zum Beispiel einen Fahrrad-Kurierdienst mit Lastenrädern zwischen Innenstadt und Parkplätzen wie dem Messeplatz an, um größere Einkäufe zum motorisierten Kunden zu bringen. Wright nickt: »Wir wollen das Auto nicht verbieten. Wir wollen mehr Aufenthaltsqualität und ein bisschen Entschleunigung.«

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