Kreise mit dreieinhalb Meter Durchmesser merkieren die Tanzfläche. 	FOTO: CSK
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Kreise mit dreieinhalb Meter Durchmesser merkieren die Tanzfläche. FOTO: CSK

»Maskenball statt Totentanz«

Gießen: Nachttanzdemo unter Corona-Bedingungen - So lief es ab

Die Gießener Nachttanzdemo erfindet sich unter Corona-Bedingungen neu. Statt durch die Stadt zu ziehen, feiern die Teilnehmer »dezentral«, in kleinen Gruppen und mit ausreichend Abstand. Das Wort »Freundeskreis« erhält so eine ungeahnte Bedeutung.

Gießen (csk). Schulterzucken. Ratlosigkeit. Im Theaterpark scheint die Nachttanzdemo am Samstag schon um kurz nach 22 Uhr auszutrudeln. Soeben hat die Ordnungspolizei hier erneut auf die Lautstärkegrenze von 65 Dezibel hingewiesen. Obwohl die DJs weiter auflegen, ist fortan ein wenig die Luft raus. Die Organisatoren um Alexander Vasil hadern zunächst mit der Situation, sie halten die Messung für zu streng. Die Beamten sind freundlich, bleiben aber in der Sache hart. Am Ende einigt man sich auf eine gedämpfte Fortsetzung. Und irgendwie steht die Szenerie sinnbildlich für die 12. Auflage der Freiluftparty. Denn wegen Corona ist diesmal alles anders.

An der Lahn merken Lisa Pach, Pascal Piche und Christian Kabot davon nichts. Unterhalb der Sachsenhäuser Brücke zappeln sie unentwegt zu elektronischen Beats. Dreieinhalb Meter Durchmesser bietet ihre Tanzfläche. So groß ist jeder der 270 mit Kreide markierten Kreise, in denen jeweils bis zu zehn angemeldete Personen gemeinsam ohne Mundschutz feiern dürfen. Das entspreche etwa zehn Quadratmetern, rechnet Organisator Vasil nicht ohne Ironie vor. Außerhalb der Kreise gibt es ausnahmslos »Einbahnstraßen«, ein Mundschutz ist dort für jeden immer Pflicht.

Pach, Piche und Kabot stört das Prozedere wenig. »Hauptsache feiern!«, finden sie. Die Bekannten im Nachbarkringel sind ja in Ruf- und Sichtweite - und nebenbei erhält das Wort »Freundeskreis« eine völlig neue Bedeutung. Vor den Bühnen auf dem Lahn-Rugbyfeld, am Schwanenteich und auf dem Messeplatz gelten die gleichen Regeln. Die Organisatoren verstehen das Ganze auch als großen Testlauf. Man wolle zeigen, »dass Kultur unter Corona-Bedingungen möglich ist« und auf die prekäre Lage der Kulturbranche hinweisen, erklärt Vasil. »Maskenball statt Totentanz« heißt deshalb das Motto.

Nachttanzdemo Gießen: Weniger Teilnehmer als erwartet

Solange es noch hell ist, wirken die fünf Partys allesamt wie Picknick-Happenings. Statt mit fetten Bässen durch die Stadt zu ziehen, sitzen viele Teilnehmer im Gras, essen, trinken und plaudern bei Livemusik. Unterwegs sind anfangs nur die Redner. Die AStA-Vertreterin Lena Schmidt, Max von Extinction Rebellion und mehrere Amnesty-International-Aktivisten halten Station für Station dieselbe Rede. Sie sprechen über sozialen Wohnungsbau (AStA), Umwelt- und Klimaschutz (Extinction Rebellion) und Menschenrechte (Amnesty).

Gegen 21 Uhr verändert die Demo ihren Charakter. Aufstehen und Party machen, lautet nun die Devise. Die Kreidekreise leuchten zwar im Dunkeln, sie verschwinden aber hier und da im Matsch. Und je ausgelassener es wird, desto eher schlagen Einzelne über die Stränge. »Die Bestimmungen wurden größtenteils eingehalten«, bilanziert zwar am Sonntag die Polizei. Aber nirgends läuft es komplett reibungslos. Mal werden Abstände nicht gewahrt, mal Einbahnstraßen ignoriert. Außerdem zerfasert die Demo zusehends: Obwohl das nicht erwünscht ist, tingeln manche zwischen den Bühnen hin und her.

Die Lautstärkegrenzen handhabt die Ordnungspolizei derweil von Ort zu Ort anders. So weisen die Beamten auch am Messeplatz wiederholt auf die Auflagen hin. Als die Punk-Band »Don Schlaggo« um 23 Uhr noch einmal richtig Gas gibt, möchten sie die Stimmung jedoch nicht weiter anheizen. Im Epizentrum des Abends, an der Sachsenhäuser Brücke, wummern die Bässe ebenfalls spürbar lauter, obwohl Mitternacht keine halbe Stunde mehr entfernt ist.

Um 0.30 Uhr lösen sich die Demos langsam auf. Die Polizei spricht am Morgen danach von 900 Personen und damit »deutlich weniger als erwartet«. Die Veranstalter hatten im Vorhinein 2400 Anmeldungen erhalten. Unabhängig von den Zahlen bleibt der Abend in Erinnerung - als bislang ungewöhnlichste Nachttanzdemo überhaupt.

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