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Eyyup, Faime, Kübra und Ahmet Okan bleiben in diesem Jahr beim Fastenbrechen im Ramadan unter sich. FOTO: SCHEPP

Religion und Corona

Wie Gießener Muslime in Coronazeiten Ramadan feiern

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Der Fastenmonat Ramadan bedeutet für viele Muslime eine Zeit der Begegnung. In diesem Jahr jedoch ist wegen Corona alles anders. Besuch bei einer Gießener Familie.

Komisch - dieses Wort fällt immer wieder, wenn man mit der Gießener Familie Okan über den diesjährigen Fastenmonat Ramadan spricht. Vor allem am Wochenende, erzählt der 25 Jahre alte Eyyup Okan, sei das Haus im Westen Gießens normalerweise abends voll. Am Tisch säßen bis zu zwölf Personen, um gemeinsam den Iftar zu begehen - das Fastenbrechen. Sein Vater Ahmet Okan sagt, wegen der Corona-Pandemie hätten sie bereits im März beschlossen, in diesem Jahr keine Einladungen auszusprechen oder anzunehmen. "Das allererste Mal", sagt er. Sein Sohn zuckt mit den Schultern, als er hinzufügt: "Aber vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, gemeinsam nur mit der Familie zu feiern."

In Deutschland leben etwa fünf Millionen Muslime. Laut einer Studie des Bundesamts für Migration begehen mehr als die Hälfte von ihnen Ramadan, den muslimischen Fastenmonat. Etwa 30 Tage lang üben sie zwischen der Morgendämmerung und dem Sonnenuntergang Verzicht: Sie essen und trinken nichts. Sie besuchen Familie und Freunde und beten gemeinsam in der Moschee. Auch in Gießen gibt es ein öffentliches Fastenbrechen, zu dem auch Nichtmuslime eingeladen sind - zum Beispiel auf dem Kirchenplatz. Moscheeverbände regen ihre Mitglieder an, ihre Nachbarn einzuladen, um sich gegenseitig besser kennenzulernen.

Keine große Runde

Dies alles wird auch den Okans fehlen. Kübra Okan, die 20 Jahre alte Tochter, wird die gegenseitigen Einladungen vermissen, das Fastenbrechen in großer Runde oder das gemeinsame Nachtgebet nach dem Essen in der Moschee. Ihre Mutter Faime Okan sagt, wenn der Hoca - das ist türkisch für Imam - aus dem Koran vortrage, herrsche eine besondere Atmosphäre. "Jetzt machen wir es unter uns", sagt ihre Tochter und lächelt.

Auch der Vater sieht bei allen Schwierigkeiten, die die Corona-Pandemie bei vielen Menschen gesundheitlich oder wirtschaftlich mit sich bringe, nicht schwarz. Im Islam gebe es viele Möglichkeiten, mit solchen Umständen umzugehen. Beten können Gläubige Zuhause; sie müssen nicht in die Moschee gehen. Wer Risikopatient ist, aber auch wer Angst hat, während des Fastens krank zu werden, muss es nicht tun oder kann es verschieben. "Niemand wird gezwungen", sagt Kübra Okan, Faime Okan ergänzt: "Es muss von Herzen kommen."

Das Coronavirus ändert ja nichts daran, wofür Ramadan für viele Muslime steht. Es geht darum, Verzicht zu üben, sich auf den Glauben zu besinnen und sich selbst zu hinterfragen. "Wir lernen das, was wir haben, zu schätzen, und machen uns bewusst, welchen Wert Freunde und Familie haben", sagt Kübra Okan. Irgendwie ist es eine komische Parallele, das gerade während der Corona-Pandemie viele Menschen plötzlich merken, wie selbstverständlich viele Dinge für sie sind - und wie sie diese in der aktuellen Ausnahmesituation vermissen.

Liebe und Lachen

Ahmet Okan arbeitet als Vorarbeiter bei Canon, seine Ehefrau Faime in der Altenpflege. Kübra Okan wird im August ein duales Studium beim Gießener Finanzamt beginnen und Sohn Eyyup Okan will Polizist werden. Die Tage sind durchgetaktet - auch während des Fastenmonats. Die Familie steht in dieser Zeit gemeinsam früh auf, um noch vor dem Sonnenaufgang eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen oder Wasser zu trinken. Dann ruft die Arbeit. Nachmittags wird sich ausgeruht und das Essen vorbereitet. Gegen 21 Uhr findet dann das Fastenbrechen statt. Wenn in der Vergangenheit an Wochenenden Besuch erwartet wurde, seien die Vorbereitungen sehr aufwendig gewesen. "Es ist schöner Stress", sagt Ahmet Okan, "aber es bleibt Stress," Wenn die Familie nun unter sich bleibt, fällt die Speisenauswahl weniger üppig aus: Eine Suppe, eine Hauptspeise mit Salat und ein Nachtisch. Alles eher leichte Kost, um den Körper nicht über Gebühr zu belasten.

Im Eingangsbereich des Hauses sind an der Wand die "Familienregeln" angebracht. Da ist die Rede von gegenseitigem Respekt, vom Verzeihen, von Dankbarkeit, von Liebe - und vom Lachen. Es scheinen mehr als nur Worte zu sein. Denn die Familie macht das Beste aus der Situation. "Wir haben uns etwas einfallen lassen", sagt Kübra Okan. Sie hat für ihre Mutter einen Kalender gestaltet - ähnlich eines Adventskalenders. Dort findet Faime Okan jeden Tag eine kleine Süßigkeit und eine Notiz. Täglich füllen die Familienmitglieder außerdem einen Zettel aus: Welche Gebete haben sie rezitiert, was haben sie gegessen, was erlebt? Dazu gibt es allgemeine Informationen über den Islam.

Ahmet Okan kann der Situation durchaus auch Positives abgewinnen. "Wenn wir Zuhause bleiben, schützen wir andere und uns vor der Krankheit." Ramadan heißt auch, nicht nur an sich zu denken. Und das tut die Familie momentan - mehr denn je.

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