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Nicolas Mayerhofer möchte eine dezentrale und ökologische Landwirtschaft vorantreiben und sucht derzeit Menschen für neue Gartenprojekte. Er zeigt seine Tomatillos - eng verwandt mit der Physalis und zuweilen als grüne Tomate bezeichnet.

Ökologie

Gießener möchte mit Permakultur mehr Regionales in die Gastronomie bringen

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Das ökologische Gärtnern ist im Kommen: Der Gießener Nicolas Mayerhofer möchte mit seinem Ansatz regionale Lebensmittel stärker in der Gastroszene verwurzeln - und hat da ein paar Ideen.

Wenn Nicolas Mayerhofer durch sein grünes Biotop führt, versprüht er einen Enthusiasmus für Pflanzen, der ansteckend ist. »Hier, probier das mal, oder die Tomatillo hier«, sagt der 31-Jährige mit angedeutetem, zausigem Irokesenschnitt. Er drückt seinem Besucher Früchte und Kräuter in die Hand. Mayerhofer baut in den Hardtgärten zwischen Gießen und Heuchelheim eine ganze Fülle an Obst, Gemüse und Kräutern an, mit denen er zum Beispiel den Cocktail-Service »Ananas Express« versorgt.

Angefangen mit Chili-Pflanzen und Kräutern auf dem eigenen Balkon, ist sein gärtnerischer Ansatz heute einer, der vor allem im Kleinen stets populärer wird: Die Permakultur. Damit ist eine dauerhafte Kultivierung von Ackerböden gemeint, die natürliche Ökosysteme und Kreisläufe in der Natur beobachtet und nachahmt. Sie basiert auf der Wissenschaft der Ökologie, aber auch auf altem Wissen indigener Völker, zum Beispiel aus Südamerika.

»Um die Beete pflanze ich eine permakulturelle Struktur - dabei besteht der Arbeitsaufwand vor allem im Anlegen. Er wird dann von Jahr zu Jahr geringer«, erklärt Mayerhofer seinen Ansatz. Geringer wird er, weil sich Pflanzen- und Tierwelt gegenseitig unterstützen bzw. schützen. Als Schutz vor Schädlingen sprießen um die Beete herum allerhand Gewächse. Zum Beispiel Kapuzinerkresse oder Sauerampfer, den Blattläuse mögen. Außerdem Lavendel, Schnittlauch sowie scharfe Zwiebelgewächse, die eine abwehrende Funktion hätten. Pflanzenabwehr statt Pestiziden also.

Zudem sei wichtig, den Boden nicht jedes Jahr »komplett niederzumachen« und Wurzeln in der Erde zu lassen, damit Mikroorganismen und Würmer etwas zum Umsetzen hätten. Obstbäume und Nusssträucher gehören für ihn ebenso zu einer idealen Permakultur dazu.

Pilzzucht auf Kaffeesatz

» Dieses Jahr«, so fährt der studierte Umweltwissenschaftler fort, »hatten wir außerdem unglaublich viele Marienkäfer, die schon vor den Schädlingen da waren und dann direkt angefangen haben, die aufzufressen.« Mayerhofer habe in dieser Saison dank der Marienkäfer keine einzige Blattlaus bekämpfen müssen. Die Marienkäfer-Population habe wohl über den Winter einen geeigneten Schutz in den Hardtgärten gefunden, vermutet er.

Mayerhofers Vision ist klar: eine dezentrale und ökologische Ernährungswirtschaft vorantreiben. »Nachhaltigkeit und Genuss gehen dabei für mich Hand in Hand«, betont er. Darüber hinaus hat er beispielsweise die urbane Landwirtschaft während eines Auslandssemesters bei dem Wiener Lebensmittelproduzenten Hut und Stiel kennengelernt. Angefangen mit der Züchtung von Austernpilzen auf Kaffeesatz, bietet das Unternehmen inzwischen vegane Pilzwürste in Supermärkten an. »Das fand ich faszinierend und dachte, so was muss doch auch in einer kleineren Stadt möglich sein«, sagt er.

»Meine Traumvorstellung ist ein gemeinsamer Hof mit Menschen mit verschiedenen Schwerpunkten«, sagt er und nennt das Beispiel Früchteveredlung für hochwertigen regionalen Essig. Sein Fokus liege auf der Produktion für die hiesige Gastronomie. Dafür sucht er nun Gleichgesinnte; kontaktieren kann man über Instagram: avantgart.giessen. »Avantgart« solle bei einer Unternehmensgründung sein Markenname werden.

Auch spiele er mit dem Gedanken, ein kleines Beratungs- und Serviceunternehmen zu gründen. Seine Idee: Gastronome, die eine kleine Gartenfläche besitzen, können auf ihn zukommen - er berät und hilft bei der ökologischen Bewirtschaftung.

Regionalität im Lebensmittelsektor ist wohl nicht einfach nur ein Trend, der irgendwann auch wieder abflaut. Das wird einem besonders klar, wenn Mayerhofer begeistert erzählt. Offenbar hat vor allem in seiner Generation und bei vielen Jüngeren ein Umdenken stattgefunden. Nicht allein bei Fridays for Future.

Ein Beispiel dafür ist auch der noch junge Gießener Ernährungsrat, der eine Brücke zwischen Bürgern, lokalen Ernährungsbetrieben und der Politik schlagen und sich für eine nachhaltige Landwirtschaft in der Region einsetzen will. Oder auch die »Initiative für nachhaltigen Gartenbau und Ernährungssouveränität« in Wieseck (»INGE«), wo Mayerhofer 2018 als Mitbegründer »Feuer für das Thema« gefangen habe.

Rückbesinnung auf altes Wissen?

Derzeit orientiert sich der Gärtner wieder Richtung »INGE«-Garten, weil es in den Hardtgärten, für die die gemeinnützige Gesellschaft für Integration, Jugend und Berufsbildung federführend ist, zu viel Arbeit geworden sei.

Vielleicht ist die Öko-Bewegung gar nicht so sehr ein Umdenken als vielmehr auch eine Rückbesinnung auf altes Wissen und vergessene Naturerzeugnisse - haben doch bereits unsere Großmütter und Urgroßväter wie selbstverständlich ihre Gärten ökologisch bewirtschaftet.

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