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Gießener Mitmachmuseum mit neuer Attraktion: Millionen Augenblicke

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Von: Sebastian Schmidt

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Zur Vorstellung des neuen Wahrnehmungsexperiments im Mathematikum ist auch Martin Kramer, der Vizepräsident für Forschung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an der JLU, gekommen. © Oliver Schepp

Psychologen haben eine neue Attraktion in einem Gießener Mitmachmuseum eingeweiht. In »Millionen Augenblicke« können die Besucher selbst zu Versuchspersonen werden.

Wer keine Augenerkrankung hat und sich einmal umschaut, hat das Gefühl, seine Umgebung klar erkennen zu können. »Genau genommen ist das aber eine Täuschung«, erklärt Psychologe Benjamin de Haas von der Justus-Liebig-Universität (JLU). Der Wissenschaftler will zusammen mit dem Doktoranden Marcel Linka eine Grundlage des menschlichen Sehens besser verstehen und braucht dazu eine große Anzahl von Versuchspersonen. Deswegen ist das Mathematikum nun um eine Attraktion reicher. Die Psychologen haben nämlich zusammen mit dem Mitmachmuseum das Experiment »Millionen Augenblicke« entworfen, an dem alle Besucher teilnehmen können - egal ob jung oder alt. Das erfordert Kompromisse: Eigentlich war der Zugang des Holzkasten, in dem der Versuch abläuft, mit einem Vorhang abgetrennt. Linka lacht und sagt: »Jüngere Besucher haben sich da dann dran gehangen, jetzt gibt es keinen Vorhang mehr.«

Gießener Mitmachmuseum mit neuer Attraktion: Wohin wird als nächstes geschaut?

Das hat nun Vor- und Nachteile: Die Versuchsteilnehmer können zwar leichter abgelenkt, aber auch durch die offene Gestaltung schneller für das Experiment begeistert werden. In der Holzkammer befinden sich für den Versuch nur ein Drehstuhl zum Sitzen und ein Touch-Bildschirm. Auf dem bekommen die Teilnehmer in rund fünf Minuten 40 Bilder gezeigt, erklärt Linka den Ablauf. Da sind dann zum Beispiel eine Frau, die auf dem Boden sitzt und Gitarre spielt, oder ein Fußballspieler an einer Eckfahne zu sehen. Eine spezielle Kamera, ein sogenannter »Eyetracker«, misst, wie lange die Versuchsteilnehmer wo auf den Bildschirm schauen.

De Haas erklärt den Zweck des Versuchs: Der Mensch könne in einem Augenblick immer nur einen ganz kleinen Teil vor sich scharf sehen. Das Sehsystem lasse das Auge aber immer wieder hin- und herspringen, und das Gehirn setzte dann ein scharfes Gesamtbild zusammen. »Das passiert automatisch wie beim Atmen, wir bekommen das gar nicht mit«, sagt de Haas. Doch die Frage, die sich die Wahrnehmungspsychologen stellen, ist: Wie entscheidet das Gehirn, wohin es als nächstes blickt? Mit seiner Forschung hat de Haas bereits eine wichtige Erkenntnis gewonnen: »Das Blickverhalten der einzelnen Menschen unterscheidet sich zwar, aber nicht zufällig, sondern systematisch.«

Gießener Mitmachmuseum mit neuer Attraktion: Das Ziel sind 10 000 Versuchspersonen

Um diese Systematik nun genauer zu verstehen, brauchen die Forscher eine große Anzahl an unterschiedlichen Versuchspersonen. »An der Uni sind unsere Stichproben aber immer gleich«, erklärt de Haas. Es handele sich meist um Studierende. »Deswegen kam die Idee auf, dass wir raus aus dem Labor müssen.« Der Leiter des Mathematikums Albrecht Beutelspacher freut sich sichtlich, dass das Museum nun der »Gastgeber dieses Experimentes« ist. »Wir wurden ausgewählt, weil so viele Menschen zu uns kommen, die Lust am Experimentieren haben.«

Das Ziel sei nun innerhalb eines Jahres, so lange soll das Experiment im Mathematikum mindestens laufen, 10 000 Versuchsteilnehmer zu gewinnen. »Dann erreichen wir die Millionen Augenblicke«, erklärt Linka den Namen des Experimentes. Der Wissenschaftler ist bereits auf die Ergebnisse der Datenauswertung gespannt. »Interessante Fragen sind zum Beispiel, welche Rolle spielt das Alter beim Blickverhalten oder auch die Tageszeit.« Bis jetzt seien ähnliche Versuche immer mit zu kleinen Gruppengrößen durchgeführt worden, um solche Effekte feststellen zu können.

Gießener Mitmachmuseum mit neuer Attraktion: Motivation der Teilnehmer ist wichtig

Davor muss aber eine grundlegendere Frage beantwortet werden, sagt Linka. »Können wir mit so einem öffentlichen Experiment überhaupt verlässliche Daten gewinnen?« Ob das gelingt, wird an der Motivation der Teilnehmer liegen. In einem Vorabtest gab es da unterschiedliche Ergebnisse. Linka sagt: »Wir hatten junge Teilnehmer, die sich leicht ablenken ließen, aber auch welche, die bis zum Ende drangeblieben sind.« In einem Jahr wird sich dann zeigen, ob die Wissenschaftler mit ihrem Aufbau tausende Museumsbesucher zum Dranbleiben motivieren konnten.

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