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Christiane Roth ist die Geschäftsführerin von Roth Energie, einem der größten Mineralölhändler Deutschlands. Die Energiewende sieht Roth nicht als Problem, wünscht sich von der Politik aber mehr technologieorientierte Offenheit.

Interview

Hohe Öl- und Dieselpreise: „Die Versorgungslage ist kritisch“

  • VonSebastian Schmidt
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Gießener Mineralölhändlerin Christiane Roth erklärt im Interview Preisfaktoren wie die CO2-Abgabe, die Corona-Konjunktur, aber auch den Pegelstand des Rheins.

Frau Roth, Ihr Unternehmen Roth Energie gehört zu den größten mittelständischen Mineralölhändlern Deutschlands. Sind die hohen Dieselpreise für Sie ein Grund zur Freude?

Die Preise sind für uns genauso wenig ein Grund zur Freude wie für die Endverbraucher. Denn wir haben jetzt einen höheren Einkaufspreis und unsere Transportkosten sind gestiegen. Wir bringen unser Produkt ja selbst mit unseren eigenen Tankwagen zum Kunden, und die fahren auch mit Diesel. Ebenso erfordert diese Situation von uns einen höheren »Cash flow« und mehr Liquidität.

Tanken die Kunden an Ihren Tankstellen gerade weniger als üblich?

Teilweise. Es gibt Menschen, die können auf die Preise nicht anders reagieren, weil die gesamte Haushaltsführung so teuer geworden ist. Die steigenden Kosten betreffen ja nicht nur das Tanken, sondern auch das Heizen und den Strom. Das belastet vor allem die kleinen Haushalte.

Gießener Mineralölhändlerin Roth: Einkaufspreis an der Börse um das Vierfache gestiegen

Wie konnte der Dieselpreis überhaupt so explodieren? Vor einem Jahr hatte er bei knapp über einem Euro pro Liter gelegen, und jetzt hat er die 1,50 er-Marke geknackt.

Dazu muss man als Erstes wissen, dass 47,04 Cent von dem Preis Mineralölsteuer sind. Dazu kommt die Mehrwertsteuer und jetzt auch die CO2-Abgabe. Wenn die Politik sagt, wir müssen pro Tonne CO2 25 Euro abführen, dann sprechen wir von weiteren 6,7 Cent netto pro Liter, die der Kunde tragen muss.

Das erklärt ja nicht den Preisanstieg von fast 50 Cent.

Nein. Der Einkaufspreis an der Börse ist ebenfalls gestiegen - zeitweise um das Vierfache. Das ist zum einen konjunkturbedingt, zum anderen hängt es aber auch an den Produzenten und deren Politik.

Konjunkturbedingt, weil die Nachfrage nach der Corona-Flaute gestiegen ist?

Genau. Wir sehen auch bei anderen Rohstoffen wie Holz oder Kupfer einen extremen Preisanstieg. Was uns dabei gerade aber überrascht, ist der Dieselkatalysatorzusatzstoff »AdBlue«, den viele Fahrzeuge, Last- und Tankwagen brauchen. Dessen Preis ist mittlerweile auf das Dreifache angestiegen und vergangene Woche haben wir sogar mitgeteilt bekommen, dass jetzt gar kein »AdBlue« mehr lieferbar sei. Chemiewerke in ganz Europa haben vor einigen Wochen die Produktion von Ammoniak gedrosselt, dem Grundstoff für »AdBlue«. Deren Begründung ist, dass die hohen Erdgaspreise die Herstellung unwirtschaftlich machen würden.

Gießener Mineralölhändlerin Roth: Pegelstand des Rheins ein Kostenfaktor

Gibt es beim Diesel noch weitere Preisfaktoren, die man als Endkunde eher nicht im Kopf hat?

Der Ölpreis bestimmt sich, einfach betrachtet, aus dem Produktpreis und dem Frachtpreis. Und der Frachtpreis hängt unter anderem vom Wasserstand des Rheins ab. Das Öl wird aus den Niederlanden nach Frankfurt oder Mainz, wo wir unsere großen Lager haben, transportiert. Bei normalem Wasserstand lädt ein Frachter dabei bis zu 2500 Tonnen, gerade im Moment können nicht einmal 1000 Tonnen geladen werden. Dadurch ist der Frachtpreis sehr teuer. Und wenn es weiterhin so wenig regnet, wird es noch richtig dramatisch. Die Versorgungslage ist jetzt schon kritisch.

Liegt eine Ursache der Preisexplosion auch bei Großhändlern, die sich verzockt haben?

Zumindest beim Gas habe ich das gehört. Ein namhaftes Unternehmen hat angeblich mit Spekulationen auf den Gaspreis sehr hohe Verluste gemacht. Viele Händler haben außerdem auch Angst, dass es zu einem kalten Winter kommt. Die Kunden haben ja bereits einen Vertrag zu einem festen Preis abgeschlossen, wenn die Händler aber jetzt zu den aktuellen Preisen nachkaufen müssen, könnte das den ein oder anderen in die Bredouille bringen.

Haben sich auch Länder verzockt?

Vor ungefähr drei Monaten hat China seine ganzen Ölreserven auf den Markt geschwemmt und damit eine Menge Geld verdient. Jetzt musste China aber sehr viel Öl nachkaufen, um seinen aktuell sehr hohen Energiebedarf abzudecken. Das beeinflusst auch unsere Preise ganz erheblich. Angebot und Nachfrage.

Gießener Mineralölhändlerin Roth: Versorgungssicherheit im Vordergrund

Spekuliert Ihr Unternehmen auch mit Rohstoffen?

Nein, das machen wir nicht. Wer ein ordentlicher Kaufmann ist, sollte immer versuchen, Risiko zu vermeiden. Und bei uns steht die Versorgungssicherheit der Kunden im Vordergrund. Wenn man spekuliert, kann der Schuss schnell nach hinten losgehen, deswegen kaufen wir jeden Tag aktuell ein. Natürlich, wenn ich eine Glaskugel hätte, hätte ich letztes Jahr einkaufen können und auf die steigenden Preise spekuliert. Aber am Ende des Tages ist das Harakiri.

Sehen Sie als Mineralölhändlerin die Energiewende kritisch?

Nein. Unsere oberste Priorität ist der Umweltschutz. Wir haben klimaneutrales Heizöl im Angebot, wir handeln mit grünem Strom und Gas und entwickeln unser Unternehmen auch aktiv in diese Richtung weiter. Jeder muss seinen Beitrag leisten, auch wir. Aber, und ich finde das ist wichtig, man muss bei den politischen Entscheidungen auch den einfachen Haushalt im Blick behalten. Wenn die Leute abwägen müssen, ob sie heizen oder ein Stück Brot essen, wird es kritisch. Wenn auf einen normalen Haushalt 300 bis 400 Euro Mehrkosten im Jahr zukommen, kann sich jeder vorstellen, was das für manche Menschen bedeutet.

Wenn Sie sagen, dass Ihre oberste Priorität der Umweltschutz sei, Sie aber gleichzeitig mit Diesel handeln, dürften Ihnen viele nicht glauben.

Dabei tun wir alles, um uns in unserem Portfolio anzupassen und als Energiehändler den Weg des Klimaschutzes mitzugehen. Ich habe selbst drei Kinder und zwei Enkelkinder, und es ist mir wirklich ein Anliegen, dass es unserer Natur gut geht. Es wird dadurch in Zukunft sicher auch Einschneidungen in unserem Unternehmen geben - aber nicht zulasten unserer Mitarbeiter. Das habe ich mir persönlich geschworen, und daran werde ich mich halten.

Gießener Mineralölhändlerin Roth: Diesel aus Frittierfett

Zu dem neuen Portfolio an Ihrer Tankstelle in Gießen gehört ab diesem Montag R33. Ein Dieselkraftstoff, der zu 33 Prozent aus Abfällen wie Frittierfett besteht.

Genau. 67 Prozent von R33 sind zwar noch fossil, aber das Ziel ist natürlich, auch diesen Anteil umzuwandeln, um einen rein synthetischen Kraftstoff zu erhalten. Aber 22 Prozent weniger CO2 Ausstoß, die jeder jetzt schon mit R33 einsparen kann, sind eine Menge. Der Kraftstoff hat auch keinerlei Nachteile, im Gegenteil, die neu eingesetzten Additive sind besonders motorschonend.

Gießener Mineralölhändlerin Roth wünscht sich mehr technologieorientierte Offenheit von der Politik

Aber R33 ist teurer als normaler Diesel. Fühlen Sie sich bei diesem Projekt von der Politik unterstützt?

Also wenn sie eine CO2-Abgabe haben, die auf fossile Brennstoffe abzielt, und R33 hat nur noch 67 Prozent davon, sollte sich das doch in der Abgabe bemerkbar machen. Tut es aber nicht.

Die Politik schläft hier?

Man bekommt aktuell den Eindruck, dass alles was nicht mit E-Mobilität, Wärmepumpen oder Photovoltaik zu tun hat, politisch nicht gewollt ist. Die Frage, wo der dafür benötigte Strom zukünftig herkommen soll, scheint niemanden zu interessieren. Ob das Ganze in Altbauten überhaupt energetisch sinnvoll umsetzbar ist, wird auch nicht hinterfragt. Obwohl es gerade in den Bereichen Wasserstoff und E-Fuels vielversprechende Ansätze gibt. Von unserer Politik würde ich mir hier etwas mehr technologieorientierte Offenheit wünschen.

Der Kraftstoff liegt preislich mit drei Cent nur unwesentlich über dem normalen Diesel und ist deutlich günstiger als das, was derzeit an alternativen Kraftstoffen auf dem Markt angeboten wird. Wir sprechen damit umweltbewusste Kunden an und glauben an diesen zukunftsorientierten Kraftstoff.

Zur Person Christiane Roth

Christiane Roth (Jahrgang 1965) hat bereits im Alter von 14 Jahren begonnen, im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten, von der klassischen Tankreinigung über die Disposition bis zur Buchhaltung. 1991 trat sie nach abgeschlossenem BWL-Studium offiziell in das Unternehmen ein. Zu Beginn war sie verantwortlich für die Bereiche Cash-Management und Personal. Seit 2013 ist sie alleinvertretungsberechtigte Gesellschafterin. mac

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