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Werner Seeger, Professor für Innere Medizin und Ärztlicher Geschäftsführer des Universitätsklinikums Gießen und Marburg am Standort Gießen.

Pandemie

Gießener Uniklinik-Chef zu Corona: UKGM arbeitet „kontinuierlich im maximalen Einsatzbereich“

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Professor Werner Seeger ist Ärztlicher Geschäftsführer des Uniklinikums Gießen-Marburg. Im Interview spricht er über die aktuelle Corona-Situation am UKGM, nimmt Stellung zur Diskussion um den Impfstoff von AstraZeneca und appelliert an die Bevölkerung.

Herr Professor Seeger, viele Menschen hatten gehofft, dass dieses Jahr alles besser wird und wir die Corona-Pandemie hinter uns lassen können. Mittlerweile hat sich aber bei vielen Menschen Ernüchterung breit gemacht - besonders rund um die Osterfeiertage. Was kann uns aktuell aufmuntern?

Ostern ist an sich ja schon ein sinnbildlicher Feiertag für die gegenwärtige Situation. Denn zunächst kommt erst einmal der Tiefpunkt an Karfreitag und danach die mit Ostern verbundene Überwindung der Sterblichkeit, die Auferstehung. Dieses übertragend, können wir aus Karfreitag und Ostern lernen, dass wir akzeptieren müssen, gegenwärtig durch diese noch sehr schwierige Phase zu gehen, aber mit der Hoffnung auf eine wesentliche Besserung, welche natürlich insbesondere mit den Impfungen verbunden ist.

Wie ist die aktuelle Lage am Uniklinikum?

Die Krankenversorgungslage am UKGM ist seit vielen Monaten extrem angespannt, und das gilt auch für die gegenwärtige Situation. Zum einen die Versorgung der Covid-Patienten: Wir haben gegenwärtig wieder fast 70 Covid-Patienten stationär, davon knapp die Hälfte im intensivmedizinischen Bereich. Das sind weniger Covid-Patienten als im Maximum der zweiten Welle, wo wir bis zu 120 Patienten mit akuter Infektion stationär behandelt haben. Das sind aber auch wieder deutlich mehr als die zirka 40 Patienten im niedrigsten Zahlenbereich beim Übergang von der abklingenden zweiten Welle zum Beginn der dritten Welle. Hinzu kommt, dass wir zunehmend hohen Druck haben, Nicht-Covid-Patienten jeglicher Art zu versorgen, deren Behandlung teilweise schon lange zurückgestellt wurde. Das alles führt dazu, dass wir nahezu kontinuierlich im maximalen Einsatzbereich arbeiten.

Wie sieht die aktuelle Alterstruktur der Patientinnen und Patienten bei Ihnen aus?

Es ist in der Tat so, dass sich die Altersstruktur gegenüber dem Maximum der zweiten Welle deutlich in den jüngeren Bereich verschoben hat. Dies liegt ganz offensichtlich daran, dass mittlerweile auch in unserer Region die sogenannte Britische Mutante komplett überwiegt. Diese jüngeren Patienten sind dann, wenn sie intensivstationspflichtig werden, zum Teil extrem erkrankt. So mussten wir kürzlich bei einem 32-jährigen Patienten, bei dem durch die Covid-Erkrankung die Lungenstruktur komplett zerstört war, eine Lungentransplantation vornehmen.

Seit wann liegt der am längsten bei Ihnen in Behandlung befindliche Patient im UKGM?

Der am längsten in unserem stationären Bereich liegende Patient wird gerade jetzt entlassen: Er wurde Anfang Dezember aufgenommen, ebenfalls im weiteren Verlauf bei nicht reversiblem Lungenversagen lungentransplantiert, und wird jetzt in die Rehabilitation entlassen.

Die Mutante B1117 soll vermehrt auch Kinder und Jugendliche treffen. Bildet sich das auch am UKGM ab?

In Ansätzen ja. Aber es ist auch weiterhin so, dass wir nur sehr wenige Kinder mit Covid-Erkrankung stationär behandeln müssen.

Was unterscheidet die dritte Welle von den Wellen zuvor?

Es gibt deutlich mehr jüngere Patienten mit sehr schwerem Krankheitsverlauf und eben auch einer sehr schnellen Verschlechterung zwischen Krankheitsbeginn und maximaler Intensivpflichtigkeit. Dazu gehört auch der Einsatz eines künstlichen Lungenersatzes.

Im November hatten Sie im GAZ-Interview betont, es fehle am UKGM nicht an Betten, es fehle an Personal. Hat sich seitdem etwas an der Lage geändert?

Nein, das ist immer noch die korrekte Beschreibung. Es ist immer noch so, dass wir dringend mehr Pflegekräfte brauchen, auch wenn durch verschiedene Maßnahmen die Situation etwas gebessert werden konnte. Durch die Herausforderung, gleichzeitig sehr viele Covid-Patienten zu versorgen und einen mittlerweile erheblichen Aufstau andersartiger Patientenversorgung abarbeiten zu müssen, wird auch in den nächsten Monaten der Pflegemangel der kritischste Faktor hinsichtlich unserer Möglichkeiten der Patientenversorgung sein.

Haben Sie Sorge wie Ihre Kollegin, Frau Professorin Susanne Herold, dass uns eine vierte Welle drohen könnte, wenn wir nicht mit dem Impfen vorankommen?

Das ist epidemiologisch natürlich so zu erwarten. Auch wenn die Infektionszahlen riesig erscheinen, ist es doch so, dass der allergrößte Teil der Bevölkerung bisher weder infiziert, noch geimpft worden ist. Insofern wird es, falls es mit dem Impfen nicht schnell vorangeht, sicherlich so sein, dass weitere Infektionswellen jeweils mit Zurücknehmen von Lockdown-Maßnahmen auftreten werden. Wir können nur alle dringend auffordern, sich impfen zu lassen, sobald und in dem Maße wie entsprechende Impfdosen zur Verfügung gestellt werden.

Wie könnten wir denn beim Impfen Boden gut machen?

Natürlich kann nur das verimpft werden, was als Impfdosen auch vorhanden ist. Insofern ist es erst einmal eine Frage an die für den Einkauf der Impfdosen politisch Verantwortlichen. Wenn aber genug Impfdosen da sind, davon bin ich überzeugt, kann unter Einbeziehung der Hausärzte und möglicherweise von Krankenhausambulanzen in Ergänzung der Impfzentren die Geschwindigkeit des Impfens drastisch gesteigert werden. Das ist auch der Weg, der zur Überwindung der Krise führen kann.

Wie sieht die Impfbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Klinikum aus?

Am Klinikum herrscht eine sehr große Impfbereitschaft, was ja auch nachvollziehbar ist, da den meisten Mitarbeitern ja die schweren Krankheitsverläufe und auch die nachhängenden Probleme bei vielen Covid infizierten Patienten, das sogenannte Long-Covid-Syndrom, drastisch vor Augen stehen. Zirka 80 Prozent der Mitarbeiter des Uniklinikums in Gießen sind mittlerweile zumindest einmal geimpft.

Wie beurteilen Sie das Risiko des AstraZeneca-Impstoffes?

Jede schwerwiegende Nebenwirkung auf einen Impfstoff ist natürlich tragisch und sollte so gut wir können vermieden werden. Man muss aber immer im Blick behalten, dass gegenwärtig in Deutschland zirka zwei von 100 an Covid19 erkrankten Patienten sterben, trotz aller medizinischen Maßnahmen, während die beschriebenen Thrombose-Risiken, insbesondere Hirnvenenthrombosen, nach AstraZeneca-Impfung um viele Größenordnungen niedriger liegen, nach gegenwärtiger Datenlage weniger als ein Patient auf 100 000. Dennoch sollte man nach Impfung mit AstraZeneca auf entsprechende mögliche Nebenwirkungen achten, zum Beispiel Kopfschmerzen, verschwommenes Sehen, neurologische Ausfälle, kleine Einblutungen in der Haut, und sich dann unmittelbar ärztlich vorstellen.

Was erhoffen Sie sich aktuell von der Politik?

Ich will zunächst vorrausschicken, dass auch für die Politik die gegenwärtige Situation, für die wir bislang keine Blaupause hatten, eine extreme Herausforderung darstellt. Es ist immer leicht, aus der Zuschauerrolle Kritik zu üben, und sehr viel schwieriger in einer solch unübersichtlichen Situation die richtigen Entscheidungen zu treffen. Selbstverständlich hoffe auch ich, dass es insgesamt ein abgestimmtes Vorgehen im politischen Bereich gibt. Dieses sollte zum einen die drohende Verschlechterung der Infektionssituation, zum anderen aber auch viele berechtigte andere Interessen so ausgewogen wie es eben geht im Auge behalten. Ich habe aber keinen Grund anzunehmen, dass dieses nicht auf allen verantwortlichen politischen Ebenen versucht wird.

Und was wünschen Sie sich von der Bevölkerung?

Mein Appell richtet sich an uns alle: Es ist einfach jetzt nicht der Zeitpunkt, um frühzeitig aufzugeben und die vorgegebenen Hygienemaßnahmen zu unterlaufen. Wir müssen gemeinsam die Kraft haben, die notwendigen Verhaltensregeln bis zum Überwinden der Pandemie durch Erreichen einer hohen Impfquote durchzuhalten.

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