Das war vor Corona: Essensausgabe in der Mädchenschule "Queens Comprehensive College" in Kaliro (Uganda), die seit Jahren von Klaus-Dieter und Claudia Grothe unterstützt wird. FOTO: PV
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Das war vor Corona: Essensausgabe in der Mädchenschule "Queens Comprehensive College" in Kaliro (Uganda), die seit Jahren von Klaus-Dieter und Claudia Grothe unterstützt wird. FOTO: PV

Strenger Lockdown, wenig Tote

Gießener lobt Corona-Strategie in afrikanischem Land

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Der Gießener Grünen-Politiker Klaus-Dieter Grothe, kennt ein Land, wo die Allgemeinverfügungen noch länger und die Corona-Infektionszahlen deutlich niedriger sind als bei uns. "Die wissen, worum es geht", sagt er über das ostafrikanische Uganda, wo er eine Schule für Mädchen unterstützt.

Als Klaus-Dieter Grothe am Samstag in der GAZ die Glosse über die Corona-Allgemeinverfügung des Landkreises mit den Vorschriften zum Ablauf von "Gesellschaftsjagden" las, musste er schmunzeln. Denn der weitgereiste Vorsitzende der Gießener Grünen-Fraktion kennt die Neigung, lange Vorschriften zu verfassen, nicht nur von seinen Landsleuten. Im Anhang seiner E-Mail an uns befand sich eine 30-seitige Verfügung zum Umgang der Schulen mit dem Corona-Virus, und zwar vom Bildungsministerium des ostafrikanischen Uganda. Dort unterstützt Grothe seit einigen Jahren eine Schule.

Herr Grothe, was ist bemerkenswert am Umgang der Behörden mit der Pandemie in einem Entwicklungsland wie Uganda?

Von meiner Schule in Uganda wurde mir die Allgemeinverfügung des dortigen Kultusministeriums geschickt. Sie umfasst 30 Seiten und regelt bis ins Kleinste, was die Schulen bei der Wiederöffnung nach dem Lockdown zu beachten hatten - inklusive der Aufsicht des Lehrpersonals beim Toilettengang, dass sich dort keine Schlangen bilden. Es wird ausgeführt, dass im Unterricht, den Aufenthaltsräumen und Schlafsälen ein Abstand von zwei Meter einzuhalten ist und überall Maskenpflicht gilt. Wenn der Abstand nicht einzuhalten ist, sind die Klassen zu teilen bzw. im Schichtunterricht zu unterrichten.

Maßnahmen, über die bei uns noch diskutiert wird.

Stimmt. Besonders finde ich auch: Jede Schule ist gehalten, ein Covid-19-Team zu bilden, das die Einhaltung der Regularien kontrolliert. Es soll einen Ansprechpartner geben, der den Kontakt zum örtlichen Gesundheitszentrum, mit dem ein Netzwerk zu bilden ist, herstellt. Bei jeder Schülerin, jedem Schüler ist täglich die Temperatur zu messen sowie auf etwaige Symptome wie Husten zu kontrollieren. Beim Lesen hat man den Eindruck, die wissen, worum es geht.

Zur geringen Verbreitung des Virus in Afrika heißt es bei uns oft etwas herablassend, die testen halt kaum und stellen Todesursachen nicht richtig fest. Stimmt das?

Natürlich wird dort aufgrund knapper Ressourcen weniger getestet. Allerdings muss man sich das auch nicht so vorstellen, dass es keine Labors nach europäischem Standard gibt. Die gibt es durchaus. In der ersten Phase der Pandemie wurden sogar alle an der Grenze Ankommenden, auch über den Landweg, flächendeckend getestet. Die Zahlen der an bzw. mit Covid-19 Verstorbenen lassen sich durchaus vergleichen, weil die Krankheitssymptome dort spezifischer sind als bei uns. In Uganda mit seinen 35 Millionen Einwohnern gibt es durchschnittlich einen Verstorbenen pro Tag, in Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern 200 bis 300. Das lässt schon den Schluss zu, dass man die Pandemie - trotz geringerer Ressourcen - entschlossener und wirkungsvoller eindämmt.

Wie schaut man in Uganda auf die Entwicklungen in Europa und den USA?

Covid-19 gilt als Krankheit, die die Weißen eingeschleppt haben. Die ersten Infektionen kamen mit einem Flieger aus Dubai. Soweit ich das sehe, sieht man mit einer gewissen Verständnislosigkeit nach Europa und den USA. In Uganda hat nämlich der Gesundheitsschutz absolute Priorität. Das bedeutet dort vor allem Schutz von alten Leuten.

Wie sah dort der Lockdown aus?

Das Land war seit März lahmgelegt. Die Geschäfte und Märkte waren lange Zeit geschlossen, der öffentliche Verkehr wurde völlig eingestellt, Schulen und Universitäten komplett geschlossen. Für die Menschen in den Städten, die sich nicht vom eigenen Land ernähren konnten, bedeutete das Hunger und Unterernährung. Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe gibt es dort überhaupt nicht. Ein sowieso armes Land geht also lieber in den wirtschaftlichen K.o. statt die Gesundheit der Älteren zu gefährden. Diese Prioritätensetzung wird auch gesellschaftlich anerkannt. Schließlich finden Anfang 2021 Wahlen statt.

Hat man in Schwarzafrika aufgrund von hochansteckenden Seuchen wie Ebola vielleicht sogar einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung vor uns?

Ja, die Erfahrung mit Epidemien und Seuchen ist groß. In Uganda gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ausbrüche von Ebola, die aber sehr schnell unter Kontrolle gebracht werden konnten. Ugandische Experten haben beim letzten großen Ebolaausbruch in Westafrika geholfen. Auch die ersten HIV-Fälle wurden ja in Uganda festgestellt, auch damit hat man große Erfahrungen. Es bleiben ja auch nur epidemiologische Antworten auf solche Pandemien in so einem Land. Die Anzahl der Intensivbetten ist schließlich äußerst begrenzt.

Würden Sie im Moment dort hinreisen?

Für Uganda gilt aktuell weder eine Reisewarnung noch ist es als Risikogebiet ausgewiesen. Im Prinzip also eines der sichersten Länder für touristische Reisen weltweit. Inzwischen sind die Grenzen wieder offen. Touristen müssen aber mit einem negativen Coronatest einreisen ,und Kontakte zu Einheimischen sollen außer in Hotels vermieden werden. Durch diese Regelungen ist ein Besuch der Schule und unseres Freundes nicht möglich. Deshalb verzichten wir vorerst auf einen Besuch.

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