Bilder der Verwüstung bieten sich beim Blick auf das historische Verwaltungsgebäude des Unternehmens Gail. Noch schlimmer sieht es im inneren aus.
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Bilder der Verwüstung bieten sich beim Blick auf das historische Verwaltungsgebäude des Unternehmens Gail. Noch schlimmer sieht es im inneren aus.

Denkmalschutz

Gießener Kulturdenkmal wird zur Müllhalde: Historische Gail-Verwaltung bietet Bild der Verwüstung

  • Burkhard Möller
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Fast 130 Jahre alt ist die historische Verwaltung des früheren Gießener Weltunternehmens Gail. Aktuell indes bietet das Kulturdenkmal ein Bild der Verwüstung. Die Denkmalschutzbehörde reagiert.

Gießen – Der Aprilschnee hat sich am Dienstag für einige Stunden wie ein Mantel über die Halde aus Sperrmüll gelegt, die das frühere Verwaltungsgebäude des Unternehmens Gail im Schiffenberger Tal schon länger umgibt. Auch hier verhält es sich wie meistens an solchen Stellen: Einer fängt an, seine ausrangierten Möbel und anderen Hausrat abzulegen, andere folgen diesem schlechten Beispiel.

Bedrohlicher für das an der früheren Hauptzufahrt des Gießener Traditionsunternehmens gelegene Kulturdenkmal indes ist der Zustand im Innern des Gebäudes, den Fotos dokumentieren, die der GAZ zugeschickt wurden. Im gesamten Haus, das einer Projektentwicklungsgesellschaft aus Berlin gehört, haben Unbekannte gewütet. Das Inventar wurde zerstört, überall liegen Akten herum, die augenscheinlich noch aus der Betriebszeit des Unternehmens Gail stammen. In den Räumen unterm Dach zeigen sich erste Löcher in den Dachschrägen. Dort und durch die zerstörten Fenster und Türen droht Nässe einzudringen, die die Bausubstanz angreifen könnte.

Denkmalschutz in Gießen: Zusagen nicht eingehalten

Nach mehrfachen Zusagen der Eigentümerin, das Gebäude gegen unbefugte Eindringlinge zu sichern und abzudichten, hat die Stadt angesichts der Zerstörungen nunmehr ein Verfahren eingeleitet. »Der Denkmalschutz hat sich vor Ort ein Bild gemacht und kam zu dem Ergebnis, dass den Ankündigungen offenbar keine Taten gefolgt sind. Das ist natürlich bedauerlich. Es wird nun ein Verwaltungsverfahren eingeleitet«, erklärt Stadtsprecherin Claudia Boje. Was mit »Verwaltungsverfahren« konkret gemeint ist, lässt die Stadt offen. Bei der Alten Post zum Beispiel hatte die Stadt vor einigen Jahren in einem ersten Schritt selbst Maßnahmen zur Sicherung des Gebäudes beauftragt und die Kosten den Eigentümern in Rechnung gestellt.

In Kontakt mit der Eigentümer-Gesellschaft aus Berlin steht die Stadt schon länger, in erster Linie natürlich wegen der Zukunft der Industriebrache. Was die fast 130 Jahre Firmenverwaltung betrifft, hatte die für die Untere Denkmalschutzbehörde zuständige Dezernentin Astrid Eibelshäuser im vergangenen November erklärt, dass die Stadt Sicherungsmaßnahmen angemahnt habe. »Dazu zählen unter anderem einfachste Dinge wie die Schließung und Abdichtung von Fenstern und Türen sowie des Daches«, sagte Eibelshäuser damals. Der Eigentümer sei dahingehend auch bereits aktiv geworden, hieß es. Doch außer einem Container für Bauschutt und zerstörtes Mobiliar und ein paar Meter Bauzaun, die im Herbst aufgestellt wurden, geschah bis heute nichts.

Das frühere Comptoirgebäude und Wohnhaus wurde 1892 vom Firmengründer Wilhelm Gail errichtet und steht in der Bautradition des Historismus. Hauptgestaltungsmerkmale des zweigeschossigen Klinkerbaus seien die beiden relativ flachen, hölzernen Schmuckgiebel und die ihnen zugeordneten, aufwendig und mehrfarbig gestalteten Klinkerfassaden, heißt es in der Gießener Denkmaltopograhie auf der Internetseite des Hessischen Landesamts für Denkmalpflege. Trotz mancher Störungen durch diverse An- und Umbauten sei das Gebäude »aufgrund seiner künstlerischen und handwerklichen Qualitäten und als letztes Relikt des historischen Fabrikgeländes Kulturdenkmal«.

Gail-Gelände in Gießen: Was wird aus Gesamtareal?

Das über 17 Hektar große Gail-Areal war vor drei Jahren von der Piräus-Bank an eine Berliner Unternehmens-Gruppe verkauft worden, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Das Areal ging auf eine andere Projektentwicklungsgesellschaft aus der Hauptstadt über, mit der die Stadt über die Nachnutzung des Geländes verhandelt. Zuletzt fanden zu Beginn des Jahres Gespräche statt, bestätigt Planungsdezernent Peter Neidel.

Die Stadt will für das Gelände einen Bebauungsplan auflegen und diesen mit einem städtebaulichen Vertrag flankieren. Die diesbezüglichen Fragen kreisen um das Thema Nutzungen. Die bisherigen Überlegungen reichen von Industrie, Logistik und Gewerbe über Dienstleistungen bis hin zu einer Wohnnutzung.

Einige Gebäude auf dem Gelände, in denen sich unter anderem ein Fitnessstudio und der Zoll eingemietet haben, gehören einem Privatmann aus dem Lahn-Dill-Kreis.

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