Klaus Hanschur freut sich auf den Ruhestand. Die Kämpfe wird er aber vermissen. FOTO: SCHEPP
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Klaus Hanschur freut sich auf den Ruhestand. Die Kämpfe wird er aber vermissen. FOTO: SCHEPP

Kämpfer geht in Rente

Gießener Klinikums-Betriebsratschef blickt auf Erfolge und Niederlagen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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30 Jahre lang war Klaus Hanschur am Gießener Uniklinikum Vorsitzender des Betriebsrats. Nun geht er in den Ruhestand. Im Interview blickt der 63-Jährige auf ein ereignisreiches Berufsleben zurück.

Gestern war Ihr letzter Tag als Betriebsratsvorsitzender. War ein Aufatmen in der Chefetage zu hören?

Das glaube ich nicht. Ich bin zwar ein sehr harter Verhandlungspartner und nur dann zufrieden, wenn ich das Maximum herausgeholt habe. Aber dadurch, dass ich ein fairer Verhandler bin, der nicht auf der persönlichen Ebene agiert, glaube ich nicht, dass es ein Aufatmen gab.

Sie haben viele Kämpfe am UKGM ausgetragen

(lacht): Ja

Ist es reizvoll, sich mit den Mächtigen anzulegen?

Wenn ich nicht Lust auf konstruktive Auseinandersetzungen gehabt hätte, wäre ich fehl am Platz gewesen. Man muss eine innere Triebfeder haben, die einen immer wieder anspornt, den Kampf aufzunehmen. Ich bin sehr zäh in meiner Art, bleibe dran, hake nach. Ich dränge und schiebe so lange, bis ich ein positives Ergebnis erzielt habe.

Der größte Kampf dürfte die Privatisierung gewesen sein. Wie sehen Sie den Schritt aus heutiger Sicht?

Ich habe damals zusammen mit dem Personalrat hart gegen die Privatisierung gekämpft. Massiv unterstützt von der Gewerkschaft Verdi. Ich halte es immer noch für verkehrt, wenn das Grundbedürfnis der gesundheitlichen Versorgung in private Hände gegeben wird.

Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Wir standen damals in Gießen als Personalrat respektive Verdi ziemlich alleine da. Die Beschäftigten waren zurecht in Sorge und standen hinter uns, aber ansonsten hatten wir weder von der Führung noch von der Politik Unterstützung erhalten. Von daher haben wir damals einen ziemlich einsamen Kampf geführt.

Jetzt der Verkauf an die Asklepios-Gruppe. Sie haben in der Vergangenheit deutliche Worte dazu gefunden. Keine positiven.

Nein. Und das bleibt auch so. Asklepios ist ein knallharter Arbeitgeber. Das hat sich bereits in den wenigen Kontakten, die ich hatte, bestätigt. Man muss Asklepios dementsprechend entgegentreten. Die Arbeitsbedingungen dürfen sich nicht weiter verschlechtern. Sie sind schon im Keller.

Täuscht es, oder ist der Widerstand dieses Mal nicht so groß wie damals bei der Privatisierung?

Der Widerstand ist da. Aber die Beschäftigten sind unglaublich ausgepowert. Sie sind heute viel resignierter als damals vor der Privatisierung.

Die Mitarbeiter sind also zu überlastet, um zu protestieren?

Ja. Viele sagen, dass sie nicht mehr können und froh sind, endlich nach Hause zu dürfen. Und dort, das ist in den letzten Jahren immer stärker geworden, machen sie sich noch Gedanken, ob sie die Patienten richtig versorgen konnten. Ob sie bei dem ganzen Stress alles richtig gemacht haben. Da ist im Moment kein Spielraum mehr für Kampf. Ich glaube aber, wenn sich ihre Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern, werden die Beschäftigten sich wehren und auch auf die Straße gehen.

Bedauern Sie es, diesen Prozess nicht weiter kritisch begleiten zu können?

Vom Kopf her hätte ich große Lust, diese Herausforderung anzunehmen. Es war immer so: Je größer der Gegenwind, desto stärker konnte ich mich aufstellen. Aber ich habe aufgrund eines persönlichen Schicksalsschlages, auf den ich nicht weiter eingehen möchte, nicht mehr die Energie, den Kampf fortzusetzen. Ich habe immer gesagt: Wenn ich nicht mehr die Kraft aufbringen kann, die dieser Posten verlangt, dann höre ich auf.

Was waren ihre größten Erfolge als Betriebsrat?

Wir als Betriebsrat sind immer als Team aufgetreten. Wir haben immer gemeinsam gekämpft. Das war ein ganz wichtiges Signal an den Arbeitgeber. Dadurch haben wir eine Menge erreicht. Vor allem im Vorfeld der Privatisierung. Zum Beispiel den Kündigungsschutz für die Beschäftigten. Rhön hat zuvor nie einen Kündigungsschutz ausgesprochen. Das war ein großer Erfolg. Zudem gab es anfangs keine Betriebsvereinbarung mit Rhön. Die haben wir auch erkämpft. Heute ist das selbstverständlich. Wir haben den ganzen Rhön-Konzern damit auf eine neue Ebene gehoben.

Und die herbste Niederlage?

Klassische Niederlagen gab es nicht. Natürlich konnten wir die Privatisierung nicht verhindern. Das war uns aber klar. Ansonsten gab es immer mal wieder kleine Rückschläge, zum Beispiel bei der Dienstplangestaltung oder bei der Verhinderung einzelner Kündigungen. Das größte Problem aber war, dass uns der Gesetzgeber im Betriebsverfassungsgesetz keine Möglichkeit eingeräumt hat, die Personalstärke mitzubestimmen. Das ist sehr schmerzhaft, weil man manchmal weiß, es könnte bessergehen. Der Arbeitgeber hat hier aber alle Möglichkeiten.

Was wird die größte Herausforderung für Ihren Nachfolger?

Ich bin sehr zufrieden, dass wir Marcel Iwanyk als meinen Nachfolger als Betriebsratsvorsitzenden gewinnen konnten. Jetzt ist es wichtig, dass er so schnell wie möglich mit allen Beteiligten in Kontakt tritt. Er war schon bei Streiks dabei und hat das Vertrauen der Beschäftigten. Nun muss er dem Arbeitgeber zeigen, dass es keinen Bruch im Betriebsrat gibt und er ein würdiger Nachfolger von mir ist. Ich bin davon absolut überzeugt.

Seit heute sind Sie Rentner. Was haben Sie sich vorgenommen?

Ich war als 18-, 19-Jähriger längere Zeit arbeitslos. Damals habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, eine Struktur zu haben. Ich werde zwar ausschlafen, aber nicht den Tag vergammeln. Ich will mehr lesen, dazu kam ich bisher kaum. Außerdem ist Musik eine große Leidenschaft von mir. Die sozialen Kontakte werde ich ebenfalls hochfahren. Und ich habe mir vorgenommen, richtig gut kochen zu lernen. Wozu ich sonst Lust und Laune habe, wird sich zeigen.

Als Masseur begonnen

Klaus Hanschur ist gelernter Masseur und medizinischer Bademeister. Er ist am 1 April 1980 beim UKGM eingestiegen, damals noch in Bad Nauheim. 1990 wurde er Mitglied des Personalrats und freigestellt, 1991 wurde er zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt. Im Zuge der Privatisierung übernahm er dann den Vorsitz des Betriebsrats. Seit dem heutigen Dienstag hat der 37-Jährige Marcel Iwanyk dieses Amt inne. Hanschurs Nachfolger als Nachfolger als Gesamtbetriebsratsvorsitzender muss noch gewählt werden.

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