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Das Kloster Arnsburg war fünf Jahre lang "Ausweichstelle" der Gießener Universitäts-Frauenklinik. Das Bild vom Pfortenhaus stammt aus dem Familienalbum von Prof. Ernst Klees, der die Klinik von 1947 bis 1952 leitete. FOTO: PRIVAT

Vor 75 Jahren

Bombardierung: Als das Gießener Klinikum aufs Land zog

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Nach der Bombardierung am 6. Dezember 1944 zogen sämtliche Universitätskliniken von Gießen aufs Land - und blieben mitunter für Jahre. Zum Beispiel die Frauenklinik im Kloster Arnsburg.

Hier bin ich zur Welt gekommen." Den Satz hört Marion Knorr, wenn sie Besuchergruppen führt, "sehr häufig, eigentlich jedes Mal. Viele zeigen mir ihren Personalausweis mit dem Geburtsort Arnsburg bei Lich", erzählt die Geschäftsführerin des Freundeskreises Kloster Arnsburg. Sage und schreibe 885 Kinder wurden zwischen 1944 und 1949 in der Gießener Frauenklinik geboren. Und die befand sich - wie sämtliche andere Universitätskliniken - zeitweise in der Provinz. Vor 75 Jahren wurden Städtchen und Dörfer in der Umgebung zu Krankenhaus-Standorten. Ärzte und Schwestern wohnten dort auch, manchmal für Jahre.

Bei der verheerenden Bombardierung Gießens am 6. Dezember 1944 wurden alle Gebäude der Medizin-Fakultät der Ludwigs-Universität beschädigt und etliche völlig zerstört. Am schlimmsten traf es die Kinderklinik, in der 33 Menschen starben: 16 kleine Patienten, 16 Schwestern und eine Ärztin. Schon am Tag danach begann die Evakuierung (Details im Kasten). Die Bettenkapazität des Klinikums sank damit von 1600 auf 400, also auf ein Viertel. Diese Zahlen wurden damals nicht veröffentlicht, aber 1951 beim Richtfest der neuen Frauenklinik genannt.

Seit dem Sommer hatten die Behörden Ausweichquartiere vorbereitet, schilderte Zeitzeuge Dr. Wilhelm Thiele 1979 in einem "Bericht aus der Erinnerung", der im Archiv des Freundeskreises liegt. Allerdings waren die Umbauten nicht überall abgeschlossen. So gab es in Arnsburg Strom und Sanitäranlagen, aber noch keine Zentralheizung. Man kam vorerst mit Öfen durch den extrem kalten Winter, befeuert mit häufig feuchter Braunkohle. Die Wälder waren längst von brennbarem Holz "leergeputzt", so Thiele.

Anders als einige Nachbargebäude war die Frauenklinik von Brandbomben statt Sprengbomben getroffen worden. Das erwies sich als Glück. Man hatte Zeit, aus dem allmählich abbrennenden Gemäuer nicht nur Patienten zu retten, sondern auch Möbel, Wäsche, Instrumente und das Radium für Bestrahlungen.

Ein Spezialkommando der Wehrmacht brachte das Inventar nach Arnsburg, das Rote Kreuz transportierte die Patientinnen. Diejenigen, die gehen konnten, fuhren mit dem Zug nach Hof-Güll und legten die letzten zwei Kilometer zu Fuß zurück. Ebenso das Personal, das sich - teilweise mitsamt den Familien - häuslich niederließ. Schwestern erhielten Zimmer im Pfortenbau, Assistenzärzte in Dachzimmern von Abtei und Küchenbau. Der Klinikdirektor Rudolf Edler von Jaschke, der seit 1933 NSDAP-Mitglied war und eine Zeitlang Zwangssterilisationen "zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vorgenommen hatte, zog mit seiner Familie in eine repräsentativere Wohnung. Nachbarn waren adlige Angehörige der Besitzerfamilie Solms-Laubach. Ein Kinderheim musste dem Klinikbetrieb weichen.

Sieben Krankenzimmer mit je sechs bis 14 Betten wurden eingerichtet im Bursenbau und Prälatenbau, außerdem Entbindungszimmer, Operationssäle, Labor, Küche und etliche weitere Funktionsräume. Auf dem heutigen Parkplatz am Pfortenbau wurde ein großes rotes Kreuz aus Steinen gelegt, um Bombenangriffe zu verhindern.

Die gab es nie. Es war überhaupt ein verhältnismäßig idyllisches Leben, von dem Thiele 35 Jahre später erzählt. Der "Kastellan und Posthalter" der Familie Solms-Laubach erklärte dem Klinikpersonal, welche Dame mit "Erlaucht" anzureden war und bei welcher "Frau Gräfin" genügte. Die für die Wäscherei zuständige Schwester fuhr regelmäßig mit Pferd und Wagen nach Birklar zur einzigen Heißmangel weit und breit.

Mehl versteckt, Degen versenkt

Vor dem Einmarsch der "Feinde" hatte man zunächst Angst. Einige Säcke Mehl - mühsam ergatterte Mangelware - wurden vorsichtshalber in eine Treppennische eingemauert, Medikamente in einem Schacht versteckt. Als die Amerikaner dann am 28. März 1945 kamen, "blieb das Kloster unbehelligt", berichtet Stabsarzt Thiele lapidar. Wenig später sollten die Deutschen alle Waffen abgeben. Zwei Degen aus Solms-Laubachschem Familienbesitz, die einst Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen gehört hatte und die nun in Jaschkes Wohnung hingen, versenkte man kurzerhand im Klosterteich, um "ihnen eine solche Schmach zu ersparen".

Erst im Herbst 1945 wurde ein Mietvertrag geschlossen, rückwirkend zum 7. Dezember 1944. Graf Georg Friedrich zu Solms-Laubach erhielt nun 570 Reichsmark pro Monat.

Das berichtet Dr. Johannes-Peter Rupp. Der Licher Kinderarzt verfasste vor einigen Jahren einen Vortrag zum Klinikstandort Arnsburg und sprach unter anderem mit Zeitzeugen. Wie viele kranke Frauen behandelt und operiert wurden, konnte er nicht herausfinden; ebenso wenig, ob die einst geplante Zahl von 60 Betten tatsächlich zur Verfügung stand. Für anspruchsvollere Eingriffe und auch Röntgenuntersuchungen mussten die Patientinnen wohl nach Marburg.

Aktenkundig ist dagegen die Zahl der Geburten. Fünf waren es in den letzten drei Wochen des Jahres 1944, es folgten 880 weitere bis 1949 - und das in Zeiten, in denen die meisten Kinder noch als Hausgeburten zur Welt kamen. Zu Prominenz brachte es unter den Arnsburg-Gebürtigen der Theologieprofessor Michael Sievernich, der Doktorvater des heutigen Papst Franziskus gewesen wäre, wenn der denn seine Promotion fertiggestellt hätte.

Angemeldet wurden die Babys im Standesamt Muschenheim. Die Mütter gingen in der Regel wenige Tage nach der Entbindung zu Fuß ins nahe Dorf. Dort registrierte man auch 65 Totgeburten und über 100 Kinder, die sehr früh starben, das waren 13 Prozent aller Geborenen.

In den ersten Nachkriegsjahren war unklar, ob Gießen je wieder eine Universität beherbergen würde. Um nicht allen Patientinnen den umständlichen Weg ins Kloster zumuten zu müssen, hangelte sich die Frauenklinik mit Außenstellen durch. Provisorische Ambulanzen waren eingerichtet im Keller des Direktorenhauses in Gießen, in Büdingen und in einer Arztpraxis in Lich.

Glühbirnen gegen Zigaretten

Andere Kliniken mussten früh nach Gießen zurückkehren, auch wenn in der Stadt bis zur Währungsreform 1948 der Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und allen Konsumgütern besonders schmerzlich spürbar war. Etwa die Kinderklinik, die gedrängt wurde, die Schule in Hungen zu räumen. Im Elternhaus einer Ärztin in der Wilhelmstraße 32 wurde - so erinnerte sich in einem Aufsatz Prof. Fritz Koch, der die Klinik ab 1946 kommissarisch leitete - eine provisorische "Poliklinik" eingerichtet. Auf 53 Quadratmetern habe man allein im Jahr 1946 etwa 5000 Patienten behandelt. Ihr Wissen mussten die Mediziner dabei im Kopf haben. Die gesamte Bibliothek war verbrannt, erst 1950 wurden neue Bücher gespendet.

Ab 1947 kam die Kinderklinik erst in der Ludwigstraße 76, dann auch in der Bergkaserne unter. Dieses Domizil konnte, bekannte Koch später, nur deshalb beleuchtet werden, weil die Mediziner auf dem Schwarzmarkt in Frankfurt Glühbirnen erstanden gegen "Ami-Zigaretten", die Eltern von Patienten gestiftet hatten. 1952 bezog die Kinderklinik den Südflügel der neu errichteten Frauenklinik und erhielt erst 1973 ein eigenes Gebäude.

Ihr 175-jähriges Jubiläum feierte die Frauenklinik 1989 unter anderem mit einem Festkonzert im Dormitorium Arnsburg. Heute ist die Evakuierungsgeschichte der Gießener Unikliniken weitgehend in Vergessenheit geraten. Außer bei Führungen durchs Kloster Arnsburg. Marion Knorr zeigt immer wieder Besuchern, wo das Entbindungszimmer war. Und sie erklärt Senioren, unter welchen Umständen sie auf dem Gelände beerdigt werden könnten. "Das wünschen sich einige." Ein Grab in Arnsburg würde einen Kreis schließen für hunderte, die heute zwischen 70 und 75 Jahre alt sind.

Info: Unikliniken weit verstreut

Weit verstreut war das Uniklinkikum Gießen seit Dezember 1944, nämlich auf die Standorte Kloster Arnsburg: (Frauenklinik), Schloss Lich (Chirurgie, Hals-Nasen-Ohrenklinik, Klinikapotheke), Schloss Laubach (Medizinische Klinik), Hungen (Volksschule: Kinderklinik, Gasthaus: Psychiatrische und Nervenklinik), ein Fabrikgebäude in Obbornhofen (Augenklinik), Flensunger Hof (Hautklinik), Baptistenkirche Gedern (Orthopädie), Waldhof Elgershausen (Heilstätte Seltersberg). Auch die Uni-Tierklinik wurde ausgelagert nach Hungen, Holzheim, Eberstadt und Münzenberg.

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