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Demonstration von "Fridays for Future" Ende September 2019 auf dem Kirchenplatz. FOTO: SCHEPP

Klimawandel

Gießener Klimaziel 2035Null in weiter Ferne

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In Gießen legen die Stadtwerke demnächst ihren neuen Energiebericht vor. Er zeigt: Das neue Klimaziel 2035Null liegt nicht nur zeitlich in weiter Ferne.

Sein Auftritt ist mittlerweile zum festen Bestandteil des Beratungsprogramms des Stadtparlaments geworden. Einmal im Jahr erläutert der technische Stadtwerke-Vorstand Matthias Funk den aktuellen Energiebericht für die Stadt Gießen. Wenn er dies, wie geplant, Mitte Februar im parlamentarischen Hauptausschuss tun wird, wird die Präsentation unter einem anderen Vorzeichen stehen. Denn seit dem vergangenen September gibt es ein neues Klimaziel für Gießen: In 15 Jahren soll der Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid auf Null reduziert sein, beschloss das Stadtparlament mit der Zustimmung zum Bürgerantrag Gießen 2035Null.

Der bereits im Internet veröffentlichte Energiebericht für das Jahr 2018 zeigt nun aber, dass die Klimaneutralität nicht nur zeitlich noch sehr weit entfernt ist. In den letzten knapp 30 Jahren sind die Treibhausgasemissionen pro Kopf in Gießen von 10,1 Tonnen (Referenzjahr 1990) auf 7,4 Tonnen oder um rund 25 Prozent zurückgegangen. Das heißt: Um 2035Null zu erreichen, müsste in der Hälfte der Zeit eine Reduktion um weitere 75 Prozent erreicht werden.

Verglichen mit dem bundesweiten Pro-Kopf-Wert (laut SWG 10,9 Tonnen) und anderen Städten steht Gießen zwar relativ gut da, aber die Lücke zum neuen Klimaziel ist riesig. Die Stadtwerke-Vorstände Funk und Jens Schmidt gehen im Vorwort des Berichts auf Gießen 2035Null zwar nicht direkt ein, aber es heißt dort: "Natürlich könnte der Wunsch bestehen, es noch besser zu machen, aber in dargelegten Zielkorridor ist die Verringerung ein Erfolg." So verweisen die SWG darauf, dass die Treibhausgasemissionen von 2017 auf 2018 um 0,1 Tonnen zurückgegangen sind, obwohl die Einwohnerzahl gestiegen ist. "Wir befinden uns also auf einem sehr guten Weg", wird vom SWG-Vorstand betont.

40-Prozent-Ziel wird wohl verfehlt

Das nächstliegende - und von der Bundesregierung vorgegebene - Klimaziel, nämlich in diesem Jahr auf eine Reduzierung von 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu kommen, wird Gießen wohl verfehlen. Dazu müsste die CO2-Belastung von 7,4 auf 6,1 Tonnen sinken. Es erscheine "schwierig", in diesem Jahr dieses Ziel zu erreichen, heißt es im Bericht der Stadtwerke. In einer Antwort auf eine Anfrage des Stadtverordneten Michael Janitzki (Gießener Linke) geht Stadtwerke-Dezernentin Astrid Eibelshäuser davon aus, dass das 40-Prozent-Ziel in der "Dekade 2030" erreicht wird.

Vorherige Energieberichte zeigen, dass der CO2-Ausstoß pro Kopf von 2015 auf 2017 in Gießen sogar um 0,3 Tonnen gestiegen war. Als Ursachen nennt Eibelshäuser den "Anstieg des motorisierten Individualverkehrs" und hier insbesondere den Trend zu PS-starken SUVs, mehr Lieferverkehr, einen erhöhten Wärmebedarf im Bereich der Wohngebäude, den "fortwährenden Anstieg der Einwohnerzahl" sowie andere Methoden bei der Bilanzierung von Treibhausgasemissionen. Letztlich folge Gießen, was den Anstieg betreffe, dem "bundesweiten Trend".

Der Energiebericht der SWG dürfte die Kritiker des Klimabeschlusses vom September aus den Reihen von FDP und Freien Wählern bestätigen. Ihrer Meinung nach ist es unrealistisch, dass Gießen in 15 Jahren klimaneutral sein wird.

Mit Sorge haben die Initiatoren des Bürgerantrags Gießen 2035Null jedenfalls registriert, dass die Oberbürgermeisterin in den Silvester-Interviews mit den Gießener Tageszeitungen quasi den Weg zum (Klima) Ziel erklärt hat: An der neuen Marke finde sie wichtig, "das Unmögliche zu fordern, um das Mögliche möglich zu machen", sagte SPD-Rathauschefin Dietlind Grabe-Bolz.

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