+
Im Innenhof der Kleintier- und Vogelklinik der Justus-Liebig-Universität hängt der Himmel voller Vogelhäuschen. FOTO: KW

Viele Pannen

Gießener Kleintierklinik endlich fertig

  • schließen

Nächste Woche wird die Kleintier- und Vogelklinik der Justus-Liebig-Universität bezogen. Die GAZ erinnert an mehr als acht Jahre Bauzeit mit etlichen Pannen.

Falsche Käfige, Planungsbüro-Pleiten, Keime in den Wasserleitungen: Beim Bau der Uni-Kliniken für Kleintiere sowie für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische kosteten immer neue Probleme Zeit, Geld und Nerven. Am 13. Januar beginnt der Einzug. Eine Chronik.

März 2007: Die Landesregierung genehmigt den Neubau der Kleintier- und Vogelklinik. Die Justus-Liebig-Universität hatte sich seit fast 20 Jahren dafür eingesetzt. In dem Spezialgebäude mit 7500 Quadratmetern Nutzfläche in der Frankfurter Straße 114 sollen Patienten vom Papagei bis zur Katze versorgt werden. Der Baubeginn ist für 2008 vorgesehen. Geschätzte Kosten: 50 Millionen Euro, darunter fünf Millionen für die Ersteinrichtung.

September 2011: Tierischer Baubeginn. Ein Weißkopfseeadler und ein Dackel tragen die Metallhülse mit Dokumenten für den Grundstein. Die JLU könne "stolz sein", sagt Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann. Kostenschätzung: 70 Mio. Euro.

Oktober 2012: Allseitige Freude über "fantastische" Fortschritte beim Richtfest. Nichts spreche gegen die Übergabe 2014, heißt es. Mehrkosten seien derzeit nicht in Sicht; dies verdiene "besondere Anerkennung".

2013 bis 2015: Aber nun folgen die Prüfsteine Innenausbau und Technik. Das Planungsbüro für Heizung, Klima, Sanitär arbeitet so schlecht, dass ihm schließlich gekündigt wird. Auch das nach langer Suche beauftragte zweite Büro erweist sich als ungeeignet. Ein weiterer Wechsel im Jahr 2015 kostet erneut Geld und Zeit. Die Öffentlichkeit erfährt davon zunächst nichts.

2015 bis 2016: Die EU schreibt neue Haltungsbedingungen für mehrere Tierarten vor, dies erfordert Nachbesserungen. So gelten bereits eingebaute Rohrnetze nun als zu klein und müssen komplett ersetzt werden. Nach einer peinlichen Panne werden etliche Käfige herausgerissen und erneuert. Eine Metallbaufirma hatte statt Edelstahl zunächst verzinkte Exemplare installiert. Die könnten für Tiere gefährlich werden, wenn sie an den Stäben knabbern. Schließlich werden Keime in Wasserleitungen entdeckt, aufwendige Desinfektionsmaßnahmen sind nötig.

Februar 2017: Der Fachbereich Tiermedizin ächzt unter beengten Provisorien und wartet sehnsüchtig auf den Neubau samt Tiefgarage. Die GAZ hakt nach, und nach anfänglichem Abwiegeln werden alle Probleme bestätigt. Ist die Kleintierklinik ein Beispiel für Systemfehler bei öffentlichen Bauaufträgen? Jedenfalls berge es Reibungsverluste, dass eine Behörde - der Bau-Landesbetrieb LBIH - verantwortlich für den Bau ist, den eine andere - die JLU - nutzt, sagten Fachleute der GAZ. Die Universität erhält kein zusätzliches Geld, sondern muss an anderen Stellen in ihrem Budget des Landesprogramms Heureka einsparen. Aktuelle Schätzung: 79 Mio. Euro Kosten, Bezug im ersten Quartal 2018.

Dezember 2018: "Noch teurer, noch später", meldet die GAZ. Der LBIH führt auf Anfrage unter anderem "anspruchsvolle technische Anforderungen an die tierwohlbedingten Klimaverhältnisse" ins Feld, einen insolvenzbedingten Wechsel im Planungsteam sowie den Bauboom. Nun ist die Rede von der Eröffnung im Februar 2019 und 86 Millionen Euro Kosten.

April 2019: "Hängepartie um Kleintierklinik". Im Probebetrieb habe sich gezeigt, dass eine Nachrüstung in Abschnitten der Lüftungsanlagen nötig sei, so das LBIH. Frühestens im Herbst könne die Klinik in Betrieb gehen. Trotz der erneuten Verzögerung bleibt die Kostenschätzung bei 86 Millionen Euro.

Januar 2020: Der Einzug beginnt, nachdem die Klinik im November an die JLU übergeben wurde. Eine Einweihung sei für später geplant, aber noch nicht terminiert, erklärt der LBIH. Wegen Steigerungen im Rahmen der Schlussrechnungsstellung der Firmen betrage die Kostenschätzung nun 89 Millionen Euro. Die Universität hat bereits die nächsten Bauvorhaben zur Modernisierung des Campus im Visier.

Info: Bundesweit herausragend

War die Gießener Kleintierklinik für den Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen eine Pest-Baustelle - oder gibt es solche Probleme, unbemerkt von der Öffentlichkeit, häufiger? Das "ausgesprochen herausfordernde Projekt" sei "ein Unikat und nimmt in vielfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein", sagt LBIH-Sprecher Alexander Hoffmann. "Komplikationen lassen sich bei einem komplexen Spezialgebäude dieser Größenordnung leider nicht ausschließen." Doch die Klinik werde "auch aufgrund ihrer baulichen Umsetzung bundesweit eine herausragende Stellung einnehmen". Der LBIH sei ein erfolgreicher und anerkannter Dienstleister.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare