Pfarrer Michael Paul bei der Aufzeichnung des Karfreitaggottesdienstes. FOTO: FRIEDRICH
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Pfarrer Michael Paul bei der Aufzeichnung des Karfreitaggottesdienstes. FOTO: FRIEDRICH

Ostersonntag

Gießener Kirchengemeinden predigen auf Youtube

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Anstatt vor vollen Bänken an den Osterfeiertagen predigen die Pfarrer zweier Gießener Gemeinden auf Youtube. Welche Parallelen sie zwischen der Bibel und der heutigen Zeit ziehen.

Den Hirten sind die Herden abhanden gekommen. Jedenfalls für eine gewisse Zeit. Denn wegen der Corona-Pandemie können in den Kirchen auch keine Gottesdienste stattfinden. Und was macht der Prophet, wenn der Berg nicht zu ihm kommt? Genau: Er geht zum Berg - respektive der Hirte zur Herde. Auch an zwei der wichtigsten christlichen Tage, Karfreitag und Ostersonntag, müssen Gläubige nicht auf den Gottesdienst verzichten: Denn bereits am Donnerstagnachmittag haben Pfarrer Michael Paul von der Johannesgemeinde und Pfarrer Matthias Weidenhagen von der Lukasgemeinde ihre Predigten aufzeichnen lassen. Diese werden mit der Musik von Kantor Christoph Koerber zusammengeschnitten; die evangelischen Gottesdienste sind dann auf der Videoplattform "Youtube" zu sehen (siehe Kasten).

Paul und Weidenhagen sitzen am Donnerstag in der leeren Kirche. Das ohnehin schon beeindruckende Echo klingt in den hohen gewölbten Räumen des Gotteshauses ein Stück eindringlicher. Am 15. März, erzählt Paul, sei hier der letzte Gottesdienst in der üblichen Form gehalten worden. Weidenhagen erinnert sich daran, dass die Menschen damals bereits weiter auseinandersaßen. Aber dennoch seien viele gekommen. "Am Abend war klar, dass wir umplanen mussten", sagt Paul. Bereits eine Woche später gab es den ersten Gottesdienst, der im Internet abrufbar war.

Virtuelle Gottesdienste in Gießen als Zeichen für Stadt und Gemeinden

Die Johannes- und die Lukasgemeinde nutzen beide die Johanneskirche für ihre getrennten Gottesdienste. Die Videogottesdienste setzen die beiden Pfarrer nun gemeinsam um. "Dass wir das so machen, ist auch ein Zeichen in der Krise", sagt Weidenhagen. Es gebe durchaus auch kritische Stimmen unter Theologen, die sagten, solche Übertragungen von Predigten sollte man doch lieber den Profis mit ihren großen Fernsehpredigten überlassen. Weidenhagen sieht da keinen Widerspruch: "Wir setzen ein Signal, dass wir für unsere Gemeinde und unsere Stadt da sind und Gesicht zeigen."

Pfarrer Paul hält den Gottesdienst für Karfreitag, dem Tag, in dem die Christen der Kreuzigung Jesu gedenken. "Vielleicht können wir nie tiefer empfinden wie heute, was es heißt, alleine zu sein", sagt Paul. Gleichzeitig, betont er, gehe es an Karfreitag um Liebe. Denn niemand sei selbst in der größten Not von Gott verlassen.

Auch Weidenhagen zieht in seiner Predigt Parallelen zwischen der biblichen Überlieferung und der heutigen Zeit. Im Christentum markiert dieser Tag die Auferstehung von Jesus. In der Bibel sind es Frauen, die vor dem Grab Christi stehen. "Und auch heute sind es viele Frauen, die alles am Laufen halten", sagt Weidenhagen. Der Stein vor dem Grab Jesu sei ein Zeichen für die Sorgen, die sich viele Menschen in der aktuellen Situation machen würden. "Aber dass der Stein am Ostersonntag zur Seite gerollt und die Höhle leer war, ist ein Signal", sagt der Pfarrer der Lukasgemeinde - auch heute. Abseits der Corona-Pandemie gebe es weltweit "massive Probleme"; Weidenhagen erinnert an die unmenschlichen Zustände im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Das Bild der freigelegten Höhle zeige, "es gibt trotzdem Hoffnung und eine Zukunft."

Pfarrer Michael Paul: "Es ist traurig, vor leeren Bänken zu stehen."

Gottesdienste leben vom Miteinander. Der Pfarrer sieht in die Gesichter der Gemeindemitglieder und bekommt dort direkt und ungefiltert deren Reaktionen auf seine Worte gespiegelt. Das vermisse er, sagt Paul. "Es ist traurig, vor leeren Bänken zu stehen." Auch Weidenhagen sagt, er finde es merkwürdig, in eine Kamera sprechen zu müssen. Aber der Zweck heiligt nunmal die Mittel.

Der Ehrenamtliche Jürgen Ellmer hat mittlerweile das Stativ aufgebaut. Er schaltet seine Kamera an und gibt ein kurzes Handzeichen. Pfarrer Paul schreitet als erster zum Altar. Er verbeugt sich vor dem großen Kreuz, dreht sich um in Richtung Kamera - und lächelt. Dann beginnt es.

Die Videos der beiden Gottesdienste stehen am Karfreitag und am Ostersonntag auf Youtube im Internet zu Verfügung. Zu finden sind sie über folgende Links:

www.youtube.com/channel/UC32rWSg2EKBKda4zevnu8PA

www.youtube.com/channel/UCDPRHDA47yx2wiMXr2TNjVg.

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