Ein gesundes Herz ist kostbar. FOTOS: PM/PANTHERMEDIA
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Ein gesundes Herz ist kostbar. FOTOS: PM/PANTHERMEDIA

Arztbesuch nicht hinauszögern

Gießener Kardiologe warnt: Herzschwäche nicht unterschätzen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Wer häufig müde ist, schnell außer Atem kommt und weniger leistungsfähig ist als gewohnt, sollte die Ursachen abklären lassen. Der Kardiologe Michael Schoppet erklärt, warum man mit dem Arztbesuch nicht lange warten sollte - auch nicht in Zeiten von Corona.

Professor Schoppet, wie erkennt man die chronische Herzschwäche?

Anders als bei der akuten Herzinsuffizienz mit plötzlichem Einsetzen und schnellen dramatischen Verläufen kommt es bei der chronischen Herzschwäche häufig schleichend durch ein Nachlassen der Pumpkraft des Herzens zu Beschwerden wie Luftnot bei Belastung, nachlassender Leistungsfähigkeit, Einlagerung von Wasser in den Beinen (Ödemen), Gewichtszunahme, nächtlichem Harndrang und manchmal auch Herzrasen oder Herzstolpern durch Herzrhythmusstörungen, die auch bedrohlich sein können.

Dennoch sollte man den Arztbesuch nicht hinauszögern.

Auf keinen Fall. Wenn solche Symptome auftreten, sollte man medizinischen Rat suchen, um eine Diagnostik einzuleiten. Dies vor allem, da ein rechtzeitiges Erkennen der Erkrankung den Krankheitsverlauf bremsen und die Lebensqualität erhalten kann.

Welche Untersuchungen sind nötig?

In Deutschland leiden etwa zwei bis drei Millionen Menschen an einer Herzschwäche. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in der Todesursachenstatistik unangefochten auf dem ersten Platz. Zur Abklärung gehört eine körperliche Untersuchung, vor allem ob Wassereinlagerungen in der Lunge oder den Beinen vorliegen. Wenn dies der Fall ist, sollte die weitere Abklärung durch einen Kardiologen erfolgen.

Was passiert dort?

Der Kardiologe schreibt dann ein normales EKG und macht zudem einen Herzultraschall, er untersucht, wie eingeschränkt die Pumpleistung ist, ob das Herz vergrößert ist, ob der Herzmuskel verdickt ist oder ob Herzklappenfehler vorliegen. Auch kann eine Röntgenuntersuchung der Lunge dort Flüssigkeitsansammlungen nachweisen. Über spezielle Blutwerte kann man auch eine Herzschwäche nachweisen. Da die koronare Herzerkrankung einer der Hauptgründe für eine Herzschwäche ist, wird oft auch eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt.

Wie führt die koronare Herzkrankheit zum schwachen Herzen?

Eine nicht ausreichende Versorgung des Herzens mit sauerstoffreichem Blut durch Engstellen der Herzkranzgefäße oder frühere Herzinfarkte mit einer dadurch ausgelösten Narbenbildung können zu einer eingeschränkten Pumpleistung des Herzens und damit einer Herzschwäche führen. Dies ist auch der häufigste Grund hierfür und verantwortlich für die Herzschwäche bei zwei von drei Patienten. Üblicherweise lässt sich dieser Verdacht mit einem Herzkatheter klären. Wenn die koronare Herzerkrankung mit Stents oder auch durch eine Bypassoperation behandelbar ist, kann hierdurch auch die Herzschwäche verbessert werden.

Welche anderen Ursachen können zu einem schwachen Herzen führen?

Neben der koronaren Herzerkrankung spielt als häufiges Problem ein langjähriger nicht oder nicht ausreichend behandelter Bluthochdruck eine Rolle bei der Entstehung der Herzschwäche. Daneben gibt es aber eine Vielzahl an Gründen, wie z. B. Herzklappenfehler, abgelaufene Herzmuskelentzündungen oder auch genetische Herzmuskelerkrankungen, die zu einer Herzschwäche führen können. Auch ein langjähriger Alkoholkonsum oder Einnahme von Medikamenten (z. B. Zytostatika) können eine Herzschwäche auslösen.

Wie sieht die Therapie heute aus?

Da üblicherweise die Herzschwäche keine eigenständige Erkrankung, sondern in der Regel Folge einer Grunderkrankung wie einer koronaren Herzerkrankung oder eines Bluthochdruckes ist, muss zunächst die Grunderkrankung behandelt werden. Die Therapie hat 2 Ziele, zum einen das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen, zum anderen die Symptomatik zu lindern, also Lebenserwartung und Lebensqualität zu verbessern. Neben der medikamentösen Therapie, die anfangs üblicherweise aus einem ACE-Hemmer und einem Betablocker besteht, wird bei weiter bestehenden Symptomen die Therapie über verschiedene andere Medikamente eskaliert.

Kommt auch ein Schrittmacher infrage?

Sind die normalen Therapieoptionen ausgereizt, kann bei bestimmten Patienten ein sogenannter Dreikammerschrittmacher eingebaut werden, der die Auswurfleistung des Herzens verbessern kann. Anders als bei einem "normalen" Schrittmacher, der das rechte Herz stimuliert, werden hierbei beide Herzkammern stimuliert. Davon unterscheiden muss man Defibrillatoren, die nicht die Pumpleistung verbessern, sondern die als Schutz vor potenziell lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen eingebaut werden. Für die Fälle mit weit fortgeschrittener Herzschwäche, die auch hochsymptomatisch sind, können Kunstherzen helfen, in schweren Fällen kann auch die Notwendigkeit einer Herztransplantation bestehen.

Expertenrat in den Herzwochen

Professor Michael Schoppet ist Chefarzt der Kardiologie, Angiologie des Agaplesion ev. Krankenhaus und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Die Deutsche Herzstiftung organisiert jedes Jahr Veranstaltungen zum Thema Herzgesundheit. In diesem Jahr stehen Ursachen und Therapie für das schwache Herz im Fokus. Telefonsprechstunden gibt es am Donnerstag, dem 5. November, 18.30 bis 20 Uhr, Tel. 0641/9606-333 sowie am Mittwoch, dem 18. November, 10 bis 11 Uhr, Telefon 0641/985-43870. Teilnehmen werden Experten des Agaplesion Ev. Krankenhaus Gießen, des Herz- und Gefäßzentrums Marburg, des Universitätsklinikums Gießen und Marburg und der Herzstiftung. Online-Seminare gibt es am Donnerstag, 5. November, 17 bis 18.30 Uhr, und am Mittwoch, 18. November, von 17 bis 19 Uhr. Infos: www.herzstiftung.de/herzwochen2020 - Bereich "Termine/Veranstaltungen.

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