Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und die beiden Jugendamtsleiter Holger Philipp und Annette Pradel (von links) nehmen im GAZ-Interview Stellung zur vielstimmigen Kritik von Leserinnen und Lesern an der Arbeit der städtischen Behörde. FOTO: FRIEDRICH
+
Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und die beiden Jugendamtsleiter Holger Philipp und Annette Pradel (von links) nehmen im GAZ-Interview Stellung zur vielstimmigen Kritik von Leserinnen und Lesern an der Arbeit der städtischen Behörde. FOTO: FRIEDRICH

Kritik teils eingeräumt

Gießener Jugendamt justiert sich neu

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Das Jugendamt leiste in den allermeisten Fällen gute Arbeit, sagen die Verantwortlichen zu der vielstimmigen Kritik. Unter neuer Leitung wolle die Behörde besser kommunizieren und bürgerfreundlicher werden. Das brauche Zeit.

Eltern in Not werden "abgekanzelt", die Fachkräfte scheinen sich "wegzuducken": An diesen Problemen arbeite das Jugendamt. Das erklären Stadträtin Gerda Weigel-Greilich sowie die Amtsleiter Annette Pradel und Holger Philipp im GAZ-Gespräch über die vielstimmige Kritik insbesondere am Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Nachdem die Abteilungsleiterin im Frühjahr versetzt wurde, sollen eine neue Doppelspitze und zusätzliche Teamleitungen für mehr Bürgerfreundlichkeit sorgen.

Der ASD kümmert sich um Familien, die Unterstützung brauchen, und um Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung. "Das Arbeitsgebiet ist belastend und komplex", sagt Philipp. Die Stadt Gießen habe das Personal in den letzten 15 Jahren stetig aufgestockt. Insgesamt hat das Jugendamt 240 Mitarbeiter. Die Hälfte davon sind Erzieherinnen und Erzieher in den städtischen Kitas.

Der Bestand im ASD wuchs von 10 auf 16 Vollzeitstellen, auf denen derzeit 24 Personen beschäftigt sind. Reicht das aus? "Wie man es nimmt", sagt Philipp. Als Richtwert gelten 30 längerfristige "Fälle" plus 15 Gefährdungsmeldungen pro Stelle und Jahr. Die Gießener Fachkräfte betreuen im Schnitt 23 Fälle, aber dazu 37 Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung.

Diese müssen oft sofort aufwendig bearbeitet werden. Anderes bleibt dann liegen. Ob eine spezialisierte "Eingreiftruppe" bei einem überschaubaren Team sinnvoll wäre, wird schon lange diskutiert. "Es hätte Vor- und Nachteile", sagt Philipp. Weil das Personal nach einem Generationenwechsel überwiegend jung und weiblich ist, gebe es häufig Elternzeit, aber nicht auffallend viele Kündigungen.

"Fachlich-theoretisch waren und sind wir sehr gut aufgestellt", meint Weigel-Greilich. Doch über sieben Jahre seien die Abläufe zunehmend zu stark auf die damalige Abteilungsleiterin fokussiert gewesen, auch wenn Entscheidungen stets im Team getroffen worden seien.

Diese Entwicklung habe gute Gründe gehabt: Zuvor habe es zu wenig Struktur gegeben, und natürlich gelte es mit Steuergeld sorgsam umzugehen und transparente, für alle gleiche Entscheidungskriterien zu haben. "Es war nicht alles falsch, im Gegenteil, in der Sache meist richtig. Die Art und Weise des Umganges hat oft nicht gestimmt", unterstreicht Weigel-Greilich. Die Abteilungsleiterin habe aus fachlicher Überzeugung gehandelt. Doch einiges sei "aus dem Ruder gelaufen".

Das betreffe die Haltung gegenüber Eltern, freien Trägern, Schule, anderen Beteiligten sowie das "Mauern" und die schlechte Erreichbarkeit. "Es gab Fälle, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ohne Rücksprache mit der Abteilungsleitung Kontakt aufnehmen sollten." Manchmal sei Zeit "verschwendet" worden - etwa mit endlosen Diskussionen darüber, ob ein Kind mit Unterstützungsbedarf eine weiterführende Schule besuchen darf. Weigel-Greilichs Ziel: Künftig sollen Eltern spätestens nach einer Woche eine Rückmeldung im bürgerfreundlichen Ton erhalten, in dringenden Fällen natürlich auch sofort.

"Einsparvorgaben hat es nie gegeben", betont Philipp. Die Stadt komme ihrer gesetzlichen Pflicht nach, "notwendige und geeignete" Unterstützung zu gewähren. Derzeit wachse die Zahl der teuren spezialisierten Maßnahmen. Aktuell liegen die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung bei 11 Millionen Euro, Höchststand waren rund 16 Mio.

Zu weit gegangen sei indes die Reduzierung bei niedrigschwelliger Unterstützung, so die Stadträtin. In wenigen Jahren schrumpften die Ausgaben für "sozialpädagogische Familienhilfe" von gut einer Million auf 200 000 Euro. Zwar gab es auch dafür Gründe, so Weigel-Greilich, vor allem die Gefahr, dass Helfer zum "Teil des problematischen Familiensystems" werden. Aber eine "Neujustierung" sei nötig, ohne "alles über den Haufen zu werfen, was gut war". Das könne nur schrittweise gelingen.

An wen können sich Eltern wenden, wenn sie mit einer Entscheidung des Amts nicht einverstanden sind? "An die Amtsleitung oder an mich", sagt Weigel-Greilich. Sie sehe keine Notwendigkeit, transparenter auf diese Möglichkeit hinzuweisen, denn das könne ja nicht auf jedem Hilfebescheid vermerkt werden. Und es sei üblich, sich bei Beschwerden an die nächsten Vorgesetzten zu wenden.

"Wir verstehen uns als Sozialdienstleister" sagt Pradel. "Wir wünschen uns, dass stärker wahrgenommen wird, was gut läuft." Für viele Kinder, Jugendliche und Familien "werden die Ziele in den Hilfen erreicht". Das sei die Regel, nicht die Ausnahme, betont Philipp. "Es war immer unser Ansinnen, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen. Dies gelingt uns, bis auf einige wenige Einzelfälle, gut. Hieran arbeiten wir."

Pädagogik gestärkt mit Doppelspitze

Zwei der drei GAZ-Interviewpartner überblicken die Entwicklungen im städtischen Jugendamt schon über lange Zeit. Die 61-jährige Stadträtin Gerda Weigel-Greilich (Grüne), von Haus aus Germanistin, ist seit ihrem Einzug in den hauptamtlichen Magistrat im Jahr 2006 Jugenddezernentin. Holger Philipp (58), Verwaltungsfachwirt und Betriebswirt, kam 2002 als stellvertretender Leiter ans Jugendamt Gießen und führt es seit 2011. Seit Frühjahr 2019 verantwortet Annette Pradel den pädagogischen Bereich. Die Sozialpädagogin ist seit 1991 in Jugendämtern tätig. Ihre Vorgängerin Gabi Keiner war formal Philipps Stellvertreterin. Nach ihrer Kündigung 2018 wurde dieser Bereich gestärkt. Pradel bildet nun mit dem Kollegen die erste Doppelspitze eines Amts bei der Stadtverwaltung Gießen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare