Ein Pfund für den Gießener Einzelhandel: Die Verschönerung der Fußgängerzone vor zehn Jahren.
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Ein Pfund für den Gießener Einzelhandel: Die Verschönerung der Fußgängerzone vor zehn Jahren.

Attraktive City

Gießen: Seltersweg und Co. vor Veränderungen - Konkrete Maßnahmen stehen an

  • Burkhard Möller
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Die Corona-Pandemie hat den stationären Einzelhandel schwer getroffen und eine Debatte befeuert, die schon vor der Lungenseuche geführt wurde: Wie sehen die Innenstädten mit ihren Fußgängerzonen künftig aus? Wer die Frage an den Magistrat der Stadt richtet, erhält interessante Antworten.

Wer hätte das gedacht, dass in Frankfurt einmal so kleinlaut über die eigene Innenstadt berichtet wird. »Jetzt trifft es auch die Zeil« lautete am vorvergangenen Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) eine Überschrift. Ganzseitig wurde am Beispiel der Frankfurter Einkaufsmeile der Frage nachgegangen, ob den deutschen Innenstädten - beschleunigt durch die coronabedingten Umsatzverluste - die Verödung droht. Gegen Ende des Artikels wurde eine Lösungsmöglichkeit erörtert: die Gründung sogenannter Business Improvement Districts. Die gibt es in Gießen bereits seit fast 15 Jahren.

Die finanzielle Feuerkraft der BID-Selbstverwaltungsvereine, in denen sich Hauseigentümer und Einzelhändler zusammengeschlossen haben, wird aber nicht reichen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Die Stadt, die mit ihrer Planungshoheit letztlich definiert, wohin sich Gießen entwickelt, ist ein ganz entscheidender Faktor und hat auch ein Ziel vor Augen. »Die Innenstadt muss ein Erlebnisort werden«, sagt Frank Höllscheidt, der seit Beginn des Jahres die städtische Abteilung Wirtschaftsförderung leitet.

Höllscheidt stammt aus dem Rheinland und war angenehm überrascht, als er die Gießener Fußgängerzone sah: »Wir haben hier eine fantastische Aufenthaltsqualität«.

Geschaffen wurde die vor rund zehn Jahren mit dem Umbau der Fußgängerzone sowie durch den Siegeszug der Gastronomie durch die Haupt- und Nebenlagen der Schlappegass. Zum Gesamtpaket gehört auch das praktisch orientierte Engagement der mittlerweile noch drei BID-Vereine. »Wir stehen weit besser da als viele andere Städte«, stellt Planungsamtsleiter Holger Hölscher fest.

Gießen: »Gastromeilen« keine Lösung

Aber auch der Amtsleiter und sein Chef, Bürgermeister Peter Neidel, haben bereits vor Corona registriert, dass der Einzelhandel an Boden verliert. »Es gab da schon Einbußen bei Umsatz und Zentralität«, weiß Hölscher. In den Geschäften sehen die Stadtvertreter gleichwohl auch in Zukunft das wichtigste Standbein der City, eingebettet in den »richtigen Mix«, wie Neidel betont.

In Gießen erwartet man wie anderswo auch, dass sich der Einzelhandel in der Fußgängerzone künftig auf die Erdgeschosse beschränken wird, nimmt man große Häuser wie Karstadt oder das Katharinen-Karree aus. Zur Blaupause könnte das seit einem Jahr leerstehende P+C-Gebäude werden. Mit dem Eigentümer, der gerade mit interessierten Mietern verhandelt, steht die Stadt in Kontakt. »Das Konzept kennen wir noch nicht«, sagt Hölscher, der sich neben Geschäften im Erdgeschoss Büros in den oberen Etagen vorstellen kann. Bei anderen Gebäuden seien natürlich auch Wohnungen eine Option. Auch an den Themen Sting und Karstadt-Lebensmittelabteilung, wo demnächst ein Leerstand droht, sei man dran, heißt es aus der Runde.

Vor wenigen Tagen saßen die städtischen Ämter zudem zum Thema Innenstadt-Gastronomie mit den BIDs, Gießen aktiv und weiteren Akteuren in großer Runde zusammen. Dabei sei es auch um die Grenzen des außengastronomischen Wachstums zwischen Elefantenklo und Kirchenplatz gegangen. Einerseits gibt es die beim Brandschutz und der Blindenleitung baulich, andererseits auch konzeptionell. Durchgängige Gastromeilen sind nicht das Ziel der Stadt. »Wir wollen schon im Erdgeschossbereich eine von Gaststätten unterbrochene Durchgängigkeit mit Läden erhalten«, erklärt Hölscher.

In näherer Zukunft steht die Umsetzung einiger konkreter Maßnahmen zur Stärkung der Innenstadt an:

Wochenmarkt: Laut Neidel ist geplant, den Wochenmarkt auch nach der Coronazeit im Bereich Kirchenplatz zu belassen. »Die jetzige Aufstellung kommt bei den Kunden gut an und stärkt die Wegebeziehung zur Fußgängerzone«, sagt der Planungsdezernent.

Straßenmusik: Die Stadt will selbst gute Straßenmusiker verpflichten und »gezielt« zur Unterhaltung der Innenstadt-Besucher auftreten lassen. Neidel: »Die BIDs fanden die Idee gut«.

Pop-up-Stores: Drohende Leerstände will die Wirtschaftsförderung mit Pop-up-Stores überbrücken. Das sind Läden, in denen Geschäftsleute mit kreativen Ideen, die die normalen Ladenmieten nicht zahlen können, die Neugier der Kunden wecken sollen. »Da kann man halt nicht sagen, in das Geschäft kann ich auch noch in fünf Wochen mal reingucken, da muss man gleich hin«, erklärt Höllscheidt den Effekt. Für die Idee sollen betroffene Hauseigentümer gewonnen werden.

Neustadt: Aus dem Verkehrsversuch mit der Einbahnstraßenführung wird angesichts der positiven Erfahrungen wohl ein Dauerzustand. Neidel: »Nachjustieren müssen wir in der Albert-Schweitzer-Straße mit einer Einbahnstraße«. Mit der Verkehrsberuhigung komme man dem Ziel, die fußläufige Wegebeziehung zwischen Fußgängerzone und Neustädter Tor zu verbessern, näher.

Handelsgutachten: 2021 will das Planungsamt ein neues Einzelhandelsgutachten für die Stadt erarbeiten. »Das sollte man alle zehn Jahre tun, um eine Grundlage für Weichenstellungen zu erhalten«, sagt Hölscher. Dass es mit der Fortschreibung des Masterplans in dieser Wahlperiode nicht geklappt hat, sei kein Malus: »Die Leitlinien stimmen noch.« Strategisch setzt Neidel auch auf weiteren Zuzug, denn auch der stärke den Einzelhandel. Stärkung ist das Stichwort für das Schlusswort von Hölscher: »Wir werden sehen, ob unsere Innenstadt so widerstandsfähig bleibt, wie sie das bisher war.«

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