Gießener Haushaltswissenschaften »haben Weltrang«

Gießen (kw). Drei Gründe zum Feiern sollten eigentlich im Mittelpunkt stehen bei der Tagung des Instituts für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung der Justus-Liebig-Universität am Freitag in der Uni-Aula. Doch abseits der Fachvorträge hörte man vor allem Vokabeln wie »entsetzt«, »befremdet« oder »bedauerlich«.

Zahlreiche Redner protestierten gegen das geplante Aus für den Masterstudiengang Haushalts- und Dienstleistungswissenschaften (die GAZ berichtete). Der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel sagte, er könne die Hochschule sowie den Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement vor diesem Schritt »nur dringend warnen«. JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee äußerte sich zurückhaltend.

Am Mittwochabend hat der Fachbereichsrat am beschlossen, bereits zum kommenden Semester keine Studierenden mehr für den Masterstudiengang aufzunehmen. Die Meinungsbildung sei »noch nicht abgeschlossen«, sagte Mukherjee – der bei der Sitzung am Mittwoch zugegen war – in seiner Begrüßung. Eine Neustrukturierung sei unter den finanziell engen Bedingungen an vielen Stellen nötig. Er baue auf die Weiterentwicklung der Haushalts- und Ernährungswissenschaften und »die Kraft rationaler Argumente«. Federführend sei das Dekanat.

Aufnahmestopp ist beschlossen

Im Fachbereich fühlten sie sich »unterrepräsentiert«, sagten Studierende, die einen offenen Brief und 200 Unterschriften für den Erhalt des Studiengangs übergaben. Auch Prof. Uta Meier-Gräwe als Veranstalterin forderte erneut »Unterstützung« von Seiten des Uni-Präsidiums. »Die Alltagsvergessenheit männlicher Entscheidungsträger begleitet mich seit 1994. Wir stehen immer mit dem Rücken zur Wand.« Mit dem Beschluss vom Mittwoch sei schon sehr viel mehr passiert als eine bloße »Meinungsbildung«.

Wenn der Studiengang abgeschafft wird, drohe auch Meier-Gräwes Lehrstuhl das Aus, wenn sie in fünf Jahren in den Ruhestand geht. Darauf machten die frühere Bundestagspräsidentin Prof. Rita Süssmuth (CDU) und die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt (SPD) aufmerksam. Das Institut habe »Weltrang« und sei in Deutschland inzwischen das einzige seiner Art, betonte Süssmuth. »Nicht alle Probleme werden mit Naturwissenschaft und Technik gelöst.«

Obwohl vor allem Frauen Haushaltswissenschaften lehren und studieren, handle es sich keineswegs um »weiche Weiberthemen«, nahm Schmidt den Ball auf. Die ganze Gesellschaft brauche die interdisziplinäre Grundlagenforschung. Auch die Politik sei angewiesen auf Fachleute wie Meier-Gräwe, die etliche Gutachten unter anderem für die Bundesregierung mitverfasst hat.

Im Pressegespräch am Mittag stellte sich mit Schäfer-Gümbel ein weiterer Prominenter hinter diese Appelle. Die Haushaltswissenschaften samt Masterstudiengang seien ein »Pfeiler«, ohne den der Fachbereich »langfristig keine Zukunft haben« werde, meinte der hessische SPD-Chef.

Einen weiteren Offenen Brief an Mukherjee übergaben Prof. Angelika Sennlaub von der Hochschule Niederrhein und Martina Feulner von der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft. Nur in Gießen könne noch wissenschaftliches Lehrpersonal ausgebildet und Grundlagenforschung betrieben werden, erklärten sie. Wenn der Studiengang wegbräche, drohe das Aus für die Oecotrophologie insgesamt in Deutschland.

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