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Dimitri Skartsanis überreicht das Essen an seinen Mitarbeiter Cihan Aktas. Der bringt es in die Weststadt. FOTO: CHH

Lieferservice

Gießener Geschmacksverkehr auf Rädern

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In Gießen bieten mehrere Gastronomen in der Krise einen Lieferdienst an. Auch das Geschmacksverkehr. Durch die Einnahmen kann Dimitri Skartsanis seinen Laden am Leben halten. Wie lange?

Hat er jetzt vierter oder siebter Stock gesagt? Cihan Aktas steht ein wenig verloren mit einer großen Wärmebox im Treppenhaus. Durch den Mundschutz dringt ein Schnaufen. "Hallo? Hat hier jemand Essen bestellt?" Keine Antwort. Also wieder ganz nach unten und noch einmal klingeln. Kein Zweifel: Für die Mitarbeiter eines Restaurants, das normalerweise keine Speisen nach Hause bringt, ist ein Lieferservice mit einigen Hürden verbunden. Das merken in diesen Tagen viele Gießener Gastronomien, die aufgrund der Corona-Krise ein neues Geschäftsmodell aus dem Boden gestampft haben. Vor allem, wenn das Essen in eines der höchsten Wohnhäuser der Stadt geliefert werden soll.

Eine halbe Stunde zuvor: Von außen sieht man dem Restaurant in der Mäusburg nicht an, dass hier gerade eifrig gekocht wird. Doch in der Küche herrscht Hochbetrieb. Sechs Mitarbeiter tummeln sich am Herd und bereiten mit blauen Gummihandschuhen Speisen zu. Auch Chef Dimitri Skartsanis packt mit an. "Das Ausliefern ist eine Umstellung für uns", sagt der Grieche, "wir machen ja keine Pizza, die man einfach in einen Karton schieben kann." Das Team habe daher die Speisekarte leicht modifiziert und zudem tüfteln müssen, wie die frisch zubereiteten Speisen am besten transportiert werden können. Ein Problem, mit dem auch die anderen Lieferneulinge zu kämpfen hatten.

In Gießen gibt es etliche Lieferdienste. Seit den strikten Verordnungen im Zuge der Corona-Pandemie sind einige dazugekommen. Gastronomen, die ihre Kunden normalerweise in ihren Restaurants bewirten, setzen jetzt auf Essen auf Rädern. Es ist eine Notlösung, um wenigstens ein bisschen Geld in die Kasse zu bekommen. Über einen längeren Zeitraum lässt sich die Branche aber so nicht retten.

"Ich bin Grieche, kein Planer", sagt Skartsanis auf die Frage, wie lange er die aktuelle Situation durchhalten könne. Das Lachen vergeht ihm aber schnell. "Zwei, drei Monate vielleicht. Danach wird es richtig eng."

Das sonst gut besuchte Restaurant muss derzeit mit deutlich weniger Kunden auskommen. "Unter der Woche sind es am Tag oft nicht mehr als zehn Bestellungen", sagt Skartsanis, während er gerade ein Pita-Brot ausrollt. "Am Wochenende ein paar mehr."

Zum Glück ist heute Wochenende. Das Telefon klingelt. Eine Bestellung nach Linden. Dann noch eine. "Normalerweise liefern wir im Radius von zehn Kilometern", sagt Skartsanis. Wenn wenig los sei, bringe das Team das Essen aber auch schon mal nach Aßlar oder Wetzlar. Für die nächste Bestellung muss Mitarbeiter Cihan Aktas nicht so weit fahren. Zwei Grillteller und ein Hähnchenbrustsalat sollen in die Weststadt gebracht werden. Während das Küchenteam die Speisen zubereitet, gibt Aktan Einblicke in seinen neuen Job als Auslieferer. "Ich trage Schutzmaske und Handschuhe. Manchen Kunden reicht das und sie nehmen mir das Essen aus der Hand." Es gebe aber auch welche, die ihn aufforderten, die Lieferung abzustellen, zwei Meter zurückzutreten und dann das abgelegte Geld einzusammeln, wenn die Tür wieder geschlossen sei. "Aber das ist okay. Momentan ist alles anders."

Das Essen ist fertig. Also verfrachtet Skartsanis Grillteller und Salat in einen Wärmebehälter. Aktan schnappt sich die Box und eilt zum Smart. Ab in den Kropbacher Weg.

"Hier oben", ruft Thomas Lambright aus dem siebten Stock. Mit einem breiten Lächeln empfängt er seine Essenslieferung. Er sagt, dass seine Frau sehr gerne ins Geschmacksverkehr gehe, und auch in Krisenzeiten wollten sie nicht auf die griechischen Speisen verzichten. "Abgesehen davon wollen wir die heimischen Restaurants unterstützen." Lambright zahlt, gibt ein Trinkgeld und verabschiedet sich. "Lassen Sie es sich schmecken", erwidert Aktan. "Und bleiben Sie gesund."

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