In der Pestalozzistraße ereignet sich am 1. Juni 1993 ein Doppelmord. Zuvor hat der Täter in Frankfurt eine weitere Person umgebracht. FOTO: SCHEPP
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In der Pestalozzistraße ereignet sich am 1. Juni 1993 ein Doppelmord. Zuvor hat der Täter in Frankfurt eine weitere Person umgebracht. FOTO: SCHEPP

"Mord verjährt nicht"

Als der Gießener Geologe drei Menschen tötete

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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In der Gießener Kriminalgeschichte war es eines der schlimmsten Verbrechen der jüngeren Zeit: Der Geologe Hans-Peter B. tötet im Juni 1993 seine Mutter, seine Schwiegermutter sowie die Ehefrau. Blick auf eine Tragödie, an deren Anfang ein Unfall in Nigeria steht.

An jenem Dienstagabend im Juni 1993 steht ein Mann vor der Tür eines Hauses an der Pestalozzistraße in Gießen und wartet auf die Polizei. Als die Beamten eintreffen, wirkt er sachlich und freundlich, wird sich ein Fahnder später erinnern. Auch bei seiner Vernehmung im Polizeipräsidium am Berliner Platz attestiert ein Ermittler dem 57 Jahre alten Hans-Peter B. ein "normales Verhalten" - das in dieser Situation jedoch absolut unnormal gewesen sei. Denn der Geologe hatte zuvor in Frankfurt seine Mutter und kurze Zeit später in Gießen seine Schwiegermutter sowie seine Ehefrau ermordet.

Der Tathergang

Es ist Dienstagmorgen nach Pfingsten - der 1. Juni 1993. In der Pestalozzistraße bringt eine in einem Mehrfamilienhaus lebende 81 Jahre alte Frau den Müll raus. Sie weiß nicht, dass sich ihr 57 Jahre alter Schwiegersohn im Keller des Gebäudes versteckt. Als dieser die Seniorin hinausgehen hört, schleicht er sich in ihre Wohnung und lauert ihr auf. Dann schlägt Hans-Peter B. der Frau mit einem Hammer mehrfach auf den Kopf, schleppt sie ins Bad, lässt Wasser in die Wanne ein und ertränkt sie. Er nimmt aus der Wohnung seiner Schwiegermutter den Haustürschlüssel der von ihm geschiedenen Ehefrau. Sie wohnt ebenfalls in dem Mehrfamilienhaus. Er geht in deren Wohnung und wartet dort auf die 50-Jährige. Gegen 13 Uhr kommt sie von der Arbeit nach Hause. Auch auf sie schlägt der Mann, der an jenem 1. Juni Geburtstag hat, mit dem Hammer ein. Auch sie legt er in eine Wanne - und wirft dann einen Fön hinein. Genauso vorgegangen ist er am 29. Mai in Frankfurt: Dort hat er seine 85 Jahre alte Mutter getötet: Sie wird mitsamt eines ans Stromnetz angeschlossenen Föns und Kopfverletzungen in ihrer Badewanne gefunden.

Der Täter

Hans-Peter B. ist hochintelligent. Freunde, die ihn seit über 20 Jahren kennen, beschreiben ihn als "liebenswürdigen, witzigen, charmanten Mann", der ein "harmonisches Familienleben" geführt habe. Auch die zwei Töchter werden später vor Gericht von einem "liebevollen, lustigen Vater" sprechen. Es sei eine schöne Kindheit gewesen. Bis 1986. In jenem Jahr weilt Hans-Peter B. wegen eines Lehrauftrags an einer Universität in Nigeria. Eine seiner Töchter begleitet ihn dorthin. Hier kommt es zu einem Verkehrsunfall: Hans-Peter B. erleidet schwere Verletzungen, unter anderem ein Schädelhirntrauma, und verbringt monatelang in Krankenhäusern. Nach seiner körperlichen Genesung bemerken Freunde und Familie, wie sich Hans-Peter B. verändert: Er wird vergesslich, leidet unter Sehstörungen und weint viel. "Wir haben ihn nicht wiedererkannt", sagt eine seiner Töchter vor Gericht.

Nach einem zweiten Afrikaaufenthalt 1988 verschärft sich die Situation. Ihrem Vater, sagt eine Tochter, sei es immer schwerer gefallen, mit der Enge der Familienwohnung zurechtzukommen; ihm habe die afrikanische Lebensweise gefehlt. Ab Februar 1990 habe er sich aggressiv gegenüber anderen Menschen verhalten: Studenten, die ebenfalls in dem Haus an der Pestalozzistraße wohnen, bedroht er mit einer Axt. Seiner Familie schildert er detailliert, wie er die jungen Menschen umbringen will - weil sie zu laut seien.

Daraufhin habe die Familie beschlossen, ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen, erzählen die Töchter während des Prozesses. Nach der Behandlung in zwei psychiatrischen Kliniken geht es ihm Anfang 1991 augenscheinlich besser. Doch kaum zurück bei der Familie, entfremdet er sich von seinen Lieben mehr und mehr. Zu dieser Zeit fällt er mit kruden Ideen auf. So habe er öffentlich erzählt, alle Menschen über 80 sollten umgebracht werden, weil sie eine Last für die Gesellschaft seien, heißt es vor Gericht. Im Mai 1992, es ist Muttertag, schlägt Hans-Peter B. zum ersten Mal seine Ehefrau - ins Gesicht. Trotzdem versucht die Familie, weiter auf ihn einzuwirken. Sie seien traurig und besorgt gewesen, erzählt eine Tochter später. "Das ganze Familienleben drehte sich um meinen Vater."

Die Eskalation folgt Ende 1992: Hans-Peter B. plündert die Konten der Ehefrau und verweigert seinen Angehörigen den Zugang zu den Geldern. Daraufhin lässt seine Familie die Schlösser der Wohnungstür austauschen. Als er dies bemerkt, belagert der Mann das Haus, stellt Strom und Heizung ab und versucht, die Türen aufzubrechen. "Wir hatten damals Todesangst vor ihm", sagt eine Tochter. Die Polizei nimmt Hans-Peter B. fest und bringt ihn in die Psychiatrie an der Licher Straße. Dort wird er nach 14 Tagen entlassen. Als eine Tochter ihrem Vater im April 1993 in Gießen begegnet, grüßt er sie nicht. Zu seinem Geburtstag am 1. Juni 1993 schickt sie ihm trotzdem eine Postkarte. An jenem Tag lebt die Mutter des Geologen bereits nicht mehr; auch die Schwiegermutter und Ehefrau hat er da wohl schon getötet.

Der Prozess

Am 5. September 1994 beginnt der Prozess gegen Hans-Peter B. In Gießen wird hessenweit juristisches Neuland betreten: Zum ersten Mal wird im Rahmen eines Sicherungsverfahrens, bei dem es um eine mögliche Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus geht, ein Nebenkläger zugelassen. Alleine die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Statt der geplanten sieben Sitzungstage werden es 31 - über mehrere Monate hinweg. Rund 150 Stunden lang verhandeln drei Berufs- und zwei Laienrichter sowie ein Staatsanwalt, ein Rechtsvertreter der beiden Töchter sowie bis zu drei Anwälte des Angeklagten den Fall. 53 Zeugen werden gehört, die Hauptakte umfasst mehr als 1000 Blatt.

Die lange Verhandlungsdauer hat mehrere Gründe: In einem Sicherungsverfahren legen Gesetzgeber und Gerichte besonders strenge Maßstäbe an den Tag. Hinzu kommt der Angeklagte selbst: Hans-Peter B. nutzt jede Möglichkeit, um in die Verhandlung einzugreifen. Es kommt zu stundenlangen Monologen; das Gericht hat kaum eine Chance, ihn zu bremsen. Aber vielleicht wollen die Richter dies auch nicht. Denn die Einlassungen des Geologen helfen den Verfahrensbeteiligten dabei, sich ein Bild von ihm zu machen: So bestreitet er nicht, die drei Frauen getötet zu haben. Seine Mutter zum Beispiel habe er nach einem Telefonat zwischen ihr und seiner Ehefrau erschlagen. Er sei "erregt" gewesen, weil die 85-Jährige gesagt hätte: "Wenn deine Frau recht hat, gehörst du in die Psychiatrie." Er habe aber nicht aus "Böswilligkeit" gehandelt. Vielmehr habe es einen Komplott seiner Familie, von Ärzten und Anwälten gegen ihn gegeben, um ihn "zu ruinieren". Auch habe der sowjetische Geheimdienst mitgemischt. Die Gutachten erinnerten ihn an "schwarze Magie" und "Vodoo", sagt er.

Der psychiatrische Gutachter attestiert Hans-Peter B. für den Tatzeitpunkt ein "organisch bedingtes Persönlichkeitssyndrom". Aussicht auf Besserung bestehe nicht. Typisch für dieses Krankheitsbild seien Instabilität der Gefühle, Aggressionszustände, krankhafter Argwohn und paranoides Verhalten. Apathisch-depressive Phasen wechselten sich mit euphorisch-enthemmten Phasen ab. Einsichtsfähig war der Geologen laut Gutachter bei den Taten; er habe genau gewusst, was er tut.

Nur sei seine Steuerungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt gewesen. Der Psychiater umschreibt das so: Das skurrile Verhalten des Angeklagten führe zu einer ablehnende Haltung seiner Umgebung, was dieser wiederum als Komplott deute. "Er selbst ist es, der den Kreislauf in Gang setzt." Die Fünfte Große Strafkammer des Landgerichts Gießen ordnet schließlich an, Hans-Peter B. in einer Psychiatrie unterzubringen. 1995 verwirft der Bundesgerichtshof die Revision.

Die Warnung

Hätte die Tragödie verhindert werden können? Es mag müßig sein, darüber zu spekulieren. Fakt ist jedoch: Am 31. Mai meldet sich die Frankfurter Kripo bei den Gießener Kollegen - zwei Tage nach dem Tod der Mutter und einen Tag vor dem Tod der Schwiegermutter und Ehefrau von Hans-Peter B. Die Polizei soll die Augen offen halten, ob der Geologe mit seinem Kleinbus in der Pestalozzistraße auftaucht. Als die Ermittler dies spätabends machen, sehen sie sein Fahrzeug nicht. Das können sie auch nicht: Hans-Peter B. ist nach dem Mord an seiner Mutter in einem Hotel im Sauerland abgestiegen, bevor er am 1. Juni nach Gießen fährt. Hier parkt er seinen Bus an der Ringallee und läuft zum Mehrfamilienhaus an der Pestalozzistraße.

Die Frankfurter Ermittler bitten die Gießener Polizei, sich nicht an die Ehefrau zu wenden: Es soll ausgeschlossen werden, dass der Geologe von ihr gewarnt wird oder sich das Leben nimmt. Als sich die Indizien verdichten, dass Hans-Peter B. seine Mutter ermordet haben könnte, folgt die Order aus Frankfurt: Sofort festnehmen! Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Geologe bereits im Keller des Mehrfamilienhauses versteckt.

Info: Sicherungsverfahren

Ein Sicherungsverfahren wird eröffnet, wenn ein normales Strafverfahren wegen Strafunfähigkeit nicht möglich ist. Am Ende wird der Angeklagte nicht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Es geht dann um die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt. Wie lange er dann dort bleiben muss, liegt in der Entscheidung der Fachärzte, die ihn regelmäßig begutachten.

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