Drei Tage Schule, zwei Tage Praxis: Bei der "PivA"-Ausbildung wachsen angehende Erzieherinnen und Erzieher von Anfang an in den Alltag "ihrer" Kita hinein. SYMBOLFOTO: DPA
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Drei Tage Schule, zwei Tage Praxis: Bei der "PivA"-Ausbildung wachsen angehende Erzieherinnen und Erzieher von Anfang an in den Alltag "ihrer" Kita hinein. SYMBOLFOTO: DPA

Erste Klasse gestartet

Gießener freuen sich: Endlich Geld für Kita-Ausbildung

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Der Fachkräftemangel in Kindertagesstätten hat es möglich gemacht: Eine neuartige Ausbildung zur Erzieherin oder Erzieher wird von Anfang bezahlt. Das Interesse ist groß. Manchen hat "PivA" den Weg in den Beruf erst geebnet. Doch noch ist die Finanzierung nicht auf Dauer gesichert.

Erzieherin werden, das konnte sich Leonie Kochte durchaus vorstellen. Aber fünf Jahre Lernen, die ersten beiden ohne Verdienst - das kam für die Quereinsteigerin nicht in Frage. "Ich hätte die Ausbildung niemals angefangen." Nun ebnet ihr "PivA" den Weg. Die junge Frau gehört zu den Pionierinnen in der "Praxisintegrierten vergüteten Ausbildung" in Gießen. Die Aliceschule erhielt deutlich mehr Bewerbungen, als Plätze zur Verfügung stehen.

Immer mehr und jüngere Kinder brauchen Betreuung, für viele Erzieherinnen ist die Rente in Sicht: Der Fachkräftemängel in den Kindertagesstätten verschärft sich stetig. Damit gerät der Zugang in den Beruf ins Blickfeld. Neben der klassischen Vollzeitausbildung mit anschließendem Anerkennungsjahr hat sich eine Teilzeitform an der Fachschule etabliert sowie Frühpädagogik-Studiengänge, auch an der Justus-Liebig-Universität. Zwar ist auch dabei eine Finanzierung des Lebensunterhalts über Bafög oder Bildungsgutscheine möglich. Doch eine Ausbildung mit Vergütung von Anfang an kommt einem Quantensprung gleich.

An der Aliceschule ist die erste Klasse mit 31 Schülerinnen und Schülern nun gestartet. An drei Tagen in der Woche haben sie je acht Stunden Unterricht, die beiden anderen verbringen sie in ihrer Kita.

"Ich finde es richtig und äußerst wichtig, dass gerade diese Ausbildung vergütet wird", erklärt Emily Smith der GAZ. Gäbe es PivA nicht, so würde sie - ihre zweijährige Ausbildung zur Sozialassistentin mitgerechnet - "insgesamt vier Jahre keinen einzigen Cent verdienen". Die Bezahlung mache den Beruf attraktiver und ermögliche manchen die Ausbildung erst, ergänzt Marie David. Alle drei jungen Frauen heben als weiteren Vorteil die Verbindung von Theorie und Praxis hervor. Die Kitas und ihre Träger seien wichtige Unterstützer.

Die mussten freilich erst einmal klären, wie sie die Vergütung stemmen können. Zunächst kommt der Großteil des Geldes aus der Fachkräfte-Offensive von Bund und Land. Diese Programme decken jedoch nicht den Bedarf. Für die Stadt Gießen hat der Magistrat den Trägern in einem Grundsatzbeschluss zugesichert, ein etwaiges Defizit aufzufangen. Die langfristige Finanzierung ist noch nicht geklärt.

Arbeitsbelastung ist höher

"Die Aussicht, vom ersten Tag an entlohnt zu werden, ist für viele Bewerberinnen und Bewerber reizvoll", weiß Carsten Böhmer, Abteilungsleiter Sozial- und Heilpädagogik an der Aliceschule. Dreh- und Angelpunkt bei PivA seien die Ausbildungsplätze vor Ort. Die Träger hätten mehr zur Verfügung gestellt als erhofft. Diese hohe Bereitschaft sei "sehr erfreulich", so Böhmer. Wie viele Plätze es künftig zuverlässig geben wird, sei noch offen. Es gebe positive Signale für eine Verstetigung.

"Grundsätzlich ist es das Ziel, die PivA-Form zu verstetigen." Wie die Studierenden die höhere Arbeitsbelastung bewältigen, müsse sich noch zeigen. Es sei wichtig, dass der "Breitband-Charakter" der Ausbildung erhalten bleibt. Die Azubis müssen den Stoff in komprimierter Form lernen, Prüfungen ablegen und erhebliche Teile der Schulferien in ihren Einrichtungen arbeiten.

Jede Ausbildungsform sei "für unterschiedliche Bewerbergruppen geeignet", sagt Böhmer. Stets mehr Interessierte als Plätze gebe es auch für die drei Vollzeit-Fachschulklassen mit insgesamt 90 Plätzen, die jedes Jahr beginnen. Der Abteilungsleiter glaubt, dass auch die rein schulischen Wege erhalten bleiben.

Die Stadt Gießen, die die Kinderbetreuung steuert und selbst Kitas betreibt, betrachte die neue Ausbildung als "sehr gute Möglichkeit zur Gewinnung von pädagogischen Fachkräften zu sehen", erklärt Sprecherin Claudia Boje. In ihren eigenen Einrichtungen beschäftige sie derzeit vier PivA-Azubis und plane mit jährlich bis zu acht Plätzen für sie und Berufspraktikant/innen. Ein Teil der Fachkraftstunden könnte - ab dem zweiten Jahr mit steigendem Anteil - über die gesetzlichen Zuschüsse finanziert werden.

"PivA" werde die herkömmliche Erzieherausbildung wohl nicht verdrängen, so die städtische Einschätzung, aber sinnvoll ergänzen. Dies entspreche ihrem Wunsch nach "multiprofessionellen Teams" in den Kitas.

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