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Rita Koch (l.), Andreas Strauch und Eva Pfeiffer in einem der Büros, in denen gerade keine Reisen gebucht, sondern Corona-Fragen beantworten werden. SCHEPP

Corona-Hotline

Gießener Firma wird vom Reise- zum Corona-Experten

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Service-Reisen Heyne ist in Europa Marktführer für die Vermittlung von Gruppenreisen. Durch Corona war die Gießener Firma jedoch zum Nichtstun verdammt. Da die Mitarbeiter aber nicht Däumchen drehen wollten, hat sich der Reisegroßhändler für ein Pilotprojekt des Landkreises beworben und die Corona-Hotline übernommen.

Andreas Strauch öffnet das elektrische Törchen und betritt einen Garten, der durchaus als Park bezeichnet werden kann. »Das ist unser Campus«, sagt der Prokurist des Unternehmens Service-Reisen Heyne, das seit 1973 in der Rödgener Straße sitzt. In 48 Jahren sind aus einem Büro im Wohnhaus des Gründers Karl Heyne drei große Firmenbauten auf einer Gesamtfläche von 8000 Quadratmetern geworden. »Wir kaufen Reisevorleistungen in ganz Europa ein, paketieren diese und verkaufen diese Pakete an andere Reiseveranstalter wie Reisebusunternehmen oder Reisebüros. Wir sind also Reisegroßhändler«, erklärt Strauch. Mit 80 Millionen Euro Umsatz und 25 000 Gruppenreisen pro Jahr ist das Unternehmen Marktführer in Europa. Dann kam Corona. »Seitdem haben wir nahezu keinen Umsatz mehr, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit«, sagt Strauch. Das heißt aber nicht, dass die Männer und Frauen beschäftigungslos sind.

Strauch betritt eines der vielen Großraumbüros. An den Arbeitsplätzen sitzen Frauen und telefonieren. Vor Corona haben sie Hotels in der Schweiz gebucht oder Eintrittskarten für den Eiffelturm geordert. Jetzt erklären sie den Anrufern, ob sie nach einer Frankreich-Reise in Quarantäne müssen.

Mitten in der Corona-Pandemie hatte Karl Heyne Junior, zusammen mit seiner Schwester Kristiane Heyne-Strauch Inhaber des Unternehmens, die Idee, die wegen Kurzarbeit zu Hause sitzenden Mitarbeiter anderweitig zu beschäftigen. »Die Leute wollten arbeiten. Ein, zwei Monate zu Hause ist ja ganz nett, aber irgendwann ist im Garten alles gemacht und der Keller aufgeräumt«, sagt Strauch. Und so setzte sich der Prokurist ans Telefon und rief Behörden an, da er zu jener Zeit Ende 2020 vor allem dort wegen der Pandemie Bedarf an fähigen Mitarbeitern sah. Beim Landkreis Gießen wurde er fündig. »Dort herrschte Personalnot. Und da das Telefonieren zur täglichen Arbeit unserer Angestellten gehört, haben wir zum 1. Dezember die Corona-Hotline des Landkreises übernommen.« 40 der insgesamt 140 Heyne-Mitarbeiter sind so von Reise- zu Corona-Experten geworden. Inzwischen landen auch die Anrufer des Lahn-Dill-Kreises und des Heuchelheimer Impfzentrums beim Service-Reisen-Team in der Rödgener Straße.

»Am Anfang haben sich die Anrufer vor allem über Kontakt- und Urlaubsregelungen informiert. Seit drei Monaten geht es fast nur noch ums Impfen«, erzählt Rita Koch, die sich um die Einsatzpläne kümmert. Kein einfaches Unterfangen. Denn die Corona-Hotline ist strikt von den anderen Tätigkeiten des Unternehmens getrennt, zudem haben die Telefone an sieben Tagen die Woche von morgens bis abends besetzt zu sein, und nicht zuletzt muss ein Schichtbetrieb organisiert werden, damit die Corona-Berater nicht selbst zu Patienten werden.

Eva Pfeiffer arbeitet schon seit 25 Jahren für den Reisegroßhändler. Für sie sei es eine große Erleichterung gewesen, nach so langer Zeit endlich wieder arbeiten zu können. »Ich finde es aber auch toll, gleichzeitig etwas Gutes tun zu können.« Dank der Schulung, die das gesamte Team vom Gesundheitsamt erhalten hat, habe sie sich auch gut vorbereitet gefühlt, sagt Pfeiffer. Dann muss sie lachen: »Die größte Herausforderung war, mich nach 25 Jahren am Telefon nicht als Service-Reisen zu melden, sondern als Gesundheitsamt.«

Der Einsatz der Mitarbeiter ist umso bemerkenswerter, da sie weiterhin in Kurzarbeit verbleiben und somit Kurzarbeitergeld beziehen. »Daran sieht man, dass die Menschen arbeiten wollen«, sagt Strauch. Trotzdem endet dieses Kapitel für das Unternehmen bald. Und darüber sind sie alle froh. »Unsere Kollegen haben sich mit der Tätigkeit wahnsinnig identifiziert«, sagt Strauch. »Letztlich sind wir aber Vollblut-Touristiker.«

Arbeiten und Gutes tun

Ab 1. August wird das Unternehmen wieder das tun, was es am besten kann: Reisen verkaufen. Das ist auch notwendig, wie Strauch betont. »Seit Corona leben wir nur von unseren Reserven.« Der Landkreis hat laut dessen Pressesprecher Dirk Wingender zwar eine Vergütung für die Dienstleistung bezahlt, finanzielle Vorteile habe der Deal für Service-Reisen Heyne aber dennoch nicht gebracht, sagt Strauch.

Aber darum ging es dem Unternehmen auch nicht, wie der Prokurist betont. »Wir wollten unseren Mitarbeitern etwas Raum für gesellschaftliches Engagement bieten.«

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