Aleem (l.) und Nur Ud-Din Khan betreiben in der Schützenstraße einen internationalen Supermarkt. Corona hat den Cousins geholfen. 	FOTO: SCHEPP
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Aleem (l.) und Nur Ud-Din Khan betreiben in der Schützenstraße einen internationalen Supermarkt. Corona hat den Cousins geholfen. FOTO: SCHEPP

Internationaler Supermarkt

Gießener Familienbetrieb auf Wachstumskurs

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Das erste Jahr ist das schwerste: Das gilt auch für die Selbstständigkeit. Mit ihrem »Bazaar« in Gießen haben Aleem und Nur Ud-Din Khan genau diesen Schritt im November 2019 gewagt. Nun blicken sie zurück.

  • Seit November 2019 ist der „Bazaar“ in der Gießener Schützenstraße geöffnet.
  • Aleem und Nur Ud-Din Khan bieten Lebensmittel, Haushaltswaren und allerlei Kleinigkeiten an.
  • Die Corona-Pandemie hat dem Geschäft der Cousins aus Gießen nicht geschadet – im Gegenteil.

Gießen - Das prägende dicke »B« auf dem Logo könnte auch auf einen angesagten Burgerladen verweisen. Oder einen Barbershop. Mit ihren Kapuzenpullovern und den Nike-Sneakern würden die Cousins Aleem und Nur Ud-Din Khan in solche Geschäfte gut hineinpassen. Doch die Gießener kümmern sich in der Schützenstraße 1 nicht um Beef oder Bartpflege. Seit einem Jahr betreiben sie hier ihren orientalischen »Bazaar«. »Das erste Jahr bestand aus Höhen und Tiefen, aus Lernen und Disziplin«, sagt Aleem. »Aber wir machen das gerne. Schließlich ist der Laden eine Herzensangelegenheit.«

Gießen: „Bazaar“ ist Familienprojekt

Bei der Eröffnung im November 2019 erinnerte der kleine Supermarkt noch an einen Rohbau. Heruntergekommener Boden, kahle Wände, ein paar Holzpaletten mit Reissäcken darauf, fertig. Seitdem hat sich viel getan. Oder besser gesagt: Aleem und Nur haben viel getan.

Die beiden jungen Männer mit pakistanischen Wurzeln haben nach dem Abitur studiert. Aleem Fahrzeugtechnik in Dortmund, Nur Politikwissenschaften in Marburg. Glücklich wurden sie mit diesen Wegen aber nicht. »Unsere Familie ist schon immer selbstständig gewesen. Wir hatten daher auch schon nach dem Abitur mit dem Gedanken gespielt, in die Geschäftswelt einzusteigen. Wir waren aber noch nicht bereit dazu«, erzählt Aleem. Als dann sein Vater seinen Lebensmittelladen in der Walltorstraße wegen dem Verkauf des Gebäudes und der damit einhergehenden Mieterhöhung aufgeben musste, schlug er dem Nachwuchs vor, zusammen etwas auf die Beine zu stellen. »Wir hatten unser Studium gerade abgebrochen und waren nach Gießen zurückgekehrt. Wir hatten also nichts in der Hand. Daher haben wir die Chance ergriffen.«

„Bazaar“ in der Gießener Schützenstraße versetzt Kunden in den Orient

Bevor aus den Studenten Geschäftsmänner wurden, mussten sie aber erstmal auf den Bau. Die gesamte Renovierung der Verkaufsfläche lag in ihren Händen. Heute betreten die Kunden den Laden über eine selbstgefertigte Treppe und moderne Türen, sie schreiten über neuen Boden und nehmen sich Produkte aus Regalen, die an frisch renovierten Wänden hängen.

Der »Bazaar« in der Schützenstraße erinnert tatsächlich an jene kleinen Einkaufsläden aus Asien und dem Orient, in denen alles verfügbar ist. Haushaltswaren wie Reiskocher, Gasgrills, indische Öfen für Naan-Brot oder ostafrikanische Kaffekannen, eine schier unendliche Auswahl an Reis, Tee und Gewürzen, Fertiggerichte, Konserven, aber auch Spielzeug, Bettdecken, orientalische Kosmetika und Reisekoffer finden sich in den Regalen. In einem Nebenraum ist neuerdings auch eine Metzgerei untergebracht, in der die Kunden Huhn, Pute, Rind und Lamm bekommen können. »Alles halal«, sagt Aleem und fügt an, dass künftig auch frischer Fisch zum Angebot gehören soll.

Gießen: Der „Bazaar“ und die Corona-Pandemie

Laut dem Statistikportal statista meldeten 2019 in Deutschland 19 005 Firmen Insolvenz an. Am häufigsten betroffen waren Unternehmer, deren Geschäfte noch keine zwei Jahre auf dem Markt waren. Das macht deutlich, welches Wagnis der Sprung in die Selbstständigkeit sein kann.

Dass es Aleem und Nur Ud-Din Khan besser ergangen ist, hat mehrere Gründe. Zum einen haben sie von Anfang an versucht, ihr Geld zusammenzuhalten. »Wir haben alles selber gemacht und nur in unseren Laden finanziert. Werbung kam erst später dazu«, sagt Aleem. Natürlich profitiert der internationale Supermarkt auch von der multikulturell geprägten Stadt. Und nicht zuletzt kam den beiden Cousins etwas zugute, das vielen anderen Geschäftsleuten das Genick gebrochen hat: Corona.

»Während der Pandemie ist unser Kundenzufluss gewachsen. Vermutlich, weil die Leute Angst hatten, keine Lebensmittel mehr zu bekommen«, sagt Aleem. Vielen Vertretern der Lebensmittelbranche ging es so. Was bei »Bazaar« dazukommt, ist die Exklusivität. Äthiopisches Fingerhirsemehl findet man bei Lidl, Rewe und Co. eben eher selten.

„Gießener Jungs“: Nachhaltigkeit ist sehr wichtig

Der »Bazaar« ist ein traditionelles Geschäft, wie es sie in vielen Städten gibt. Aleem und Nur Ud-Din Khan wollen daran auch nichts Grundlegendes ändern. »Wir wollen aber frisches Blut einbringen. Unser Laden ist traditionell, aber mit europäischem Einfluss«, sagt Nur. Aleem sieht es genauso und betont, dass ihm Nachhaltigkeit sehr wichtig sei. »Wir arbeiten mit ökologischen Verpackungen und bieten sie der Gastronomie an. Die biologisch abbaubaren Becher des Gießener Eiscafés Kussmund sind zum Beispiel von uns.«

Während die beiden Cousins über ihre Pläne sprechen, begutachtet eine verschleierte Frau gerade eine Packung Kichererbsen. Im gleichen Moment betritt ein Mann mit imposanten Schnauzbart den Laden und grüßt mit einem derben »Servus«. Aleem freut sich über diese Heterogenität. »Wir wollen ein Geschäft für alle sein, nicht nur für Ausländer«, betont der 29-Jährige. Lächelnd fügt er hinzu: »Wir sind schließlich selbst Gießener Jungs - auch wenn unsere Wurzeln in Pakistan liegen.«

„Bazaar“ Gießen: Ausbau und Onlineshop sollen folgen

Aleem und Nur Ud-Din Khan haben große Pläne. Sie wollen zum Beispiel das obere Stockwerk ausbauen und dort orientalische Möbel anbieten. Geplant ist auch ein Onlineshop, über den das Sortiment in die ganze Welt verschickt werden soll.

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