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Coronavirus

Gießener Corona-Chronik: Wie im falschen Film

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März 2020: Ein Monat, den wir nie vergessen werden. Das Virus SARS-CoV-2 erreicht Gießen und stellt den Alltag radikal auf den Kopf. Dies ist die Chronik der Ereignisse.

PROLOG:In der Ausgabe der Gießener Allgemeinen Zeitung (GAZ) vom 21. Februar erscheint ein Artikel unter der Überschrift "Grippe grassiert in Deutschland". Bilanz seit Herbst laut Robert-Koch-Institut (RKI): Knapp 80 000 Infektionen, 13 000 Patienten in Krankenhäusern, 130 Tote. Ein chinesischer Wissenschaftler wird zitiert: "Das neue Corona-virus kann zu einer Langzeitkrankheit werden, die genau wie die Grippe mir den Menschen koexistiert." Aber Covid-19 ist noch ganz weit weg. Kreisgesundheitsdezernent Klaus-Peter Stock Ende Januar: "Grundsätzlich ist das große Interesse am Coronavirus wegen der drastischen Zunahme der Fälle in China und der vergleichsweise noch geringen Kenntnisse über Krankheitsverläufe und Erreger verständlich, objektiv aber nicht gerechtfertigt." (Lesen Sie auch: Aktuelle Corona-Entwicklungen in Gießen und Umgebung

Freitag, 28. Februar:Covid-19 ist in Deutschland, Hessen und Gießen angekommen. Der erste infizierte Hesse ist ein Mann aus dem Lahn-Dill-Kreis, der auf Dienstreise in der Lombardei war. Ab jetzt geht es Schlag auf Schlag: Am Samstag gibt Gießens Landrätin Anita Schneider auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz die ersten beiden Infektionen im Landkreis Gießen bekannt: eine Gießener Studentin und ihr Mitbewohner, die in der Karnevals-Hochburg Heinsberg am Niederrhein gefeiert hatten. Am gleichen Tag feiert die Gießener DLRG die Grundsteinlegung fürs neue Vereinsheim. Ministerpräsident Volker Bouffier ist gekommen - und schüttelt ein letztes Mal Hände.

Dienstag, 3. März:Die GAZ berichtet über erste Hamsterkäufe. Nudeln, Konserven und Drogerieprodukte seien "außergewöhnlich stark nachgefragt", bestätigen Rewe und Lidl. Die Band OK KID wirbt für ihr Festival "Stadt ohne Meer" im Mai. Daneben steht die erste Absage: eine Bürgerversammlung zum Ausbau der Rathenaustraße.

Mittwoch, 4. März:Die im Gesundheitsnetz der Gießener Hausärzte zusammengeschlossenen rund 30 Praxen setzen in der GAZ einen Hilferuf ab und fordern Testzentren für Corona-Verdachtsfälle. In Hüttenberg wird ein Unternehmen für Messtechnik vorerst geschlossen. Ein Mitarbeiter ist mit Covid 19 infiziert, die gesamte Belegschaft begibt sich in Quarantäne.

Samstag 7. März:Unruhe in der Elternschaft einiger Gießener Schulen. Nach Skifreizeiten in Südtirol, das in der Nacht zum 7. März vom RKI zum Risikogebiet erklärt wird, klagen Schüler über Erkältungssymptome. Im Fall der Gießener Aliceschule schickt das Kreisgesundheitsamt eine ganze Reisegruppe in Quarantäne, weil ein Schüler Fieber hat. Die Gießen 46ers verlieren das Hessen-Derby gegen die Skyliners Frankfurt. Die Osthalle ist mit fast 4000 Zuschauern restlos ausverkauft.

Dienstag, 10. März:Deutschland meldet die ersten Covid-19-Toten; zwei Senioren aus Nordrhein-Westfalen. In Gießen wird mit der Neuwagenmesse GINA die erste größere Veranstaltung abgesagt. Die Zahl der Infizierten im Kreis Gießen steigt auf vier.

Freitag, 13. März:Am Nachmittag poppt auf den Smartphones der Redakteure der GAZ-Redaktion eine WhatsApp-Nachricht auf: "Ab Montag sind alle Autoren im Homeoffice. Reine Vorsichtsmaßnahme. Wir haben keinen Verdachtsfall." In Hessen werden ab Montag Schulen und Kindergärten geschlossen sein. Für Kinder von Eltern mit "systemrelevanten" Berufen wie Krankenschwester oder Supermarktverkäuferin wird eine Notbetreuung angeboten. Die vorderen Türen der Stadtbusse bleiben zu, um die Fahrer vor Ansteckung zu schützen. "Coronavirus legt Gießen lahm", lautet eine Überschrift.

Montag, 16 März:Die erste "Shutdown"-Woche hat begonnen. Das Rathaus schließt. Wer keinen Termin vereinbart hat, kommt nicht mehr rein. Auf Mallorca sitzen Rennradler aus Gießen fest, am Dienstagabend schließen die Kinos und die Gaststätten. Stammkunden verabschieden sich von ihren Wirtsleuten - auf unbestimmte Zeit. Auch die Tafeln müssen schließen. Die Fußgängerzone leert sich, weil immer mehr Läden geschlossen werden. Eine GAZ-Reporterin nimmt "angespannte Abschiedsstimmung" wahr.

Mittwoch, 18. März:Am Abend richtet sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache an die Deutschen. "Es ist ernst. Nehmen Sie es ernst", sagt die Regierungschefin. In Gießen sind Spielplätze und Sportplätze ab diesem 18. März geschlossen. Aber bei warmen Frühlingstemperaturen spielen sich am frühen Abend absurde Szenen an der Lahn und im Stadtpark Wieseckaue ab, wo Hunderte junge Leute in größeren Gruppen chillen und gemeinsam Sport treiben. Eine Online-Meldung der GAZ sorgt noch am Abend im Netz für einen Shitstorm über so viel Unvernunft. Die Botschaft indes, dass so etwas jetzt nicht mehr geht, scheint anzukommen. Der kleine Artikel wird bei Facebook von über 2300 Lesern geteilt. Am nächsten Vormittag werden Spielplätze und Sportanlagen von Garten- und Ordnungsamt gesperrt.

Freitag, 20. März:Whats-App vom Blattmacher der Stadtredaktion: "Erster Covid-19-Patient intensiv am UKGM." Das Universitätsklinikum und die drei Krankenhäuser in Stadt und Kreis bereiten sich auf weitere schwere Fälle vor: Das Personal sei "hoch motiviert", heißt es. Am Abend wendet sich Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in einer Videobotschaft an die Gießener. Sie spricht von einer "großen Bewährungsprobe" für die Stadt. Es wird bitter: Beerdigungen dürfen nur noch in einem ganz kleinen Kreis stattfinden.

Samstag, 21. März:Im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erklärt der aus Gießen stammende Kanzleramtschef Helge Braun diesen Samstag zum "entscheidenden Tag". Er wird auch in Gießen keinen Anlass für die Verhängung einer Ausgangssperre bieten. Durch die Straßen pfeift ein eiskalter Ostwind, ab dem Nachmittag ist das öffentliche Leben wie eingefroren. Nebeneffekt: Die Innenstadt ist nahezu autofrei und die Luft so schadstoffarm wie lange nicht. Die Stimmung indes, die scheint nach drei Wochen Corona-Alarm auf einem Tiefpunkt angelangt zu sein.

Dienstag, 24. März:Die GAZ-Stadtredaktion sorgt für Ablenkung und hat Mathematikum-Leiter Albrecht Beutels-pacher für eine Serie mit Zahlenrätseln gewonnen. Andere Zahlen steigen unentwegt: 1352 Hessen sind infiziert, vier Hessen sind an SARS-CoV-2 gestorben. Das UKGM wird "Schwerpunktklinik" bei der Bekämpfung des Virus.

Donnerstag, 26. März:In den Supermärkten und Bäckereien geht das Personal vor den Kunden hinter Plexiglas in Deckung. "Hinter dem Spuckschutz fühle ich mich sicher", sagt eine Verkäuferin.

Samstag, 28. März:Ein historisches Datum: Vor 75 Jahren endete in Gießen mit dem Einmarsch der Amerikaner der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft. Tausende Gießener fielen ihr zum Opfer. Im UKGM werden mittlerweile vier Infizierte intensivmedizinisch behandelt. Das Corona-Testcenter soll aus Lich nach Gießen in die Rivers-Halle umziehen. Der aus Mittelhessen stammende Finanzminister Dr. Thomas Schäfer nimmt sich das Leben. Die "riesigen Erwartungen der Bevölkerung" in der Corona-Krise hätten seinem Freund zugesetzt, sagt Ministerpräsident Bouffier. "Er war verzweifelt und ging von uns", erklärt der "MP".

Dienstag, 31. März:Ein Monat geht zuende, in dem sich nicht nur die knapp 90 000 Gießener wie in einem falschen Film gewähnt haben. Aber alles ist wahr - und die Welle der Hilfsbereitschaft ungebrochen. 600 Gießener haben sich gemeldet, um in den Krankenhäusern zu helfen.

EPILOG:1. April, und es ist kein Scherz: Vor der Rivers-Sporthalle fahren Autos vor, deren Insassen sich von Menschen in Schutzanzügen einen Abstrich aus dem Rachen nehmen lassen. Es sind Szenen wie aus einem Thriller über Bioterrorismus. Bulletin Nummer 39 am Gründonnerstag, dem 9. April: 5384 Hessen sind infiziert, 103 an SARS-CoV-2 gestorben. Im Kreis Gießen gibt es 175 Infizierte, aber noch keinen Todesfall. Wer an Ostern beten will, kann das in den Kirchen tun, aber halten Sie 1,5 Meter Abstand zueinander. Frohe Ostern - und bleiben Sie gesund.

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